Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Es gibt Fans, die gibt es gar nicht

von Mirien Carvalho Rodrigues

Schlagworte:
Barrierefreiheit

In ihrem zweiten Bericht zur Fußball-WM in Brasilien beschäftigt sich Mirien Carvalho mit dem Thema Barrierefreiheit.

Fußballfan Stefan: Gelassenheit und Zuversicht im Gepäck Fotos: Stefan Krusche

Sie wissen doch, wer Neymar ist? Wer diese Frage mitten im Gespräch über Fußball einer blinden Frau stellt, die seit 32 Jahren glühender Fan der brasilianischen Nationalmannschaft ist und gerade ihre Reise ins -Land plant, hat in wenigen Worten deutlich gemacht, was Barrieren im Kopf sind; wobei hier die Frage vermutlich noch eher der Frau galt als dem blinden Menschen. Doch beides – blind sein und Frau sein – scheint für viele immer noch Grund zu sein, nichts von Fußball zu verstehen. Wie kommt es da nur, dass diese blinde Frau seit Jahrzehnten davon träumt, einmal ein Spiel im Maracanã, dem Fußballstadion von Rio de Janeiro, zu erleben?

Reporter für Audiodeskription

Fußballfan Spencer hat noch Karten für das Achtelfinale in Brasília ergattert. Er ist dort zuhause und hat vor einem Monat von den ermäßigten Eintrittspreisen für Menschen mit Behinderung und der Möglichkeit zur kostenfreien Mitnahme einer Begleitperson erfahren. Er wird, wie auch blinde und sehbehinderte Fans bei den Spielen in São Paulo, Belo Horizonte und Rio de Janeiro, die Begegnung mit Kopfhörer verfolgen. Die Nichtregierungsorganisation URECE aus Rio, die seit Jahren talentierte blinde und sehbehinderte Sportlerinnen und Sportler fördert und mit ihrer Frauenmannschaft im Jahr 2010 auch ein Blindenfußball-Turnier in Marburg klar gewonnen hat, schulte im Auftrag der FIFA ehrenamtliche Reporter in Audiodeskription. Anders als ein Radioreporter sollen diese Freiwilligen beispielsweise auch besondere Einlagen von Fans für die blinden Fußballbegeisterten beschreiben, um die Stimmung im Stadion noch besser für sie einzufangen.

40 Stunden im Reisebus

Auch Stefan ist Fußballfan. Er bricht schon zum zweiten Mal mit dem „Handicap Fanclub Fußball Nationalmannschaft“ des DFB zu einer Weltmeisterschaft auf. Der abenteuerlustige Rollstuhlfahrer hat Karten für die Vorrundenspiele der deutschen Mannschaft bekommen und sämtliche Reisevorbereitungen für sich und seinen Schwager übernommen; dieser unterstützt ihn im Gegenzug vor Ort, wo es nötig ist. Um beim ersten Spiel der Deutschen live dabei zu sein, nahm er insgesamt 40 mühsame Stunden im Reisebus auf sich, bangend, dass mit den zugesagten Toilettenpausen alles klappen möge.

Fachleute am Werk

Ob taktile Leitsysteme, Rampen oder Behindertentoiletten – die bauliche Barrierefreiheit in den WM-Stadien war fest in fachmännischer Hand. Auch ausreichend Behindertenparkplätze sollen inzwischen an allen Stadien vorhanden sein. Menschen mit Behinderung werden außerhalb des gewaltigen Gedränges über separate Eingänge zu ihren Plätzen geführt.

Stefans wichtigstes Gepäck ist seine Gelassenheit und seine Zuversicht, dass er überall freundlich empfangen und die nötige Unterstützung bekommen wird. Als Reisender, dem von vornherein klar ist, dass manche Dinge nicht oder völlig anders als geplant funktionieren, wird er in Brasilien viel Freude haben und gut zurechtkommen, zumal er in den letzten Monaten vor Reiseantritt eigens einen VHS-Kurs in brasilianischem Portugiesisch besucht hat.

Ich packe meinen Koffer …

Wer als Mensch mit Behinderung auf eigene Faust zur WM reist, sollte erst recht Abenteuerlust und Gelassenheit im Gepäck haben. Denn zumindest an einigen Spielstätten sind die Stadien wahre Inseln umfassender Barrierefreiheit. Der Weg zum Stadion, die Unterkunft, öffentliche Verkehrsmittel und die Verständigung mit dem Personal – kurz, die komplette Servicekette für Touristen – ist damit jedoch nicht abgedeckt. So weist eine Organisation körperbehinderter Menschen aus Recife darauf hin, dass Angaben über verfügbare Behindertenparkplätze an den Stadien den Blick von etlichen einheimischen Fans ablenken, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind und hier vor der WM auf nachhaltige Veränderungen gehofft hatten, die nicht eingetreten sind. Auch die geradezu euphorischen Berichte über Audiodeskription für blinde Fans täuscht schnell darüber hinweg, dass es diesen Service in acht von zwölf Stadien nicht geben wird. Neben der Begeisterung über den inklusiven Gedanken finden sich denn auch Stimmen blinder Fans in Internetforen, die fragen, weshalb an dieser Stelle ehrenamtliche Mitarbeiter eingesetzt werden. Ist die Inklusion letztendlich doch wieder so nebensächlich, überlegt man dort, dass professionelle Spielbeschreiber nicht in das Milliarden-Budget der FIFA gepasst haben? Eine solche Investition hätte zum einen Menschen aus dem Gastgeberland angemessen für eine wertvolle Arbeit entlohnt und zum anderen eine Wertschätzung für Menschen mit Behinderung gezeigt. Die Kritiker gestehen den Freiwilligen zu, ihr Bestes zu geben, doch für sie bleibt die Frage, warum sich in Zeiten so hoher Qualitätsstandards an dieser Stelle blinde Menschen einmal mehr mit einer improvisierten Notlösung zufriedengeben müssen.

Analog dazu verbreiten die deutschen Medien in diesen Tagen die freudige Nachricht, dass im Sinne der Inklusion „die wichtigsten Spiele“ für blinde und sehbehinderte Fußballfans übertragen werden sollen. Wer das spektakuläre 5:1 der Niederlande gegen Spanien gesehen hat, weiß, dass er sich nicht gern vorschreiben lassen würde, welche Spiele er mitbekommen darf und welche nicht.

Paralympics 2016 – mit Barrieren?

Sicher ist die Infrastruktur an den zwölf Spielorten sehr unterschiedlich, doch ausgerechnet für Antônio Figueira de Melo, Tourismusbeauftragter von Rio de Janeiro – also der Stadt, die in nur zwei Jahren die Paralympics ausrichten wird –, war es bislang nicht notwendig, sich auf Besucher mit Behinderungen einzustellen. Auf die Frage, welche Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung während der WM angeboten würden, verkündete der Politiker unbekümmert in einem Radiointerview, das sei nicht die Zielgruppe dieses Großereignisses. Ausgerechnet in der Stadt, in die es die meisten Touristen zieht, rechnet man also nicht mit barrierefreiem Informationsmaterial, Verkehrsmitteln, Unterkünften, Restaurants oder gar Personal, dass für die Belange von Menschen mit Behinderung sensibilisiert ist.

Derselbe Tourismusbeauftragte hielt es nämlich auch keineswegs für notwendig, Taxifahrer im Sinne einer besseren Verständigung beim Erlernen der englischen Sprache zu unterstützen. Mit Infomaterial in Fremdsprachen ist somit auch nicht zu rechnen. Außerdem ist er offensichtlich schlecht über die Bestimmungen zu den Spielen informiert. Diese besagen nämlich, dass mindestens 1 % der Eintrittskarten Menschen mit Behinderung vorbehalten sind. Und wer reserviert schon Karten für Fans, die es gar nicht gibt.


Linktipps:
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
"In Luxemburg findet man Sachen, die genial sind". Ein Interview im Blog von Anina Valle Thiele mit dem Luxemburger Aktivisten Joël Delvaux über Barrierefreiheit und die Umsetzung der UN-BRK
Leben in London: Normal, eine Behinderung zu haben. Ein Gespräch im Blog von Heiko Kunert mit Christiane Link über Inklusion und Barrierefreiheit in Großbritannien
 

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