Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Fachkräftemangel als Chance für Menschen mit Behinderung?

Es war der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung, als der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main, Christof Riess, behauptete: "Im Handwerk haben Menschen mit Behinderung gute Chancen." Schon weil der Fachkräftemangel in bestimmten Branchen es nicht erlaube, auf gute Leute zu verzichten - nur weil diese eine Behinderung haben. Aber geht dieses Kalkül tatsächlich auf?

Verändert sich tatsächlich gerade etwas in den Köpfen, weil sich die Bevölkerung wandelt, weil weniger Junge nachwachsen, weil die Auswahl an qualifizierten Leuten sinkt? Das fragt sich auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke (BAG BBW). Die Berufsbildungswerke haben es sich zur Aufgabe gemacht, junge Menschen mit Behinderung fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Die BAG BBW vertraut auf die Leistungsfähigkeit "ihrer" Jugendlichen und appelliert an die Politik, diese auszubilden. Aber sie hat durchaus zur Kenntnis genommen, dass die Bundesagentur für Arbeit junge Menschen mit Behinderung nicht explizit als Zielgruppe im Auge hat, wenn sie über demographischen Wandel und Fachkräftemangel nachdenkt (wie in der Studie "Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland").

Folgen den Worten auch Taten?

Und wie sieht es nun in Frankfurt aus? Nur schöne Worte oder auch gute Taten? Für den Tag der Menschen der Menschen mit Behinderung hatte die Handwerkskammer zwei (nur oder immerhin?) Betriebe ausfindig gemacht, die ihren Mitarbeitern bei Krankheit und Behinderung die Treue gehalten haben. Einer davon ist eine Autosattlerei, deren Chef Michael Weinbrenner sagt: "In unserem Beruf findet man nicht so leicht Ersatz, auf dem Arbeitsmarkt sind selten gute Leute zu finden. Es war also keine Frage, dass wir unseren Mitarbeiter halten würden." Schon als der jetzt 50-Jährige vor 12 Jahren bei Weinbrenner anfing, war dem Chef die Deformation an der Wirbelsäule bekannt, der Verlauf der Krankheit war unabsehbar. Nach einem Jahr Zwangspause und Wiedereingliederung ist er wieder im Einsatz - dank speziellem Arbeitstisch, Stuhl und Kollegen, die ihm beim Heben und Tragen helfen.

Auch im zweiten Unternehmen, der Baudekoration Diemerling, hat sich nie die Frage gestellt, "ob und wie wir unseren Mitarbeiter loswerden können, als er nach zwei Bandscheibenvorfällen und einer Krebsoperation als Schwerbehinderter einzustufen war", sagt Chef Felix Diemerling. Schließlich gehört der 57-Jährige seit mehr als 20 Jahren dazu. Und: "Glauben Sie mir, er hätte in der Zeit, in der er krank zuhause lag, lieber gearbeitet."

Erfahrung von unschätzbarem Wert

Die Motivation von Menschen mit Behinderung, im Job ihr Können und ihre Zuverlässigkeit zu beweisen, ist hoch, glauben die beiden Firmenchefs ebenso wie die Verantwortlichen von Handwerkskammer und Arbeitsagentur - und ihre Erfahrung ist von unschätzbarem Wert. Angesichts dessen bleibt die Frage offen, was Berufseinsteiger mit Behinderung in der Hand haben: Wie können sie potentielle Chefs von sich überzeugen?

Weitere Informationen:
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Arbeit
Familienratgeber: Berufstätigkeit
Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung e. V.
Bundesarbeitsgemeinschaft Integrationsfirmen

(Foto: Dietmar Meinert/pixelio.de)

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