Inklusion, Aktion Mensch-Blog

„Förderschulen dürfen nicht vorschnell geschlossen werden“

Interview mit Marianne Schardt, Mitglied des Bundesvorstands des Verbands Sonderpädagogik, über die Rolle der Sonderpädagogik in einem inklusiven Schulsystem

Marianne Schardt privat

Marianne Schardt (64) ist seit 1998 Schulleiterin einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Sie ist Mitglied des Bundesvorstands des Verbands Sonderpädagogik e. V. und dort zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Mit Heiko Kunert spricht sie über die Rolle der Sonderpädagogik in Zeiten der Inklusion.


Heiko Kunert: Sonderpädagogik und Inklusion scheinen einander zu widersprechen. Wie sehen Sie das?
Marianne Schardt: Sonderpädagogik und Inklusion bedingen einander in inklusiven Schulen. Um den Kindern mit Behinderungen eine optimale Förderung zukommen zu lassen, ist die Unterstützung durch Sonderpädagogen erforderlich. Denn nur so kann die Qualität des Unterrichts für diese Kinder erhalten bleiben.

Inklusion kein Sparmodell

Was halten Sie von schulischer Inklusion, und wie schätzen Sie die Umsetzung in Deutschland ein?
Schulische Inklusion ist voranzubringen und mit allen Mitteln zu unterstützen. Allerdings muss sorgfältig darauf geachtet werden, dass es kein Sparmodell ist. Gute inklusive Strukturen ermöglichen es allen Kindern – egal ob mit oder ohne Behinderung –, individuell und erfolgreich zu lernen. Leider rollt in Deutschland der Zug momentan häufig, ohne dass diese Strukturen im Vorfeld geschaffen wurden.

Woran mangelt es konkret?
Notwendig wären zum Beispiel eine fundierte Vorbereitung der Lehrerinnen und Lehrer in den Allgemeinen Schulen und gezielte Fortbildungen für die Arbeit in inklusiven Strukturen. Einige Stichworte hier lauten Teamteaching, Beratung, Classroom-Management und Förderplanarbeit. Der Unterricht muss sich so verändern, dass alle Kinder die Chance haben, nach ihren Möglichkeiten, Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen zu können. Dies bedeutet, dass vermehrt offene differenzierende Unterrichtsmethoden eingesetzt werden müssen.

Viele Eltern wollen Förderschulen

Braucht es Ihrer Meinung nach Sonderschulen für Kinder mit Behinderung?
Wenn wir es ernst meinen mit dem Elternwillen, dann ist zu berücksichtigen, dass viele Eltern auch weiterhin für ihre Kinder Förderschulen einfordern. Auch in den Zeiten des Übergangs dürfen Förderschulen nicht vorschnell geschlossen werden, nur weil es finanzielle Vorteile bringt, sondern erst wenn die Allgemeine Schule in allen Belangen so aufgestellt ist, dass sie alle Aufgaben übernehmen kann, die bisher durch die Förderschulen geleistet wurden. Es wird immer Kinder geben, die aufgrund der Schwere ihrer Behinderung spezielle Angebote benötigen. Nicht zu vergessen ist, dass auch die Peergroup – das Zusammensein mit Kindern und Jugendlichen mit gleichem Handicap – oft eine wichtige Rolle spielt.

Welche Rolle sollte die Sonderpädagogik in einem inklusiven Schulsystem zukünftig spielen?
Sonderpädagogik in inklusiven Systemen sorgt für die notwendige Professionalität in der gemeinsamen Arbeit. Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen bringen ihr Wissen aus den Bereichen Diagnostik und Förderplanarbeit in die Zusammenarbeit ein, sie sind wichtige Partner, wenn es um die Beratung von Kindern und deren Eltern geht. Sie verstehen sich als zuständig für alle Kinder in der Klasse und unterrichten auch.


Linktipps:
Das Handlungsfeld "In der Schule" der Aktion Mensch
"Schule für alle gestalten": Das Praxisheft der Aktion Mensch für Lehrerinnen und Lehrer (PDF-Dokument)
Lehrer mit Hörbehinderung. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über einen Sonderpädagogen mit Hörbehinderung
Die Sonderpädagogik in Zeiten der Inklusion. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Chancen und Herausforderungen für Sonderpädagogen in der schulischen Inklusion
Inklusion – ein Lehrstück. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen mit persönlichen Erfahrungen und Überlegungen zur schulischen Inklusion

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