Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Filmkritik: "Einer wie Bruno"

"Mit der Verantwortung ist das so: Die muss man tragen, tragen muss man die nämlich", sagt Bruno, der mit seiner 13-jährigen Tochter Radost allein in einer kleinen Plattenbauwohnung lebt. Bruno ist ein ungewöhnlicher Vater, denn er hat eine angeborene Intelligenzschwäche (eine sogenannten Oligophrenie). Und so ist es eher Radost, die die Verantwortung für sich und ihren Vater trägt und neben der Schule auch den Haushalt managt. Bisher waren die beiden ein gutes Team und haben in spielerischer und witziger Weise ihren Alltag gemeistert. Aber die Diskrepanz zwischen Radost auf der einen Seite, die ihren Horizont erweitert und täglich Neues wie die Fotografie und die Liebe zu ihrem neuen Mitschüler Benny für sich entdeckt, und Bruno auf der anderen Seite, der sich gerne Trickfilme anguckt, sein Bonanzafahrrad liebt und mit Stofftieren kommuniziert, wird immer größer – und somit zur Zerreißprobe für beide. Und zu allem Überfluss sind da noch die Kontrollbesuche von Frau Corazon von der Organisation Lebenshilfe. "Was wir hier probieren, funktioniert gut. Aber das ist nicht selbstverständlich", erklärt diese.

Mutige Themenwahl

Genauso wenig selbstverständlich wie Radost und Bruno alleine unter einem Dach ist die Tatsache, dass sich ein Kinofilm der Thematik "Elternschaft mit einer geistigen Behinderung" annimmt. Das ist mutig und verdient Anerkennung. Filme, in denen Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt stehen, können großes Publikum ins Kino locken. Das zeigt der aktuelle Riesenerfolg von "Ziemlich beste Freunde". Die Tragikomödie "Einer wie Bruno" kann da voraussichtlich nicht mithalten. Ich hatte jedenfalls das zweifelhafte Vergnügen, mit nur drei anderen Kinogängern im Saal zu sitzen. Und ich war nicht am frühen Nachmittag in Pusemuckel im Kino, sondern Samstagabend, 20 Uhr, im Zentrum von Köln!

Mangelnde Glaubwürdigkeit

"Einer wie Bruno" ist gefällig, lustig, manchmal traurig. Insgesamt kommt er aber allzu seicht daher. Die Grundthematik, das Verhältnis zwischen Radost, die mit ihrer familiären Situation überfordert ist, und ihrem Vater Bruno, der seine pubertierende Tochter nicht unterstützen kann, ist schnell durchschaut. Danach bietet die Handlung wenig Überraschendes. Bruno macht groben Unfug, und Radost ärgert sich darüber, beziehungsweise schämt sich ins Bodenlose. Das ist zuweilen unterhaltend, bleibt aber an der Oberfläche. Wirklich zu Herzen geht der Film nur in sehr wenigen Szenen. Sein Problem liegt in der mangelnden Glaubwürdigkeit der Vater-Tochter-Beziehung. Radost, wenngleich beeindruckend gespielt von Nachwuchsschauspielerin Lola Dockhorn, wirkt zu erwachsen, zu selbstständig und selbstsicher für eine 13-Jährige. Bruno, der leider in zu vielen Szenen als Lachnummer herhalten muss, ist als "alleinerziehender" Vater überhaupt nicht vorstellbar. Hinzu kommt, dass der Zuschauer so gut wie nichts über Radost verstorbene Mutter erfährt. Das wäre aber notwendig, um die Beziehung Bruno/Radost verständlicher zu machen.

Inklusion wagen und Authentizität gewinnen

Christian Ulmen ist ein großartiger Schauspieler. Als Bruno, dem Vater mit geistiger Behinderung, kann er nicht überzeugen. Ulmen, bekannt aus seiner begnadeten "Herr Lehmann"-Verkörperung des gleichnamigen Films von Leander Hausmann, überspannt den Bogen. Sprachlich, gestisch und mimisch drückt er in einigen Szenen zu stark aufs Gas – und fliegt aus der Kurve.
Ein Schauspieler, der im Krimi einen Mörder spielt, muss im wirklichen Leben nicht gemordet haben. Eine Schauspielerin, die auf der Bühne ihre Zuschauer als Prinzessin verzaubert, kann aus einer Arbeiterfamilie stammen. Aber Bruno wäre vielleicht besser von einem Schauspieler verkörpert worden, der tatsächlich eine sogenannte geistige Behinderung hat. Die Frage nach der richtigen Rollenbesetzung von Filmfiguren mit Behinderung, hat bereits Raúl Krauthausen in diesem Blog thematisiert. Ich bin weder Regisseur noch Filmproduzent. Aber ich stimme der Kritik der Berliner Zeitung über den Lehrer und Schauspieler Pablo Pineda zu: "Und doch spielt kein Filmstar der Welt so authentisch wie Pablo Pineda." Der Spanier schaffte nicht nur als erster Mensch mit Down-Syndrom weltweit einen Universitätsabschluss, sondern konnte auch als Hauptdarsteller im Spielfilm "Me too – Wer will schon normal sein?" absolut überzeugen.

Regisseure sollten es versuchen: Mehr Inklusion wagen und höhere Authentizität gewinnen! Das kann Kinosäle füllen – sogar in Köln.



Linktipp:
Inklusionsblog der Aktion Mensch: Ziemlich beste Assistenten
Inklusionsblog der Aktion Mensch: Außer Rand und Brandschutz
Begleitete Elternschaft: Informationen und Unterstützungsangebote für Eltern mit geistiger Behinderung

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