Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

„Es fehlt das Bewusstsein, dass Gebärdensprache eine Sprache ist.“

von

Zwei Tage lang haben Gehörlose und Hörende gemeinsam beim zweiten BÄÄM-Workshop in Berlin ihren Slam entwickelt. Ein Interview mit dem Workshopleiter Giuseppe Giuranna, Gebärdensprachpoet und bekannte Größe der Gehörlosenszene.

Der Workshopleiter des Deaf Slams in Berlin zeigt wie lyrische Gebärden aussehen: Giuseppe Giurana. Foto: Aktion Mensch / Martin Kleinmichel

Das wirkt sehr souverän, wie Du den Workshop leitest, wie Du mit den Teilnehmern umgehst – wie lange arbeitest Du schon mit Gehörlosen?

Giuseppe Giuranna: „Also pädagogisch arbeite ich schon lange. Ich habe früher im Theaterbereich gearbeitet – mit Kindern und mit Erwachsenen, aber mit Poesie habe ich erst später angefangen. Ich bin in Europa und international ziemlich herumgekommen, aber Vernacular Visual (VV)* mache ich jetzt erst seit zehn Jahren. Da kann man sich frei bewegen, man kann frei sprechen. Das ist wirklich visuell orientiert: einfach frei, spontan und kreativ. Ich würde sagen, seit 20 Jahren bin ich jetzt pädagogisch kreativ tätig. Und mit anderen sozial schwächeren Gruppen wie mit Hörenden arbeite ich gern zusammen. Das finde ich einfach interessant. Hier in Berlin gibt es den Verein "unerhört e.V.", der Familien unterstützt – für den bin ich auch pädagogisch tätig. Auf dem Gebärdensprachfestival bin ich auch gewesen. Im Kindertheater hab ich was gemacht. Ich hab versucht, Kinder zu motivieren, sich kreativ zu beschäftigen. Also wirklich ganz viel!“

Wie groß und wie gut vernetzt ist die Gehörlosenszene in Deutschland? Steckt der Deaf-Slam im Vergleich zu den USA noch in den Kinderschuhen?

„Hier in Deutschland ist die Szene sehr gut untereinander vernetzt, die Gehörlosen kennen sich fast alle. Die USA sind uns aber sehr weit voraus. Da hängt Deutschland schon ganz schön hinterher. Hörende meinen ja hierzulande immer noch, dass die Gehörlosen nicht sprechen können. ‚Die Tauben haben ja gar keine Sprache – die sind ja taubstumm‘, so die Meinung vieler. Da fehlt einfach noch das Bewusstsein, dass Gebärdensprache eine richtige Sprache ist. Das wissen viele noch gar nicht. Es gibt auch immer noch Menschen, die darüber staunen, dass es Gehörlose gibt. In den USA gehört das viel stärker zum Alltag dazu. Es wär natürlich schön, wenn es für uns mehr Barrierefreiheit gäbe. Also mit Dolmetschern klappt das ja schon, aber es ist immer noch zu wenig. Ich habe in Italien gelebt und im Vergleich dazu, ist es in Deutschland besser, was Barrierefreiheit betrifft. Der soziale Bereich ist hier stärker ausgebaut. Es werden mehr Dolmetscher zur Verfügung gestellt – auf mehr Veranstaltungen und in unterschiedlichen Bereichen. Natürlich sieht es etwa in Kroatien noch schlechter aus. Das kann man gar nicht vergleichen! Die Gehörlosen dort werden nur oral erzogen. Da gibt es keine Gebärdensprach- und Gehörlosenkultur. Ein positives Beispiel ist Schweden. Die sind sehr weit vorne.“

Du bist in der Gehörlosen-Community eine bekannte Größe – was kennzeichnet die Community hierzulande?

„Naja, in Deutschland gibt es schon Solidarität innerhalb der Szene – das auf jeden Fall. Man muss aber auch sagen, dass die deutsche Szene ein bisschen ‚kühler‘ ist. Man ist nicht so herzlich wie in anderen Ländern. Hörende untereinander sind auch nicht so herzlich, wenn sie sich treffen. In Italien ist das viel ausgeprägter. Man gestikuliert mehr, man ist einfach schneller vertraut mit anderen Menschen. Man kommt sofort ins Gespräch, aber das sind ja generelle kulturelle Unterschiede.“

Meinst Du, dass solche inklusiven Deaf-Slams wie „BÄÄM“ in zehn Jahren genauso selbstverständlich sein werden wie konventionelle Poetry Slams?

„Nein. Der Poetry-Slam, der Deaf-Slam – das ist ja jetzt etwas ganz Neues. So etwas gab es bisher einfach nicht. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich die Gebärdensprache sehr stark entwickelt, aber nicht offiziell. Man durfte damals noch nicht gebärden, sondern in der Schule galt es, laut zu sprechen. Das war ein riesen Rückschritt, aber wenn ich jetzt zurückschaue, hat sich die Gebärdensprache einfach super entwickelt. Und ich glaube, das wird die nächsten zehn Jahre weiter so laufen. Vom Instinkt her ist es einfach so, dass Gebärdensprache eine natürliche Sprache ist. Die wird auch nicht wieder verschwinden.“

Was war die tollste Erfahrung heute während des Workshops? Was ist die Szene, die Dir in Erinnerung geblieben ist, oder das, von dem Du sagst: Das war ein toller Moment?

„Ja, da gab es etwas: Ich hab ja die neun Regeln des VV erklärt und die Hörenden, die haben wirklich mitgemacht. Für die war das ja komplett neu. Wir haben verschiedene Gebärden ausprobiert und für die Hörenden war das ja so, dass sie zum ersten Mal eine dreidimensionale Sprache erfahren haben. Oder eine dreidimensionale Gebärde einfach genutzt haben, und das hat mich total erstaunt, dass die da so mitgegangen sind. Das fand ich wirklich beeindruckend!“

Was ist, außer, dass Du sicher erschöpft bist, Dein persönliches Gefühl gerade?

„Ich habe jetzt viele Stunden intensiv mit den Teilnehmern gearbeitet, den Workshop geleitet, aber die Zeit ging wahnsinnig schnell vorbei. Ich habe das gar nicht gemerkt. Und ich fand es super, es war beeindruckend, ich war drin, im Team. Ich fand die Reaktionen wahnsinnig toll, ich bin total gespannt, wie das morgen weitergeht. Also, für mich ist das nicht genug. Ich bin jetzt Feuer und Flamme und will eigentlich viel mehr. Da ist so viel Kraft und Energie in mir drin, die raus will und mit der ich die anderen anstecken will.“

Was wünscht Du Dir für den Slam-Wettbewerb am Sonntagabend, wenn Du das Potenzial und die Freude am Slammen siehst und den Enthusiasmus, den die Teilnehmer entwickeln?

„Ich würde mir wünschen, dass man einfach gefesselt ist, dass die Teilnehmer das morgen schaffen, die Zuschauer zu berühren. Dass alle aus sich rauskommen, dass die Zuschauer eine Gänsehaut bekommen. Das fände ich schön!“

Welche Gebärdensprache ist für Dich die expressivste? Das International Sign?

„Die italienische Gebärdensprache mag ich immer noch am liebsten. Aber das ist ja auch klar, weil das meine Muttersprache ist. Ich mag einfach visuelle Gebärden, Texte lesen zum Beispiel, ist nicht so meins. Ich finds einfach schöner, zu gebärden, wie jetzt quasi. Das spricht mich an, da bin ich dabei, das interessiert mich. International Sign ist nochmal etwas anders, aber das VV finde ich gut.“

Was muss man außer Neugierde und Kreativität mitbringen, um an einem Deaf-Slam-Workshop teilzunehmen?
„Die Bereitschaft, das VV wirklich anzuwenden, die neun Regeln zu verinnerlichen und dass man einfach weitermachen will. Ganz allein geht das natürlich nicht. Als ich klein war, habe ich andere gesehen, die Gebärdensprachpoesie benutzt haben, und seitdem bin ich davon fasziniert und werde damit weitermachen und sie weitergeben.“

Welche nachhaltigen Wirkungen erhoffst Du Dir vom Workshop und dem Slam-Wettbewerb?
„Also ich hoffe, dass alle weiterhin Gebärden benutzen, dass sie weiter an ihren Gebärden arbeiten, dass sie weiter Gebärdenpoesie nutzen. Und, dass es Barrierefreiheit gibt, dass sie selber auch anderen Leuten von Gebärdensprache erzählen und sie weitertragen und, dass die Community einfach größer wird. Dass es eine breitere Masse gibt, die sich für Gebärdensprache interessiert. Wenn hörende Kinder auch mit Mimik aufwachsen und einfach mehr mit ihren Händen und ihrem Gesichtsausdruck machen, ist das für jeden ein Vorteil. Beides zusammen, beides in Kombination – ist einfach unschlagbar, weil jeder daraus Vorteile zieht.“

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

*Vernacular Visual

Jedes Land hat in der Gebärdensprache seine eigenen kulturellen Regeln. "Vernacular" bezeichnet die Primarsprache eine Volkes oder auch seine Mundart. Der Zusatz "Visual" bedeutet: es ist eine visuelle Sprache. VV ist eine physische, visuelle Perfomance von Gehörlosen ohne Zeichen. Dafür setzt der Künstler seinen gesamten Körper sowie seine Mimik ein, um eine Geschichte zu erzählen.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Mehr Informationen zu den weiteren Deaf Slams

Mehr zum Filmfestival "überall dabei"

BIlder vom Deaf Slam der Aktion Mensch in Berlin am 12. und 13. Januar.

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Filter

Schlagwort


Tags

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Noch kein
Geschenk?