Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Fingertipp-Shopping auf der Kö

Düsseldorfs Königsallee bietet seit kurzem einen neuen Weg für Blinde und Sehbehinderte an – einen Weg auf Fingerspitzen.

Taktiler Stadtplan der Düsseldorfer Königsallee Fotos: Düsseldorf Marketing & Tourismus GmbH

Trotz Amazon sind die Innenstädte gefüllt mit Leben. Das sauer verdiente Geld für neue Klamotten, Technik oder Musik auf den Kopf zu hauen, dabei mit Freunden einen Kaffee zu trinken und durch bunte Innenstädte zu ziehen, ist bei allen Menschen sehr beliebt. Was einen daran hindern kann, sich in den kreischenden Kommerz zu stürzen, ist nicht nur fehlendes Geld oder schlechtes Wetter. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist es erst einmal entscheidend, zu wissen, wo sich was in den menschenüberfluteten Innenstädten befindet.

Machen Sie einmal auf der Schildergasse in Köln die Augen zu und versuchen Sie, Ihren Lieblingsschuhladen zu finden – ja, das wird schwierig. Düsseldorfs Kö bietet seit kurzem einen neuen Weg für Blinde und Sehbehinderte an – einen Weg auf Fingerspitzen. Meine Finger und Füße haben sich durch Düsseldorfs Prachtmeile auf den Weg gemacht.

Ein Knubbel als erster Schritt zur Orientierung

Kö-Bogen, Düsseldorfer Schauspielhaus, oder auch die nächste Toilette – wo ist das? Ähnliche Fragen stellen sich mir oft, wenn ich in fremden Großstädten unterwegs bin. Heute starte ich an der Steinstraße in Düsseldorf. Mein Weg führt direkt auf die Kreuzung Steinstraße – Königsallee. Eine kleine Brücke führt dort über den schmalen Kanal, der parallel zu den Geschäften der Kö in Richtung Norden fließt. Am östlichen Ende der Brücke erhebt sich für das Auge unscheinbar ein ein Meter hohes Plateau aus Sandstein, darauf eine unebene Bronzeplatte. Langsam taste ich die Unebenheiten ab. Als erstes finde ich einen großen Knubbel. Bedeutet dies meinen aktuellen Standort? Die Legende des bronzenen Stadtplans bestätigt meinen Verdacht. Damit ist der erste Schritt zur Orientierung gemacht.

Nach Norden und Süden erstreckt sich die Königsallee im Miniformat. Meine Fingerspitzen gleiten auf der Straße nach Süden – Königsallee steht dort in Pyramidenschrift (Letter, die erhaben von der Fläche und somit tastbar sind). Man muss also nicht die Braille-Schrift beherrschen, um sich in der Bronzewelt Düsseldorfs zurechtzufinden –Barrierefreiheit wurde hier konsequent umgesetzt.
Weitere Straßen und deren Namen kann ich ertasten. Schließlich gleiten meine Fingerspitzen über meinen Standpunkt hinweg bis hoch in den Norden. Ich stoße auf ein Gebäude. Vor dessen Pforten liegt eine erhabene Zahl. Das Gebäude ist in einigen Details ausgestaltet: Deutlich kann ich die geschwungene Form erkennen – Architektur zum Anfassen. Die Legende auf der rechten Seite des Stadtplanausschnitts verrät mir, dass dies der Kö-Bogen ist.

Selbstbestimmung durch Orientierung

Um mich herum versinkt die Umgebung ein bisschen – meine Begleiterinnen vergesse ich für einen Moment. Die räumliche Orientierung hat mich gepackt: Ich entdecke Taxistände, barrierefreie Toiletten und weitere Shopping-Malls und Sehenswürdigkeiten Düsseldorfs. Besonders die Symbole für U-Bahn Eingänge, die einige Millimeter im Boden versinken, haben es mir angetan. Wegebilder prägen sich in meinem Kopf ein. Obwohl ich zum ersten Mal auf der Kö bin, könnte ich nun alleine einkaufen gehen und wieder selbständig den Weg nach Hause finden. Neben mir wird es ein wenig unruhig. Ich muss ewig mit den Fingern an der Stadt geklebt haben. Meine Begleiterin zeigt mir noch einen größeren Stadtplanausschnitt auf der rechten Seite des Sandsteinsockels. Hier bekomme ich einen Eindruck über die weitere Lage, wie es zur Altstadt oder in die Carlstadt geht.

Dann ziehen wir los. Es hat zwar einige Zeit gedauert, auf dem taktilen Stadtplan Düsseldorf und seine Kö zu fassen zu bekommen, aber für den Überblick hat es sich gelohnt. Vielleicht war auch dies der Grund, warum gerade ich als Mann der Einzige war, der mit neuen Schuhen nach Hause gekommen ist.


Linktipps:
Mehr Infos zu Barrierefreiheit in Düsseldorf
Städte zum Ertasten. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Egbert Broerken, der Stadtmodelle aus Bronze für blinde Menschen baut
Reisen mit allen Sinnen. Ein Interview im Blog von Ulrich Steilen mit Laura Kutter, die gemeinsame Touren für blinde, sehbehinderte und sehende Reisegäste veranstaltet
Kunst für alle: Auch Hände können sehen. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die barrierefreien Ausstellungen des Künstlers Horst W. Müller

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