Aktion Mensch-Blog

"Es tat mir gut, es aufzuschreiben"

Zum siebten Mal ist in diesem Jahr der Literaturpreis Ohrenschmaus ausgeschrieben. Menschen mit Lernbehinderung sind eingeladen, bis zum 15. September eigene Texte einzureichen. Um schon mal einen kleinen Vorgeschmack zu geben, findet am 13. Mai in Berlin eine Lesung mit den Gewinner-Texten des letzten Jahres statt. Einer davon ist der Text "Zu zweit ist weniger allein" von Markus Engfer aus Rheine, der vor Kurzem auch ein Buch veröffentlicht hat.

Preisträger Markus Engfer (c) Ingrid Fankhauser

In seinem Text "Zu zweit ist weniger allein" beschreibt der 21jährige seine Gedanken und Erlebnisse: "Wenn ich dich so ansehe, siehst du gar nicht so behindert aus“, habe ich schon mal als Kompliment bekommen. Dieses Kompliment bekommt man nicht oft, darum sollte man vielleicht etwas glücklich oder stolz sein. Doch bei mir gab es die Traurigkeit und auch etwas von der Angst in mir. Hin und wieder bin ich traurig darüber, dass ich behindert bin."

Für das Inklusionsblog erzählt er, wie er zum Schreiben kam, was es für ihn bedeutet und wie es sich anfühlte, den Literaturpreis zu gewinnen:

Früher war ich oft traurig und weinte häufig, wenn ich allein in meinem Zimmer war. Dann schrieb ich einzelne Wörter oder Sätze auf. Die Zettel waren im ganzen Zimmer verteilt, erinnert sich meine Mutter. Einmal wurde ich so traurig und hatte über so viel nachgedacht, dass ich meine erste Seite schrieb. Ich gab die Geschichte einigen meiner Lehrer zum Lesen und hatte sie auch unserer neuen Praktikantin in der Klasse gezeigt. Ihr Lächeln, was sie mir beim Zurückgeben meiner Geschichte gab, hatte mich etwas verzaubert. Ich hatte mich nach langem wieder gefreut. Innerhalb von drei Monaten schrieb ich zwei weitere Geschichten auf und zeigte sie wieder unserer Praktikantin. Eine Geschichte war ein schwieriges Erlebnis, aber ich merkte, wie gut es mir tat, es aufzuschreiben. Mit dem Schreiben entwickelte ich mich so sehr, dass ich fast fehlerfrei schreiben konnte. Jahre zuvor hatte ich dafür noch Einzelunterricht in der Schule bekommen. Ich erinnerte mich, wie schwer es mir früher gefallen war, die Wörter richtig zu schreiben. Und den Stift richtig zu halten. Mit 17 oder 18 schaffte ich einen kleinen Durchbruch. Danach schrieb ich einfach und klar.
Es war zwar nicht immer leicht, die passenden Wörter zu finden für mein Befinden. Öfters weinte ich beim Schreiben meiner Gedanken und schlechten Erlebnisse. Aber wenn ich meine neuen Geschichten jemandem zu lesen gab, fühlte ich mich etwas besser. Meistes gab ich sie unserer Praktikantin. Denn sie zeigte mir ihr Interesse. Wenn ich etwas aufschreibe, kann ich es besser verstehen. Ich meine, das ist mein Talent. Ich kann mich dafür nicht so gut unterhalten, glaube ich. Würde ich so sprechen, wie ich schreibe, dann wäre das perfekt.

Als ich nach ungefähr zwei Jahren meiner Oma mein Manuskript gab, informierte sie meine Tante. Denn sie ist selber Autorin und hat schon drei Bücher geschrieben. Mit ihr hatte es dann noch ein Jahr gedauert, bis mein Buch fertig war. Auch, wenn ich immer vielen Menschen erzählt habe, dass ich ein Buch schreibe, hatte ich nicht an mich geglaubt. Doch viele haben sich für mein Manuskript interessiert und wollten es lesen. Häufig bekam ich positive Rückmeldung, so dass ich jedes Mal weiter schrieb. Es tat mir gut, mir alles von der Seele zu schreiben. Wenn ich schrieb, dachte ich, dass mir jemand zuhört. Dass irgendwann jemand sagt, dass ich das schön geschrieben hätte. Es war wie eine Therapie.
Ich stellte mir oft Bilder vor, wo Autoren groß gelobt wurden. Sie bekamen Blumensträuße oder wurden ins Fernsehen eingeladen. Ich wollte mit meinen traurigen Gedanken irgendwie in die Öffentlichkeit. Ich fand mein Leben traurig, aber ich dachte fast nicht mehr daran. Ich wollte nur Erfolg.

Der Ohrenschmaus-Preis war für mich eine große Ehrung. Ich verglich es mit einem Oscar, der im amerikanischen Raum verliehen wird. Schon als ich die Nachricht bekam, dass ich gewonnen hätte und nach Wien eingeladen würde, hatte ich mich gefreut. Ich spürte mich selbst nicht mehr in meinem Körper. Bei der Preisverleihung in Wien saß ich unruhig auf einem Stuhl auf der Bühne. Eine bekannte Schauspielerin las meinen Text vor. Ich sah ins Publikum und fühlte mich so stolz und glücklich. Als die Schauspielerin fertig mit dem Lesen war, stand ich auf, um meinen Preis entgegenzunehmen. Alle Leute klatschten in die Hände und ich fiel geistig auf den Boden der Tatsachen.
Jetzt fragen mich viele Leute, ob ich nicht der Junge wäre, der das Buch geschrieben hätte und der dafür den Preis gewonnen hätte. Ich sage dann: Ja, der bin ich! Ich glaube, ich bin etwas glücklicher geworden, seitdem ich mein Buch veröffentlichte und dann Wochen später auf der Bühne stand. Ein guter Start, als Autor mit einer geistigen und Lernbehinderung.

Aufgezeichnet von Katja Hanke


Veranstaltungstipp:

  • Die Lesung der Gewinner-Texte des Literaturpreises Ohrenschmaus findet statt am Montag, 13.5. um 13 Uhr im Österreichischen Kulturforum, Stauffenbergstraße 1, 10785 Berlin

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