Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Filmreife Behinderung

Filmszene aus "Avatar" / Foto: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Vielleicht hat es der ein oder andere aufmerksame Leser schon mitbekommen: Ich mag Filme. Außergewöhnlich ist das vielleicht nicht, und doch hat mir dieses Hobby schon die ein oder andere interessante Erfahrung für meine Arbeit gebracht. Nicht nur, dass ich meine Diplomarbeit über die Darstellung von Menschen mit Behinderungen im Deutschen Fernsehen geschrieben habe, es ist auch ein guter Gesprächseinstieg, wenn man wenigstens ein bisschen Ahnung von "Star Wars" hat und man nicht die Vermutung äußert, dass Luke Skywalker und Darth Vader verwandt sein könnten.

Ab und zu schaue ich mir auch Filme über das Thema "Behinderung" an, nicht unbedingt, weil ich selbst betroffen bin (es schauen ja auch nicht alle Sportler nur Sportfilme oder Kriminalisten nur den Tatort), sondern weil es mir einen interessanten Einblick auf die Sicht von Menschen mit Behinderung geben kann. Manchen Filmwissenschaftlern würden dabei graue Haare wachsen, wenn sie in Filmen ein Abbild von der Realität suchen, aber manchmal ist der Blick hinter dem Blick doch sehr interessant.

Die Erlösung

Heutzutage ist der Blick sogar in 3D, wie beispielsweise bei "Avatar" (läuft Ostersonntag auf RTL): Ein Soldat, der im Rollstuhl sitzt, bekommt die großartige Möglichkeit, wenigstens virtuell wieder laufen zu können, indem er den Avatar seines verstorbenen Bruder übernimmt. Da es sein sehnlichster Wunsch ist, wieder laufen zu können, entwickelt er sich natürlich schnell zum besten Avatar und springt über Pandora wie Super Mario. In dieser Szene wird ein sehr bekanntes Muster sichtbar: die Erlösung. Es wird in der Geschichte davon ausgegangen, dass ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt oder eine andere Behinderung hat, sich nichts sehnlicher wünscht, als diese Beeinträchtigung loszuwerden. In "Avatar" wird dies sogar so überspitzt, dass der Charakter am Ende durch die Verwandlung "geheilt" wird.

Andere Filme sind da sogar ein bisschen drastischer und bringen die Erlösung durch den Tod, wie beispielsweise in "Das Meer in mir". Der Hauptinhalt des Streifens ist zwar die Selbstbestimmung über das Leben und den Tod, aber der Protagonist ist ein querschnittgelähmter Mann, der einen sehnlichen Todeswunsch hat. Ich frage mich: Wer soll hier erlöst werden? Er oder die Verwandtschaft?
Denn in anderen Filmen sind Behinderte oft eine Belastung für die Familie. Dustin Hoffmann als "Rain Man" nervt seinen Bruder Charlie am Anfang mit seinem Autismus, und erst durch seine außergewöhnlichen Leistungen, beim Black Jack zu betrügen und Streichhölzer zu zählen, kommen sich die beiden näher, oder besser geschrieben: akzeptiert Charlie ihn.

Man könnte jetzt sagen, dass meine Interpretationen der Filme stark konstruiert sind, vielleicht sind sie das auch, aber vielleicht haben es sich die Drehbuchschreiber auch ein bisschen zu einfach gemacht. Würde der Erlösungswunsch auch bei einem Nichtbehinderten so eindrucksvoll wirken? Oder hätte Dustin Hoffmann einen Oscar bekommen, wenn er "normal" gewesen wäre?

Die Schauspieler

Das Schema eines hilflosen Menschen mit Behinderung, der sich wieder wünscht zu laufen oder lieber sterben würde, wenn er schon nicht normal sein kann, ist in der Filmsprache genauso einleuchtend wie ein russischer Spion, eine naive Blondine oder Til Schweiger als Frauenheld. Apropos Til Schweiger, auch er hat einmal in einem Klamaukfilm so getan, als ob er im Rollstuhl sitzt, nur um an einen Basketball zu kommen. "Avatar", "Rain Man" und "Wo ist Fred?" balancieren dabei auch auf einer Gratwanderung in meinem Kopf: Auf der einen Seite finde ich es gut, dass es Behinderungsthemen schaffen, durch aufwändige Produktionen und berühmte Schauspieler in eine breite Öffentlichkeit zu kommen, aber auf der anderen Seite kann die Intention auch Vorurteile bestärken: Behinderte wollen "normal" sein oder müssen ("in ihren Möglichkeiten") mit außergewöhnlichen Taten beeindrucken.
Beim Filmdreh konnte wahrscheinlich kein Mitarbeiter mit einer Behinderung seine Bedenken äußern, weil wohl keiner anwesend war. In keinen der bisher aufgezählten Filme spielte ein Realbehinderter die Hauptrolle. Und so, wie es aussieht, wird auch Christian Ulmens "Einer wie Bruno" so tun, als ob. Wenn eine chinesische Schauspielerin eine japanische Geisha spielt oder Didi Hallervorden in seinem Theater Schauspieler verfärbt, überschlagen sich die Feuilletons mit Empörungen oder kulturellen Analysen. Dass in den meisten Filmen, die sich mit dem Thema Behinderung auseinandersetzen, keine Behinderten mitspielen, lässt Kritiker stattdessen kalt.

Die Ausrede, dass es keine (guten) Schauspieler mit Behinderungen gibt, lasse ich nicht gelten! Christine Urspruch beispielsweise, bekannt aus dem Münsteraner Tatort, die auf die Spitzen zu ihrer Kleinwüchsigkeit besser kontert als der FC St. Pauli, oder die talentierten Theaterschauspieler Jana Zöll und Peter Radtke. Dass es so wenige Schauspieler mit Behinderungen gibt, bedingt sich aber zu einem gewissen Teil auch aus der Nichtsichtbarkeit von Schauspielern mit Handicaps. Es motiviert nicht unbedingt, Schauspieler zu werden, wenn man keine Vorbilder in Filmen sieht bzw. keine Aussicht auf Engagements hat.

Die Liebe

Mir sind wirklich nur wenige Filme bekannt, in denen ein Mensch mit einer Behinderung mitspielt. In "Me too" ist das der Fall, und dieser Film ist auf verschiedenen Ebenen sehr gelungen. Nicht nur, dass der Hauptdarsteller Pablo Pineda das Bild über Menschen mit Down-Syndrom zurechtrückt, der Film versucht sich auch an dem schwierigen Thema Liebe zwischen (Nicht-)Behinderten. Im Gegensatz zum Film "Vincent will Meer", der wohl die seichteste Form des Behindertenfilms ist, in dem sich auf einem Roadtrip ein Junge mit Tourette-Syndrom in eine Magersüchtige verliebt, versucht der Film "Me too" einen Behinderten und eine Nicht-Behinderte zusammenzubringen. Leider bleibt der Film es am Ende schuldig, ob aus "dem einen Mal" mehr werden könnte.
Auch der Film "Renn, wenn du kannst" ließ mich unentschlossen zurück. In der Dreiecksbeziehung zwischen einer Frau, einem Rollifahrer und dessen Zivi kam es zu keinem Knutschfinale, wie man es aus so vielen romantischen Sommerkomödien kennt. Warum konnte sie nicht mit dem Rollstuhlfahrer zusammenkommen? Gut, der Typ war schon anstrengend und hat sie zurückgewiesen, aber warum nicht mal ein Happy End? Naja, wenigstens ist sie nicht aus Mitleid mit ihm zusammengekommen.

So wie man auch alles Mögliche in "Star Wars" hineininterpretieren kann, ist das wohl auch mit den ganzen angesprochenen Filmen möglich. Vielleicht bin ich auch ein bisschen zu kritisch, aber wenn man über die Sympathiewerte eines Chewbaccas diskutieren kann, warum nicht mal über die Erlösungstheorie in Avatar? Mir geht so wenigstens nicht der Gesprächsstoff für die nächsten Partys aus. Davor geht's aber erst mal ins Kino.



Linktipp:
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