Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Erfolgreich gescheiterte Mutprobe

Über eine Flugreise, die perfekt begann und mit einem defekten Rollstuhl endete: ein Resümee – und ein Brief an den Flughafen Hamburg.

Ich bin elf lange Jahre nicht mit dem Flugzeug geflogen. Über Jahre hinweg fragte ich mich, wie das wohl sein wird, zu fliegen ... es war nur eine Frage der Zeit, des Geldes und des Mutes, um vom Boden abzuheben. Mich zieht es immer in die Ferne: Die Träume und der Drang nach neuen Erlebnissen lassen es nicht zu, für immer an einem Fleck zu bleiben. Und so nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und flog nach Wien, wo ich die zweite Ausstellung von anderStark haben durfte – organisiert vom Verein HIGH ROLLERS und der Therme Wien.

"Alles läuft so perfekt!"

Es war wunderschön. Alles klappte so gut, dass ich schon dachte: "Mensch, es läuft alles so perfekt! Das passt ja so gar nicht zu deinem abenteuerlichen Leben!" – und zack, war es vorbei: Jetzt sitze ich schon mehrere Stunden an einem Platz in meiner Wohnung fest und schreibe voller Verzweiflung eine E-Mail an den Geschäftsführer des Hamburger Flughafens:

"Sehr geehrter Herr Eggenschwiler,
gestern Abend bin ich um 19:05 Uhr mit dem Flieger aus Wien in Hamburg gelandet. Gestern war meine Welt noch in Ordnung und mein Kalender voller geschäftlicher Termine. Heute sitze ich seit Stunden an einem Fleck und komme nicht ohne fremde Hilfe weg: Mein Rollstuhl ist kaputt. Laut der Aussage des Technikers wird er mindestens zwei Wochen kaputt bleiben.
Zunächst möchte ich mich bei Ihnen vorstellen. Mein Name ist Anastasia Umrik, ich bin 26 Jahre alt, und ich bin an Muskelschwund erkrankt. Ich sage bewusst, dass ich nicht 'leide', denn ich leide nicht und habe meine Behinderung noch nie als Leid empfunden. Durchaus gibt es in meinem Alltag des Öfteren Situationen, die eine kleine Herausforderung und scheinbar eine Barriere darstellen, aber ich habe alles bewältigt, besiegt, und dadurch an Stärke und Selbstbewusstsein gewonnen. Beruflich bin ich seit zwei Jahren sehr erfolgreich:
Ich habe das Projekt "anderStark – Stärke braucht keine Muskeln" ins Leben gerufen, mit dem ich nun national und international auf Tour bin: Ich halte Vorträge, organisiere Ausstellungen, bringe Menschen zusammen ... Und dabei bin ich selbstverständlich auf zuverlässige Mobilität angewiesen.

Erniedrigt, klein gemacht und hilflos – eine Geldfrage

So wie gestern Abend. Müde und voller positiver Eindrücke bin ich am Hamburger Flughafen angekommen, freute mich auf mein Zuhause und etwas Zeit für mich. Ich machte mir keine Sorgen über die Abläufe – irgendwie wird das schon alles klappen, dachte ich mir, und wartete geduldig auf die netten Helfer vom DRK. Und dann sah ich mit Schrecken den Rollstuhl nahen: Ein Krankenhausrollstuhl ohne Kopfstütze! Um meinen Schrecken besser nachvollziehen zu können, sollten Sie Folgendes wissen: Ich kann meinen Kopf nicht alleine halten. Ich kann aufgrund der fehlenden Muskelkraft überhaupt nichts alleine halten! Rund um die Uhr bin ich auf Hilfe angewiesen, bei jeder Handlung benötige ich Hilfe. Nur denken, das kann ich selbst.
Zunächst dachte ich – hoffte ich –, es wäre nach einigen wenigen Metern vorbei. Doch der Herr schob mich immer weiter, während mein Kopf von meiner Assistentin gestützt wurde. An mir rauschten Plakate, Koffer, Menschen vorbei, und alle richteten ihren Blick auf mich. Ich fühlte mich erniedrigt, klein gemacht und hilflos. Auf die Nachfrage, warum es denn am Hamburger Flughafen so ist, dass man sich nicht vom Flieger direkt in den Rollstuhl umsetzen kann, kam die Antwort, es sei eine Geldfrage und das dafür nötige Equipment wäre nicht vorhanden. Na super. Inzwischen tat mir alles weh, und ich wollte nur noch nach Hause.

Dann der Schock: Der Rollstuhl ist kaputt!

Nachdem ich durch die Menschenmassen durchgeschoben wurde und meine Assistentin kaum noch Kraft hatte, um meinen Kopf nach wie vor zu stützen, waren fast alle Passagiere schon weg. Einzelne Koffer rollten auf dem Gepäckband, als wären sie vergessen worden. Von meinem Rollstuhl fehlte jede Spur, als wäre er vergessen worden. Nach 17:39 Minuten (ich habe die Sekunden gezählt), wurde er endlich durch das Tor geschoben. "Gleich ist alles vorbei ...", dachte ich erleichtert. Doch dann der Schock: Der Rollstuhl reagierte auf nichts mehr! Er ist kaputt. Ein Ersatzrollstuhl kann mir nicht gestellt werden, dafür sind zu viele Sonderbauten erforderlich. Die Reparatur wird dauern, weil die Ersatzteile in Neuseeland bestellt werden müssen. Das Ausmaß meiner daraus resultierenden Schwierigkeiten können Sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mal ansatzweise vorstellen.
Ich sitze nun seit sieben Stunden an einem Ort. Mein Kalender hat sich rasant geleert, weil ich alle Termine für die nächsten zwei Wochen absagen musste, und ich habe einen großen finanziellen Verlust, weil ich einen Vortrag nicht wahrnehmen kann.
Wie gehe ich damit um? Wie gehen Sie damit um, Herr Eggenschwiler?
Mit freundlichen Grüßen,
Anastasia Umrik"

Und ich zähle die Tage. Heute ist Tag fünf, und noch weitere neun Tage werden folgen. Ich träume davon, in meinem Lieblingscafé zu sitzen und die Menschen zu beobachten. Ich will hinaus, will wieder flirten. Ich will in der Menschenmasse verschwinden. Mitleid nehme ich an solchen Tagen sogar gerne an. Danke.
Übrigens: Jetzt, wo ich Zeit habe, plane ich meine nächste Reise. Mit dem Flieger natürlich.


Linktipps:
Das Fotoprojekt "anderStark – Stärke braucht keine Muskeln"
Barrierefreies Reisen auf dem Hamburger Flughafen
Eine Liebeserklärung mal anders. Ein ungewöhnlicher Abschiedsbrief im Blog von Anastasia Umrik – an ihren Rollstuhl
(Un)eingeschränkte Begeisterung. Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Zugreisen im Rollstuhl mit der Deutschen Bahn
Urlaub – alles inklusiv? Ein Blogbeitrag von Petra Strack über die Tücken einer Reise mit Rollstuhl
„Ich zeige genau die Inklusion, von der alle sprechen.“ Ein Interview im Blog von Margit Glasow mit Anastasia Umrik, der Initiatorin des "anderStark"-Fotoprojekts

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