Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Förderschule für alle: Verkehrte Welt?

Da gibt es einerseits Eltern, denen die Öffnung der Regelschulen für Kinder mit Behinderung gar nicht recht ist – aus Sorge, das Lerntempo und das Anforderungsniveau seien zu niedrig für ihr eigenes, nicht behindertes Kind. Doch auf der anderen Seite sind Eltern davon begeistert, dass die Förderschule in ihrer Nachbarschaft bald auch Kinder ohne Behinderung aufnimmt – und melden es dort sofort an. Wie am Kardinal-von-Galen-Haus in Dinklage (Niedersachsen) oder an der Vincenzschule Aulhausen im hessischen Rüdesheim.

Unterricht im Kardinal-von-Galen-Haus

Zwölf Kinder ohne und sechs Kinder mit Förderbedarf werden ab Herbst im Kardinal-van-Galen-Haus gemeinsam unterrichtet, zehn Kinder ohne und sieben mit Förderbedarf an der Vincenzschule Aulhausen. Während das hessische Kultusministerium dieses Modell aber nur per Ausnahmegenehmigung ermöglicht, können in Niedersachsen seit einer Änderung des Schulgesetzes 2012 alle Förderschulen auch Kinder ohne Behinderung aufnehmen.

Werbetour und Überzeugungsarbeit

Das Kollegium der Vincenzschule Aulhausen hat ein Jahr lang auf diese Genehmigung hingearbeitet, weil es die Gefahr sah, dass Förderschulen im Zuge der Inklusionspolitik künftig nur noch "Restschulen" für sehr schwer behinderte Kinder werden könnten. "Und warum sollte es nicht auch möglich sein, Förderschulen im Sinne einer Grundschule für Kinder ohne Behinderung zu öffnen und einen inklusiven Unterricht für alle anzubieten?", erläutert Rektorin Alice Doberschütz die Motivation. Also sind sie und ihre Kollegen, ebenso wie die Kollegen aus Dinklage, auf Werbetour durch die Kindergärten im Einzugsgebiet gezogen und haben Eltern an die Schulen eingeladen. Und die haben gesehen: kleine Klassen, Doppelbesetzung mit Grundschul- und Förderschullehrer, offene und differenzierte Unterrichtsformen, Mittagessen und Betreuung über die Unterrichtszeit hinaus. "Das alles hat die Eltern überzeugt", Guido Venth, Schulleiter im Kardinal-von-Galen-Haus. Freilich nur jene, die den täglichen Umgang von Menschen mit und ohne Behinderung richtig und wichtig finden. "Alleine unsere tolle Infrastruktur ist nicht ausschlaggebend", sagt Doberschütz.

Die Mischung muss stimmen!

Selbstverständlich kennen auch die beiden Schulleiter die Sorge, dass die Kinder in den inklusiven Klassen nicht das Gleiche lernen wie die an einer Regelschule. Und die Eltern wollten nicht Teil eines sozialen Experiments sein, wie Venth berichtet. Die Mischung musste also stimmen, aus Kindern mit und ohne Behinderung.
Während die Vincenzschule die Kinder so aufgenommen hat, wie sie angemeldet wurden, hat das Kardinal-van-Galen-Haus weitere Kriterien bei der Auswahl der Kinder mit Behinderungen angelegt: In der inklusiven Klasse sitzen sowohl Kinder mit körperlicher als auch mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderung, ADHS und Epilepsie: "Damit sie von den Kindern ohne Behinderung nicht als homogene Gruppe wahrgenommen werden, sondern als Persönlichkeiten mit ganz eigenen Einschränkungen." Und noch eines war Venth wichtig: Alle Kinder kommen aus Dinklage selbst. Damit die Inklusion nicht mit dem Schultag endet, sondern die Kinder sich auch ohne Umstände zum Spielen am Nachmittag oder Wochenende verabreden können.


Beide Schulen im Netz:
Kardinal-von-Galen-Haus in Dinklage
Vincenzschule Aulhausen in Rüdesheim am Rhein

Weitere Schulen, die für Kinder ohne Behinderung offen sind:
Jakob-Muth-Schule in Nürnberg
Waldhofschule in Templin


Linktipps:
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Bildung
"Schule für alle gestalten" – das Aktion-Mensch-Praxisheft für Lehrerinnen und Lehrer als PDF-Download

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