Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Frau mit Behinderung, Mutter und Erwerbstätige: Ist die Dreifachbelastung zu schaffen?

Eins war für mich immer klar: Ich wollte eine Familie mit Kindern und auch im Beruf erfolgreich sein. Und das nicht nur aus ökonomischer Notwendigkeit heraus, sondern vor allem, um ein selbstbestimmtes, ausgefülltes Leben zu führen. Fakt ist jedoch, dass es für jede Frau - unabhängig davon, ob sie eine Behinderung hat oder nicht - ein enormer Kraftakt ist, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Wenn dann noch eine Behinderung hinzukommt, müssen viele Frauen bis an ihre Grenzen gehen. Staatliche Unterstützung in Form einer Elternassistenz wird ihnen oft verwehrt, und wenn sie gewährt wird, dann einkommensabhängig. Einen Rechtsanspruch darauf gibt es bis heute nicht.

Auch Silke hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass Glück für sie gleichermaßen berufliches Fortkommen und eine Familie bedeutet, zu der Kinder ganz selbstverständlich dazugehören. Davon hat sie auch ihre spastische Tetraparese, mit der sie geboren wurde, niemals abgehalten. Doch diese Dreifachbelastung hat der gelernten Industriekauffrau und Verwaltungswirtin, die in Frankfurt wohnte und dort in der Stadtverwaltung tätig war, alles abverlangt. Nach der Geburt ihrer Tochter Mandy war Silke zunächst sehr auf sich allein gestellt. Die Eltern und Schwiegereltern konnten sie kaum unterstützen. Ihr Mann studierte und ging nebenbei jobben. Doch gerade bei der Babypflege brauchte Silke Hilfe. Da sie ihre Tochter nicht allein tragen konnte, montierte ihr Mann die Babywippe fest auf einen fahrbaren Küchenwagen. Damit schob Silke die Kleine durch die ganze Wohnung. Zum Glück hatten zwei Freundinnen von Silke ebenfalls kleine Kinder. Die drei Frauen unterstützten sich gegenseitig. Wenn es nach draußen ging, halfen die Freundinnen, Mandy in den Kinderwagen zu legen, bzw. tobten mit den Kindern auf dem Spielplatz. Silke übernahm als Ausgleich die Vorlesestunden für die Kinder oder kochte das Essen. Ohne die Unterstützung der beiden Frauen wäre diese Zeit für Silke kaum zu bewältigen gewesen.

Belastungsgrenze erreicht
Dann zogen alle drei Familien fast zeitgleich aus Frankfurt weg. Silke bezog mit ihrem Mann und ihrer Tochter ein Haus in dem Ort, in dem auch ihre Eltern wohnen. Als Mandy zwei Jahre alt war, nahm Silke ihre Arbeit in der Stadtverwaltung wieder auf, denn sie musste Geld verdienen. Sie arbeitete nun täglich sechs Stunden, musste aber zusätzlich morgens und abends ca. 50 Kilometer Fahrstrecke bewältigen einschließlich der Fahrt durch die ganze Frankfurter Innenstadt. Mandy besuchte eine Kindertagesstätte. Alles lief gut. Silke fühlte sich bei ihrer Arbeit bestätigt, ihr Mann schrieb seine Diplomarbeit und kümmerte sich um Haus und Garten. Schließlich entschieden sich die beiden für ein zweites Kind. Als Silke nach der Geburt ihres Sohnes wieder arbeiten wollte, war die Belastung so groß, dass sie professionelle Unterstützung einfordern musste. Diese beantragte sie beim Sozialamt. Die Amtsärztin war jedoch der Meinung, wer berufstätig ist und zwei Kinder hat, der müsse auch in der Lage sein, die Kinder zu betreuen bzw. die benötigte Betreuung zu bezahlen.

Unterstützung mit Eigenanteil
Silke war über die Äußerung der Ärztin verärgert und erklärte ihr, dass sie keine Hilfe benötige, weil sie berufstätig sei, sondern weil sie aufgrund ihrer Behinderung bestimmte Dinge nicht allein bewältigen könne. Die Amtsärztin lenkte schließlich ein, und Silke bekam für 12 Stunden in der Woche eine Assistenz vom Familienentlastenden Dienst (FED) bewilligt, obwohl sich dessen Angebote eigentlich ausschließlich an Familien mit behinderten Kindern richten und nicht, wie in Silkes Fall, an behinderte Mütter. Problematisch war außerdem, dass Silke und ihr Mann diese Assistenz mitfinanzieren mussten, da eine solche Unterstützung einkommensabhängig ist.

Wo bleibt gleichberechtigte Teilhabe?
Viele Eltern mit Behinderung stehen vor gleichen oder ähnlichen Problemen wie Silke und ihr Mann. Die Notwendigkeit, eine Elternassistenz einzufordern, erwächst jedoch nicht aus der Tatsache, dass Eltern mit Behinderung nicht in der Lage wären, die Erziehung ihrer Kinder zu übernehmen, sondern für sie bedeutet eine Elternschaft ein größerer körperlicher Kraftaufwand, und genau dafür benötigen sie Unterstützung. Für mich bleibt die Frage, warum diese Unterstützung oft verwehrt wird und was das mit gleichberechtigter Teilhabe behinderter Eltern am gesellschaftlichen Leben zu tun hat.

Weitere Informationen:
Familienratgeber: Mütter mit Behinderung
Link- und Textsammlung: Eltern mit Behinderung
Link- und Textsammlung: Familienentlastende Dienste
Aufklärungskampagne "Recht auf Elternassistenz"

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