Aktion Mensch-Blog

Für 10 % unverzichtbar, für 40 % notwendig und für den Rest komfortabel

von Christian Judith

Barrierefreie Veranstaltung – wie geht das?

Zeichnung: Livia Gleiß

Ich bin Rollstuhlfahrer, besser: Dreiradfahrer, bin körperbehindert und eher nicht so groß. Wenn ich auf ein Konzert rolle, sehe ich in der Regel nichts von den Künstlerinnen und Künstlern auf der Bühne. Entweder muss ich in die erste Reihe, wo ich Angst habe, zerdrückt zu werden, oder ich muss mich mit Hören zufrieden geben. Falls die Veranstalter an ein Podest gedacht haben, auf dem ich stehen kann, und ich dann auch noch auf die Toilette komme, wird es so gut wie immer ein schöner Abend.

Mehr und mehr Menschen mit Behinderung wollen raus aus der Wohnung und hinein ins Leben dieser Gesellschaft. Das klingt logisch und wird von der Politik – zumindest in den Parteiprogrammen – so gewollt. Doch das heißt auch, sie wollen nicht nur am Park oder an der Fußgängerzone teilhaben. Wir wollen teilhaben am kulturellen Leben, egal, ob es ein Konzert, eine Ausstellung, eine Fachtagung oder ein Kaffeekränzchen ist. Voraussetzung dafür ist die Barrierefreiheit.

Barrierefreiheit nicht nur für Rollstuhlfahrer

Es gibt die vielfältigsten Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Sie stellen unterschiedliche Anforderungen an die Barrierefreiheit. Ein gehörloser Mensch braucht Gebärdensprache, ein schwerhöriger Mensch Schriftmittlung und eine Höranlage, und ein blinder Mensch braucht seine Informationen nicht in Schwarz auf Weiß, sondern hörbar oder als Blindenschrift oder in Großdruck bei anderen Sehbehinderungen.

Das Bundeskompetenzzentrum für Barrierefreiheit e.V. (BKB) in Berlin und unsere Firma K Produktion haben eine Checkliste für barrierefreie Veranstaltungen erstellt.
Diese Handreichung wurde abschließend auf einem Fachtag mit den Mitgliedsverbänden des BKB abgestimmt.

Die Broschüre informiert umfassend über Barrierefreiheit. Dennoch ist Barrierefreiheit kein statischer Begriff. Barrierefreiheit ist ein Prozess: Wahrnehmung von und Erkenntnisse über Barrieren und deren Beseitigung müssen weiter entwickelt werden.

Barrierefreiheit früh einplanen

Je früher die Barrierefreiheit bei Veranstaltungen bedacht wird, desto kostengünstiger wird sie werden.

Wähle ich einen Ort, der ohne Stufen zu erreichen ist, brauche ich keinen Aufzug oder eine Treppenraupe. Wenn sich die Teilnehmer der Veranstaltung anmelden, kann ich mit der Anmeldung den persönlichen Bedarf abfragen.
Die Menschen sollen sich eingeladen fühlen. Frage ich: „Was brauchen Sie?“, so ist diese Frage nicht so einladend wie die Frage: „Wie können wir Barrierefreiheit für Sie sicherstellen?“ und „Können wir noch an etwas denken?“ Wenn sich dann kein Mensch mit dem Bedarf Gebärdensprache anmeldet, muss ich auch keine entsprechenden Dolmetscher bereithalten.

Wichtig ist der Grundsatz: Anfangen und sich auf den Weg machen. Dabei passieren Fehler, aber das ist nicht schlimm. Schlimm ist, wenn erst gar nicht angefangen wird.

Willkommenskultur gestalten

Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein behinderter Menschen wächst bei uns auch eine andere Erkenntnis: Es ist wichtig, eine Willkommenskultur zu gestalten. Einfach für die Begleithunde einen Napf mit Wasser zu haben und zu wissen, wo der Hund in der Nähe ausgeführt werden kann. Eine Veranstaltung, bei der es nicht nur Stehtische gibt, sondern auch Tische, die für Rollstuhlfahrerinnen und mich als kleinwüchsiger Mensch zu nutzen sind.
Wie oft war ich bei Empfängen und könnte gut darüber berichten, was ich alles in den Nasen meines Gegenübers sah. Einfach, weil eine Begegnung auf Augenhöhe gar nicht möglich war. Bei einem Stehempfang muss ich mein Gegenüber nun mal von unten nach oben betrachten.

Wenn wir eine inklusive Gesellschaft wollen, dann muss sich diese Gesellschaft samt ihrer Bau- und Gedankensubstanz verändern und weiterentwickeln. Für eine Veranstaltung bedeutet Teilhabe dann: teilnehmen, verstehen und kommunizieren können.
 
Weitere Informationen:
"Handreichung und Checkliste für barrierefreie Veranstaltungen" vom Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit und K Produktion (PDF-Dokument)

Barrierefrei auf der lit.COLOGNE 2013

Die Aktion Mensch engagiert sich auf der lit.COLOGNE 2013, einem der größten Literaturfestivals Europas. Um möglichst vielen Menschen – ob mit oder ohne Behinderung – die Teilnahme an diesem Kulturereignis zu ermöglichen, sorgt die deutsche Förderorganisation für eine umfassende barrierefreie Gestaltung von vier Veranstaltungsorten. Insgesamt 21 von 206 Veranstaltungen sind vom 6. bis 16. März 2013 für Rollstuhlfahrer uneingeschränkt zugänglich. Sie werden zudem mit Akustik- und Induktionsschleifen ausgestattet und von Gebärdensprach- und Schriftdolmetschern begleitet.

Alle barrierefreien Veranstaltungsorte und Veranstaltungen der lit.COLOGNE 2013 im Einzelnen:

Expo XXI:
07.03.2013, 19:30 Uhr // Christian Brückner und David Vann lesen einen unerhört radikalen Familienroman
08.03.2013, 19:30 Uhr // Besserwissen I - Nassim Nicholas Taleb feiert den Zufall
09.03.2013, 19:30 Uhr // Joachim Meyerhoff ist in der Psychiatrie zu Hause
11.03.2013, 19:30 Uhr // Wer nichts weiß, muss alles glauben! Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln – mit den Science Busters
12.03.2013, 19:30 Uhr // Die Provinz verschweigt immer – Ein Eifel-Abend: mit Jacques Berndorf, Achim Konejung, Ralf Kramp, Norbert Scheuer und Martin Stankowski
13.03.2013, 19:30 Uhr // Marc Brandenburg & David Rees über die Kunst, einen Bleistift zu spitzen
14.03.2013, 19:30 Uhr // Etgar Keret, Shalom Auslander und Gerd Köster: bitterböse, komisch, furios!
14.03.2013, 19:30 Uhr // Danielle de Picciotto und Alexander Hacke Are Gypsies Now

Oper am Dom:
10.03.2013, 20:00 Uhr // Philippe Pozzo di Borgo, Abdel Sellou und Walter Sittler sind ziemlich beste Freunde
14.03.2013, 18:00 Uhr // Elizabeth George und Stefan Wilkening treffen Inspektor Thomas Lynley – "Zwei wie Spreng und Stoff"
14.03.2013, 21:00 Uhr // Dieter Nuhr und das Geheimnis des perfekten Tages

Festhalle Gürzenich:
13.03.2013, 19:30 Uhr // Michail Gorbatschow – Alles zu seiner Zeit

lit.kid.COLOGNE in der Kirche St. Georg:
08.03.2013, 10 Uhr // Klasse-Buch: Barbara Laban – Im Zeichen des Mondfests
08.03.2013, 12 Uhr // Klasse-Buch: Barbara Laban – Im Zeichen des Mondfests
12.03.2013, 10 Uhr // Klasse-Buch: Brigitte Blobel – Blind Date
12.03.2013, 12 Uhr // Klasse-Buch: Monika Feth – Der Sommerfänger
13.03.2013, 10 Uhr // Klasse-Buch: Boris Koch – Vier Beutel Asche
13.03.2013, 12 Uhr // Klasse-Buch: Martin Grzimek – Tristan
14.03.2013, 17 Uhr // Eine musikalische Lesung aus Markus Zusaks Bücherdiebin
15.03.2013, 12 Uhr // Klasse-Buch: Meg Rosoff – Oh. Mein. Gott

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