Engagierte Diskussion über ABA

Auf die ABA-Diskussion folgten viele Fragen in den sozialen Netzwerken. Antworten darauf findet ihr im Blogbeitrag "#FragtWarum".

Ist ABA „Umerziehung“ oder „Vermittlung lebenspraktischer Kompetenzen“? In den letzten Wochen entwickelte sich in den sozialen Netzwerken eine kontroverse Diskussion über Therapieangebote für Kinder mit frühkindlichem Autismus, die sich an ABA (Applied Behaviour Analysis) orientieren.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion: Claus Lechmann, Aleksander Knauerhase, Moderator Sascha Decker und Wolfgang Rickert-Bolg (v.l.n.r.)

Dabei handelt es sich um ein Förderprogramm, das auf der Analyse des Verhaltens aufbaut und Eltern stark in die Therapie miteinbezieht. Die Kritik der ABA-Gegner richtete sich auch an die Aktion Mensch, die ein ABA-basiertes Projekt, das „Bremer Elterntraining“ (BET), fördert.

Uns ist sehr an einer Versachlichung der Diskussion und einem offenen Austausch der Positionen gelegen. Daher haben wir am gestrigen Donnerstag die Vertreter der unterschiedlichen Ansätze – Menschen mit Autismus, Therapeuten, Eltern, Mediziner und Wissenschaftler – zur Aktion Mensch eingeladen, um über Pro und Contra von ABA zu sprechen. Unser Ziel war, mit einem Fachgespräch eine Plattform für die direkte Kommunikation zu bieten – anstatt in Netzwerken und Blogs unter sich zu bleiben.

Wir haben ein engagiertes und differenziertes Gespräch erlebt, in dem Argumente ausgetauscht und Bedenken formuliert wurden. Vorstand Armin v. Buttlar formulierte als erstes Fazit: „Es ist positiv, dass wir miteinander und nicht übereinander geredet haben. Wir haben gesehen, dass es weniger Schwarz und Weiß gibt, sondern viele Grautöne.“

Die drei Experten auf dem Podium haben im Anschluss an die Veranstaltung ihre Position kurz zusammengefasst und ihre Einschätzung des Gesprächsergebnisses formuliert. Eine tatsächliche Annäherung der Positionen hat nicht stattgefunden, aber man hat sich gegenseitig zugehört und vielleicht den Anstoß für eine weitergehende Auseinandersetzung mitgenommen.

Wolfgang Rickert-Bolg, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, Leiter des Autismus-Therapiezentrums Osnabrück, und Mitglied der Fachgruppe Therapie von autismus Deutschland e.V.:

„Für mich ist ABA nicht menschenrechtswidrig und kann bei Kindern mit starker Ausprägung der Störung sehr hilfreich sein. Aber ich habe auch Kritik und erlebe, dass die Eigenständigkeit der Betroffenen in der Praxis oft zu wenig beachtet wird. Die Grundregeln von Therapie sollten immer ein partizipativ sein: So viel äußere Struktur wie nötig, so viel Selbstbestimmung wie möglich. Es ist unverzichtbar, die Eltern bei der Verarbeitung der Behinderung ihres Kindes zu begleiten.

Die Kritik der Betroffenen, die Herr Knauerhase eingebracht hat, ist für mich insofern nachvollziehbar, als in der Praxis immer wieder eine einseitige Anpassung an die Regeln der Gesellschaft betrieben wurde und wird. Autistisches Verhalten ist eine Anpassungsleistung, deren Sinn verstanden werden muss, um dann wo nötig mit dem Betroffenen produktivere Strategien zu entwickeln. Die einseitige Anpassung der Gesellschaft an die Vorstellungen der Betroffenen kann aber auch nicht die Lösung sein.

Mein Fazit ist zwiespältig: Ich fand es gut, dass die Aktion Mensch die Gelegenheit geschaffen hat, ins Gespräch zu kommen. Eine Annäherung habe ich aber nicht erlebt. Die Macht der Polarisierung war offenbar zu stark.“

Aleksander Knauerhase, Dozent zum Thema Autismus, Autist und Blogger:

ABA und daran angelehnte Therapieverfahren bedeuten für autistische Kinder eine andauernde Konditionierung, mindestens 20 Stunden pro Woche bis zur gesamten Wachphase des Kindes. Eltern kommen als 'Co-Therapeuten' zum Einsatz. Therapiert wird vor allem im Zuhause des autistischen Kindes. Das Kind verliert die Eltern als neutrale und sichere Bezugspersonen und gleichzeitig seinen sicheren Rückzugsort.

Diese Therapieformen beruhen auf dem Menschenbild, das Autisten defekt seien und ihr 'gelerntes autistisches Verhalten vergessen und ein neues Verhalten erlernen' sollten. Autisten sollen auf eine nicht-autistische Verhaltensweise umerzogen werden. Mögliche negative Auswirkungen auf die Psyche der Autisten werden nicht untersucht. Als Autist und Inklusionsbotschafter kann ich diese Umstände nicht gut heißen. Ich spreche mich daher gegen ABA aus.

Mein Fazit zur Veranstaltung: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.“

Claus Lechmann, psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Leiter des AutismusTherapieZentrums Köln, das eine eigene ABA-Abteilung hat, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von autismus Deutschland e.V.

„Fördermethoden für autistische Kinder, bei denen eine empirische Wirksamkeit nachgewiesen werden konnte, basieren fast ausschließlich auf verhaltenstherapeutischen bzw. ABA-Methoden.

Die Kritik am ABA-Ansatz kumuliert in dem Vorwurf, hier gehe es um eine Umerziehung ähnlich wie früher bei Linkshändern. Dieser Vergleich missachtet aus meiner Sicht die extreme Not von Kindern mit frühkindlichem Autismus. Diese Kinder sind in ihren sozial-kommunikativen Fähigkeiten meist so eingeschränkt, dass sie basalste menschliche Bedürfnisse nicht befriedigen können. Umso mehr sind sie und ihre Eltern auf wirksame Hilfe und Unterstützung angewiesen. Ein Vergleich zwischen Umerziehung bei Linkshändigkeit und systematischer Förderung nach ABA zum Aufbau wichtiger Fähigkeiten erscheint mir daher unpassend.

Jede Therapiemethode muss und soll es sich gefallen lassen, auf dem Prüfstand zu stehen. Gerade die Vielfältigkeit in der Art der Anwendung von ABA-Methoden verhindert aber eine pauschalisierte Beurteilung. Im Vergleich zu vielen anderen Ansätzen kümmert sich die ABA-Community aber um eine ständige Verbesserung, empirische Überprüfung und Anwendung ethischer Standards. Gerade die ethischen Standards sollten überall Anwendung finden, um insbesondere bzgl. der Ziel- und Umsetzung der Methoden das passende Maß zu halten.

Zur gestrigen Veranstaltung: Ich halte Kommunikation über ABA-basierte Therapien, wie sie hier stattgefunden hat, auf jeden Fall für wichtig.“

Dieser Blogbeitrag gibt die Positionen von Podiumsteilnehmern aus der Gesprächsrunde wieder. Hier im Blog kann weiter diskutiert werden.


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aut of order

Sehr geehrte Aktion Mensch,
dann löschen Sie doch bitte den persönlich! beleidigenden und respektlosen Kommentar, welches keinen Bezug zur (ABA-)Thematik hat, sondern vielmehr nach meiner Auffassung lediglich gegen eine Person, nämlich in diesem Falle gegen die Person des Herrn Knauerhasen und seinen Namen (und einen aus dem Zusammenhang gerissenen Satz aus seiner Biographie) abzielt!
Erkennen Sie nicht den Widerspruch? Lesen Sie doch bitte einfach noch einmal den Kommentar des Herrn M. Rohark genau durch sowie Ihren Kommentar auch und erklären Sie hier an dieser Stelle, mit welcher stichhaltigen Begründung, Sie es nicht löschen bzw. bis dato nicht gelöscht haben.
Besten Dank im Voraus.

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angehörige

Bezüglich der Wahlfreiheit:
Wo sind eigentlich die ursprünglich hier veröffentlichten Kommentare von Angehörigen geblieben, die von mangelnder bzw. keiner Wahlfreiheit gegen ABA in manchen Einrichtungen berichteten?

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Aktion Mensch

Wir freuen uns, wenn User im Kommentarbereich unseres Blogs untereinander kommunizieren und sind offen für neue und unterschiedliche Meinungen. Gleichzeitig sehen wir es als selbstverständlich an, dass der Austausch sachlich, freundlich, tolerant und vor allem respektvoll stattfindet. Aufgrund einiger Kommentare unter diesem Beitrag möchten wir darauf hinweisen, dass u.a. Beleidigungen von Personen zu einer Löschung von Kommentaren führen können. Wir danken für das Verständnis und freuen uns auf einen regen Austausch!

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aut of order

Ich bitte, mir die "Schreibfehler" in meinem untenstehenden Kommentar nachzusehen.
Sorry... (Leider sieht der Blog keinen edit-Funktion vor)

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aut of order

Herr M. Rohark, Ex iniuria ius non oritur!
Herrn Knauerhase als Karnickel zu bezeichnen ist m.E. übergriffig, respektlos und unverschämt! Den von Ihnen gewählten und aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat, kommt bei mir grenzüberschreitend an! Ich betrachte Ihren Kommentar als persönlichen Angriff auf/gegen Herrn Knauerhase, senen Namen und Biographie! So liest es sich für mich!
Außerdem hat der Kommentar von Ihnen Herr Matthias Rohark NICHTS mit dem Thema ABA und dem unermüdlichen und bemerkenswerten Einsatz des Herrn A. Knauerhase - sowie den Einsatz unserer autistischen Mitmenschen und Eltern autistischer Kids, die sich vehemend gegen die Methoden der operanten/angewandten Verhaltensanalyse und des Verbal Behavior (und entperechenden auf diesen aufbauerenden Methoden) aussprechen und hierüber aufklären - zu tun!
(...) Beleidigung ist der Angriff auf die Ehre einer anderen Person durch Kundgabe ihrer Missachtung oder Nichtachtung. Ehre bedeutet hier die personale Würde des Menschen und sein Anspruch, entsprechend seinem moralischen, intellektuellen und sozialem Wert behandelt zu werden.(...)

An die Mods des Blogs Aktion Mensch: bitte entfernen Sie den Kommentar von Herrn Rohark.

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Matthias Rohark

Folgendes Zitat aus der Biographie des großen Aba-Kritikers, den ich hier nicht persönlich angreifen will, sondern nur Karnickel nenne:

"Er lebt mit seiner Frau, zwei Katzen und einem Pferd in Wiesbaden. "

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Atypischer Autist

ABA ist Misshandlung und Dressur. Ich habe selbst Autismus und ich kenne keinen einzigen Autisten, der diese Therapie gut findet. Es ist traurig, dass sich so wenige Leute dafür interessieren was Autisten zu dieser Sache zu sagen haben... und dass es nicht ernst genommen wird, wenn wir sagen, dass so etwas Misshandlung ist. Als Autisten wissen wir es ja wohl am besten, wie traumatisierend so eine Therapie für uns ist.

Bei ABA verbietet man den Kindern Stimming anzuwenden, was für sie lebensnotwendige Coping-Strategien sind. Man zwingt sie Berührungen auszuhalten, was ihnen starke Schmerzen zufügt. Man zwingt sie zu Augenkontakt, was genauso schmerzhaft ist, wie wenn man in die grelle Sonne schaut. Man nimmt ihnen als Druckmittel/Bestrafung ihre allerliebsten Sachen und Spezialinteressen weg. Wie kann man so etwas gut finden?? Wollt ihr etwa so behandelt werden? Würde man so etwas mit nicht autistischen Kindern machen, würde das Jugendamt einschreiten und man würde eine Anzeige wegen Kindesmisshandlung bekommen.

Wenn man autistischen Kindern Elektroschocks gibt, ist das eventuell noch erfolgreicher als die ABA Therapie. Daran sieht man, dass eine Therapiemethode nicht automatisch gut ist, nur weil sie den gewünschten Erfolg zeigt.

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Gegner

http://m.spiegel.de/gesundheit/diagnose/a-1106845.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com/

irgendwann merkt hoffentlich auch der letzte , was für eine widerwärtige Quälerei ABA ist . Ich habe noch niemanden erlebt dem die Videos nicht voller Unbehagen übel aufstoßen und das Titelbild des Spiegel Artikels hat bei Facebook bei vielen gereicht um entsetzt zu sein welch subtiler Zwang ausgelöst wird .
Wann wird sich die Aktion Mensch endlich davon differenzieren???

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Larissa

Für unseren Soh war es ganz bestimmt keine Dressur sondern vor allem viel gemeinsames Spielen. Es hat seinen Eltern entscheidend geholfen positiv, geduldig und liebevoll zu bleiben, da sie unterstützt wurden eine gute Beziehung aufzubauen und da sie bei jeder Beratung angeleitet wurden ihren Fokus auf das zu richten was gut gelingt.
Und eine gute, positive, Grundstimmung ist glaub ich für jedes Kind schon mal eine wertvolle Basis. Also ich habe die Erfahrung gemacht wenn ich als Mutter gestresst war , traurig oder ungeduldig hat sich diese Stimmung immer übertragen und negativ auf mein Kind ausgewirkt.
Vielleicht vergisst man das manchmal in der Diskussion. Eltern von autistischen Kindern sind schon in einer besonderen Belastungssituation und brauchen Unterstützung für ihren Alltag. Dies kann ABA m.M nach am besten leisten, gerade in der Erziehung bei VorschulKindern mit frühkindlichem Autismus.

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Tanja

ABA ist Dressur.
Es gibt keinen einzigen Erwachsenen Autisten oder im Teenager Alter der ABA machen würde.

Ausserdem haben kier keine ÄRZTE gesprochen.Die Fachärzte für Autismus wie Tony Attwood sind gegen ABA und empfehlen KEINE Therapien.
Ebenso die fachärzte in Tübingen.

Die Psychologen im Beitrag wollen Geld und 20 Stunden Therapie bringen viel Geld.

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