Inklusion, Aktion Mensch-Blog

eLearning als Chance für Menschen mit Behinderung

Lebenslanges Lernen ist angesagt, doch viele Weiterbildungsangebote sind für Menschen mit Behinderung ungeeignet.

In Deutschland gibt es ein gut ausgebautes Angebot an Fernstudiengängen und Fernlehrgängen. Für blinde und sehbehinderte Menschen könnten diese Angebote sehr interessant sein, in der Regel sind sie ihnen aber nicht zugänglich. Die Mehrheit der Anbieter stellt ihr Material in gedruckter Form bereit. Großdruck oder digitale Medien sind hingegen Mangelware. Erschwerend kommt hinzu, dass jede Bildungsorganisation ihre eigene Internetplattform betreibt. Dort werden Materialien hoch- und runtergeladen, häufig gibt es auch Diskussionsforen zu den einzelnen Kursen. Diese Plattformen erfüllen oft nicht die elementarsten Voraussetzungen der Barrierefreiheit im Internet wie zum Beispiel die Tastaturbedienbarkeit. Deshalb können die Kurse auch von Menschen mit motorischen Einschränkungen nur bedingt genutzt werden.

Klassische Studiengänge oder Weiterbildungsseminare sind vor allem für schwerhörige und gehörlose Menschen ein Problem. Ihr Studienerfolg wird durch eine mangelhafte technische Ausstattung oder die fehlende Finanzierung von Gebärdendolmetschern gefährdet.

eLearning als Alternative

Unter eLearning kann jede Möglichkeit verstanden werden, Bildung auf elektronischem Wege zu vermitteln. Das beginnt bei der Vorlesung, die jeder Internetnutzer herunterladen oder im Web anschauen kann und geht bis zu vollständigen Online-Kursen, bei denen der komplette Lernstoff samt Diskussionsforen online bereit gestellt wird. Die Universität Stanford hat 2011 einen Kurs über künstliche Intelligenz im Internet abgehalten, an der 160.000 Menschen teilgenommen haben sollen. Die Veranstalter planen weitere Kurse unter dem Projektnamen Udacity.

Solche Kurse haben eine Reihe von Vorteilen für Menschen mit Behinderung:

  • Sie können zuhause bearbeitet werden, so dass die eigene Hilfstechnik bereit steht und Mobilitätsprobleme entfallen.
  • Die Basis der Kurse ist häufig Text; Multimedia wird eher ergänzend eingesetzt. Das hat vor allem für blinde und sehbehinderte Menschen Vorteile.
  • Die Kurse können relativ einfach für gehörlose und schwerhörige Menschen aufbereitet werden. Untertitel oder Gebärdenvideos können ebenso hinzugefügt werden wie Texte in Leichter Sprache.
  • Zu guter Letzt können die Kursteilnehmer ihre Zeit selbst einteilen. Es spielt keine Rolle, ob man eine oder drei Stunden zur Bearbeitung der Inhalte und Aufgaben benötigt.

Ein auch für Menschen mit Behinderung spannender Trend sind die Massive Open Online Courses (MOOC). Bei diesen Kursen werden Basisinformationen zu dem Kursthema von den Lehrenden bereit gestellt. Anders als beim klassischen eLearning sollen die Teilnehmer nicht vorgegebene Aufgaben lösen, sondern sie werden angehalten, selbst Inhalte zum Thema zu erstellen. Dabei können sie selbst entscheiden, auf welcher Plattform oder in welcher Form sie die Inhalte veröffentlichen. Für Menschen mit Behinderung liegt der Vorteil darin, dass sie die für sie jeweils passende Medienform für die Inhalte aussuchen können: Blinde Menschen werden eher Texte schreiben oder Podcasts erstellen, während gehörlose Menschen vielleicht eine grafische Präsentationsform bevorzugen. Die Teilnahme an den Kursen ist in der Regel kostenlos, und die Teilnehmerzahl ist praktisch unbegrenzt. Im April 2012 startet ein deutschsprachiger Kurs zu "Trends im E-Teaching".

Der soziale Faktor

Ein wichtiger Faktor auf vielen eLearning-Plattformen ist der Austausch über den Lernstoff. Die Teilnehmer diskutieren über ihre Fragen oder einzelne Lösungsansätze. Auch dabei spielt es keine Rolle, ob der jeweilige Teilnehmer eine Behinderung hat oder nicht. Er kann sagen, dass er eine Behinderung hat, muss es aber nicht.

Barrierefreiheit

Voraussetzung für die Nutzung der Kurse durch Menschen mit Behinderung ist - wie so oft - ihre barrierefreie Aufbereitung. Dabei geht es zum einen um die Wahl der richtigen Plattform. Wie oben erwähnt basteln viele Einrichtungen ihre eigenen Learning Management Systeme. Dabei gibt es kostenlose Open-Source-Alternativen wie etwa Moodle, die als gut zugänglich gelten.

Entscheidend für die Zugänglichkeit ist - neben der Plattform selbst - die barrierefreie Aufbereitung des Lernstoffs. Viele Kurse setzen nur auf Texte und Bilder. Vor allem bei Universitätskursen oder Webinaren ist es hingegen üblich, Videos bereit zu stellen. Wichtig ist dabei, dass die Teilnehmer die Gelegenheit haben, sich die Videos nach dem Kurs noch einmal ansehen zu können. Blinde und sehbehinderte Menschen sollten sich Präsentationen herunterladen können, für gehörlose Menschen sollten Untertitel eingefügt werden.

eLearning sollte nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung klassischer Bildungsmaßnahmen verstanden werden. Menschen mit Behinderung profitieren wie alle Lernenden von den persönlichen sozialen Kontakten und dem direkten Austausch mit anderen. Auch bei klassischen Lehrveranstaltungen lässt sich Barrierefreiheit bis zu einem bestimmten Grad umsetzen.

Weiterführende Links:
Vibelle bietet Kurse für Gehörlose
Das Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter hat eine Online-Akademie für Menschen mit Behinderung gestartet
Das Projekt Web ohne Barrieren bietet eine Sammlung von Anleitungen für das barrierefreie eLearning

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