Freunde in der Baker Street

von Sascha Stienen

Diese beiden Zahlenmenschen verbindet mehr als nur die Arbeit in der Buchhaltung: Die Freunde Ulrike Diemann und Peter Hippchen treffen sich auch im Alltag.
 

Ulrike Diemann und Peter Hippchen in ihrem Lieblingscafé

Stienen/Aktion Mensch

Im Saarbrücker Pub „Baker Street“ treffen sich an diesem Dienstag zwar nicht Sherlock Holmes und Doktor Watson auf einen Cappuccino mit Sahne, aber ein anderes bemerkenswertes Freundespaar. Auf der gemütlichen Ledercouch im „Criminal Tearoom“ lassen sich Ulrike „Uli“ Diemann (53) und Peter Hippchen (60) ihren Kaffee schmecken. Ulrike Diemann hilft ihrem Freund und Kollegen dabei, reicht ihm wie selbstverständlich das hohe Glas mit dem Milchkaffee, damit er aus einem Strohhalm trinken kann. Selbst halten könnte Peter Hippchen das Glas nicht so leicht, weil er durch seine spastische Behinderung motorisch stark beeinträchtigt ist.

Vier Augen sehen mehr als zwei

Für Ulrike Diemann sind solche kleinen Hilfestellungen völlig normal, denn die beiden kennen sich schon seit 15 Jahren. In dieser Zeit sind aus den beiden Kollegen Freunde geworden. Gemeinsam sind Ulrike Diemann aus Saarbrücken und Peter Hippchen aus Beckingen in der Buchhaltung der Miteinander leben lernen gGmbH tätig. Ob Bilanzen, Auswertungen oder Gewinn- und Verlustrechnungen: Stets unterstützen sich die beiden gegenseitig. Es herrscht das Vier-Augen-Prinzip. Und was der eine manchmal nicht sieht, darauf kommt dann der andere. Bei Zahlen steckt der Teufel manchmal im Detail, berichten beide. Und Ulrike Diemann ist froh, dass Peter Hippchen ihr den einen oder anderen Kniff beigebracht hat. So finden sie meist den Fehler, wenn mal eine Rechnung nicht stimmt.

Peter Hippchen berichtet, dass ein Sauerstoffmangel bei der Geburt die Ursache für seine körperliche Behinderung war. Er hat drei Geschwister,  mit denen er auf dem Bauernhof groß geworden ist. Schon als Junge fuhr er Traktor, berichtet er. „Mein Vater hat mich immer motiviert, alles auszuprobieren.“ So bretterte er bereits mit fünf Jahren über den Rübenacker und wurde mit dem Fahren wie selbstverständlich groß. „Mein erstes Auto war ein Opel Kadett A in den Siebzigern. Die waren noch eckig gebaut“, erzählt er. Um dann schmunzelnd zu ergänzen: „Der Kofferraum war so groß, da passten noch sechs Kästen Bier auf einmal rein.“

Hündin Cora hilft beim Anziehen

Für Peter Hippchen gilt mit seiner Behinderung das Motto: „Geht nichts, gibt’s nicht“. So lebt er ein selbstbestimmtes Leben mit seiner Frau Monika und Hündin Cora im eigenen Haus.  Peter Hippchen unterstützt auch seine Frau, die im Rollstuhl sitzt. Und Peter Hippchen weiß sich zu helfen: Hündin Cora hat er einige Tricks beigebracht, mit denen sie ihren Herrchen helfen kann, zum Beispiel beim Anziehen.

Für Ulrike Diemann ist Peter Hippchen wie ein großer Bruder: „Wenn ich Sorgen und Probleme habe, rufe ich Peter einfach an. Er hat ein offenes Ohr für mich.“ Beim Umzug ihrer Tochter Carina (25) nach München steuerte Peter Hippchen einen Umzugswagen – und das ging so souverän und mutig durch enge Straßen, dass „Uli“ über die Fahrkünste ihres Freundes nur noch staunte.

Die beiden lachen viel, auch beim Kaffee im Pub „Baker Street“. Die anderen Gäste nehmen an diesem Tag nicht viel Notiz von den beiden. Manchmal ist das jedoch anders, berichtet Ulrike Diemann. Dann starren manche Menschen schon recht aufdringlich zu ihnen rüber, zum Beispiel wenn sie ihren Freund füttert, damit sein Essen oder der Cappuccino mit Sahne nicht kalt wird.   

Ein Tänzchen im Büro

Als saarländische „Sießschniss“ freuen sich die Kollegen immer über süße Leckereien und wagen im Büro zu ihrer Lieblingsradiomusik schon mal ein Pausen-Tänzchen, bevor es wieder an die Zahlen geht. Auch im „Baker Street“ gibt es einen extrem süßen Kuchen, bevor jeder wieder seiner Wege geht. Beziehungsweise fährt: Peter Hippchen rollt mit einem Spezialliegerad durch die Fußgängerzone bis zum Bahnhof, kauft sich noch zwei frische Lieblingsbrezeln und telefoniert aus dem Zug per Handy mit seiner Frau, um anzukündigen, dass er in Kürze da sein wird. Auch das Stück vom Zielbahnhof fährt er mit dem Rad nach Hause.

 

Info: Die Aktion Mensch unterstützte die inklusive Wohngemeinschaft „Kurze Straße“ der Miteinander leben lernen gGmbH bei der Einrichtung eines Fahrstuhls.

 

Linktipps

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