Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Exzellent ausgebildet – exzellent arbeitslos

Ein Jahr auf Jobsuche als Akademikerin mit besonderem Merkmal: Rollstuhlfahrerin

Ich habe mit meinem geisteswissenschaftlichen Studium alle Chancen, auf dem nationalen und sogar internationalen Arbeitsmarkt eine Arbeitsstelle zu finden. Diesen Satz habe ich vor ein paar Tagen mehrmals auf der Abschlussfeier meiner Universität gehört. Vor knapp einem Jahr habe ich meine Abschlussarbeit in Literaturwissenschaft abgegeben. Ein paar Wochen später meine Abschlussurkunde für mein sehr gutes Masterstudium in die Hand, bzw. per Post bekommen – seitdem schreibe ich Bewerbungen.

Ich habe schon viel gemacht. Viele ehrenamtliche Projekte gehabt, eine Zeitung mit herausgebracht, mache ehrenamtlich Pressearbeit bei einem Filmfestprojekt, verfüge also über einige berufliche Erfahrungen. Ich suche mir Stellen im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als Deutschlehrerin oder bei einem Verlag. Ich schreibe Bewerbungen und stelle meinen Rollstuhl und meine Assistenzsituation ausführlich, aber positiv dar. Ich verkaufe sie als Vorteil. Durch die Assistenz habe ich gelernt, mit vielen Menschen und Situationen spontan umgehen zu können. Alle, denen ich meine Bewerbungen zeige, loben mich dafür, sehen keinen Fehler und wollen nichts verbessern. Auch nicht beim Jobcenter oder bei der Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung.

Aber woran liegt es dann, dass ich fast 100 Bewerbungen geschrieben habe und kaum Reaktionen bekomme? An meinem Studienfach? Es gibt viele Leute, die Germanistik oder eine andere Geisteswissenschaft studiert haben. Und es gibt wenig Jobs. Und diese wenigen Jobs mit jemandem zu besetzen, der im Rollstuhl sitzt und Assistenz braucht, ist wahrscheinlich in den meisten Büros, in denen das entschieden wird, keine Möglichkeit. Dann doch lieber zum Stapel greifen und die nächste Bewerbung und das nächste Foto anschauen.

Flexibilität – Spontanität – Kreativität

Ich habe mich bei einer bekannten Jobbörse im Internet angemeldet, und sie suchen die von mir angegebenen Stellen, Öffentlichkeitsarbeit, Journalismus, Deutschlehrerin, Verlagswesen und Lektorat für mich heraus. In den meisten Ausschreibungen steht unter „ihre Eigenschaften“ oder „Was Sie mitbringen“: Sie sind teamorientiert, kreativ, eigenverantwortlich und spontan, dann sind Sie bei uns genau richtig.“ Ich kann diese Eigenschaften auf mich beziehen, habe wie gesagt schon an einigen Projekten mitgearbeitet und kann gerade auch durch mein Leben mit Assistenz, also mit den unterschiedlichsten Menschen, nach meiner eigenen Einschätzung gut, flexibel und spontan mit vielen Situationen und Menschen umgehen. Bei einer Firma, die jemand für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit suchte, habe ich angerufen, um zu fragen, ob sie einen Fahrstuhl haben oder gar ebenerdig sind. Die direkte Frage: „Ich sitze im Rollstuhl, ist das ein Problem?“ Habe ich abgeändert, nachdem ich häufiger in der Leitung nur noch Schweigen gehört habe. Diese Frau am Telefon schwieg auch. Solange, dass ich meine Frage wiederholt habe. Als sie immer noch schwieg, habe ich die Frage geändert und den Problemsatz gesagt, also: Ist das mit dem Rollstuhl ein Problem? Sie räusperte sich und fragte mich, ob ich denn die Stellenausschreibung nicht gelesen hätte; ich müsse doch spontan, flexibel und kreativ sein. Ich sagte ihr, dass sei ich in meinem Kopf sogar sehr. Und mit der Hilfe meiner Assistenten weitgehend auch körperlich. Sie schwieg wieder. „Aber Sie müssen viel reisen, viel unterwegs sein, in Hotels und so. Und das ist schwierig in Ihrer Situation“, sagte sie und beendete das Gespräch.

Rollstuhl und Arbeit = Arbeit und Ehrenamt?

Auf die meisten meiner Bewerbungen bekomme ich keine Antwort, noch nicht mal eine Absage. Das ist normal, sagen meine Freunde, die keine Behinderung haben. Sie machen gerade ein unbezahltes Praktikum oder jobben, bis sie was Richtiges gefunden haben. Aber auch diese Möglichkeiten sind schwierig für mich. Ich habe mich auch für Praktika beworben, für viele sogar, aber auch da werde ich oft nicht für die dritte Runde, in der man die Bewerber einlädt, die man interessant findet, ausgewählt. Ich habe mich in meiner Ratlosigkeit und auch ein bisschen aus
Angst vor dem Druck des Jobcenters auch schon eigeninitiativ beworben, das heißt bei Vereinen und Institutionen, die keine Stelle zu besetzen haben.

Ich habe aufgeschrieben, wer ich bin, was ich kann und was ich ihnen anbieten könnte. Vor allem in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Bei einem sozialen Projekt zeigte man sich äußerst begeistert und beeindruckt von meinem Lebenslauf und meiner Eigeninitiative. Man sagte mir, ich könne für den Verein die gesamte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit machen, aber da ich ja so engagiert wäre und der Verein bzw. der Senat kein Geld habe, könnte ich das ja ehrenamtlich machen. Das wäre eine Chance für mich zu zeigen, was ich kann.

Ich brauche keine Chance – ich brauche einen Job!

Dieses Angebot ist nett. Mein Gesprächspartner war nett. Aber es bringt mir kein Geld ein, und es wurde nicht meine Arbeitskraft, sondern nur meine Behinderung und damit auch gleich der Wohltätigkeitsgedanke gesehen. Man tut mir etwas Gutes, gibt mir eine Chance, in dem man mir einen Job anbietet, der nicht bezahlt wird.
Ich will aber kein Versuch sein, kein Projekt, keine Chance, ich möchte zeigen, was ich kann. Ich möchte mit anderen an einem Projekt arbeiten, und ich würde mir wünschen, irgendwann dafür nicht nur Anerkennung in Form von Worten, wie „das ist wirklich ein beeindruckender Lebenslauf, und das trotz ihrer Situation“, sondern Anerkennung für meine Arbeit und irgendwann auch Geld zu bekommen.

Ich weiß nicht, während ich der Abschlussrede des Vorsitzenden der Germanistik an meiner Universität lausche, überlege ich, ob meine momentane Situation, die bloßen drei Einladungen zu Bewerbungsgesprächen, die Standardabsagen von Firmen, wirklich so viel mit meiner Behinderung und meinem Rollstuhl zu tun haben. Denn ich weiß ja nicht, ob all die anderen, die hier sitzen, jetzt schon arbeiten oder genau wie ich Bewerbungen schreiben. Das einzige, was ich weiß: Ich werde weiter suchen, und irgendwann werde ich jemanden finden, der nicht nur den Mut hat, mich zu beschäftigen, sondern der auch erkennt, dass ich, wie mir soeben noch mal gesagt wurde, exzellent ausgebildet bin. Und so lange bin ich wenigstens exzellent arbeitslos.


Linktipps:
Das Handlungsfeld „Am Arbeitsplatz“ der Aktion Mensch
Mehr Infos zum Thema Berufstätigkeit von Menschen mit Behinderung beim Familienratgeber
„Sie sitzen ja im Rollstuhl“. Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über ihre Erfahrungen mit einem Berliner Jobcenter
Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche
Jobsuche als blinder Akademiker: Ein Erfahrungsbericht. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über seinen beschwerlichen Weg auf den ersten Arbeitsmarkt
 


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Manfred Lutz

Literaturwissenschaft, - wie auch andere Geisteswissenschaften -
ist ein Hobby. Kein Beruf.
Man muß nach dem Schulabgang endlich erwachsen werden und
nicht versuchen, die Kindheit zu verlängern, indem man one of the soft
sciences studiert. Gefragt sind echte Berufe - wie Programmierer,
Elentronikfachmann, Chemie-Spezialist, Mediziner etc.etc.etc.
---- Es geht hier nicht um den Rollstuhl.---
Es geht um das Fehlen der Qualifikation.
"Excellent ausgebildet" ist die Autorin dieses Artikels nicht in einem Beruf,
sondern in einem Hobby.
"I am am a master in literature. This is my hobby", - wie einer einer Freunde
zu sagen pflegte.
Für einen Profi im Programmieren wäre sein Rollstuhl kein Hindernis und gar
kein Problem.
So viel zur Planung des Lebenslaufs vieler Schulabgänger in Deutschland.
Ich lebe in Deutschland seit 30 Jahren, und ich bin immer wieder erstaunt
über die Welt der Illusionen, in welchen deutsche Slawisten, Germanisten
usw.usw. sich wohl fühlen - bis dann die Realität an die Tür klopft.
Yours faithfully,
Manfred Lutz (Germany)

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