Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Einmal wieder Kind sein und staunen

Das Miniatur Wunderland Hamburg zeigt, dass Zugänglichkeit für Rollstuhlfahrer auch in alten, unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden möglich ist. In Sachen Barrierefreiheit wurde hier mit viel Engagement schon viel erreicht, obwohl die Betreiber sicherlich noch viel mehr vor haben, um allen Menschen das Staunen zu ermöglichen.

Es gibt es unzählig viele Perspektiven, aus denen man das Miniatur Wunderland betrachten kann. Copyright: Margit Glasow/thalmannverlag!

Ich hatte einen Termin in Hamburg, genauer gesagt wollte ich an einem Medien-Workshop zum Thema „Die Schranken im Kopf überwinden – Barrierefreiheit und Entstigmatisierung“ teilnehmen. Ort der Veranstaltung: Der historische Speicherboden in der hundertjährigen Hamburger Speicherstadt, dem größten zusammenhängenden Lagerhauskomplex der Welt. Der Speicherboden hat einen direkten Zugang zum Miniatur Wunderland, in dem die weltweit größte Modelleisenbahnanlage untergebracht ist.

Denkmalschutz und Barrierefreiheit. Geht das?

Ich fragte mich natürlich, mit wie viel Barrierefreiheit ich wohl rechnen konnte in diesem alten Gebäude aus der Wilhelminischen Backsteingotik der Gründerzeit, das, wie die anderen Lagerhallen der Speicherstadt auch, auf Eichenpfählen gebaut wurde und unter Denkmalschutz steht. Doch es wurden ja auch Rollstuhlfahrer erwartet, nicht zuletzt war Raul Krauthausen als Referent angekündigt. Es musste also zugänglich sein. Trotzdem war ich skeptisch. Und in der Tat fiel mir schon bei meiner Anfahrt mit dem Bus auf, dass es hier reichlich Kopfsteinpflaster auf den Straßen gab.

Der Speicherboden, der sich unweit von Hamburgs neuer Trendmeile, der HafenCity, befindet und dadurch mitten ins neue Zentrum der Hansestadt gerückt ist, ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln bequem zu erreichen. Der Linienbus mit ausklappbarer Rampe hielt in unmittelbarer Nähe. Um zum Workshop zu gelangen, musste man als Rollstuhlfahrer zunächst mittels eines Treppenlifts ca. zehn Stufen überwinden. Das war nicht für jeden ganz einfach, da die Klingel, mit der man einen Mitarbeiter herbeirufen musste, nicht sehr gut sichtbar angebracht war, schon gar nicht für Menschen, die zusätzlich noch eine Sehbeeinträchtigung haben. Aber es war möglich. Und war diese Hürde überwunden, ging es bequem weiter über einen Fahrstuhl direkt hinauf zum Workshop, auf dem verschiedene Lösungen zur Barrierefreiheit vorgestellt wurden, die anschließend selbst ausprobiert werden konnten. Raul Krauthausen, Gründer des Vereins Sozialhelden und des Wiki-Projektes wheelmap.org, rundete dann das Bild ab, indem er über die Barrieren in den Köpfen, über barrierefreie Projekte und die Weiterentwicklung von sozialen Netzwerken sprach.

Führung durch Erlebnisausstellung

Nach dem Workshop bestand für alle Teilnehmer die Möglichkeit, an einer Führung durch das Miniatur Wunderland teilzunehmen – bequem zu erreichen über einen direkten Zugang vom Historischen Speicherboden. Der Start verlief nicht ganz ohne Probleme. Aber Fahrstühle können schon mal ausfallen. Da ist es gut, wenn reichlich davon vorhanden sind – wie in diesem Falle. Es war auch nicht ganz einfach, sich durch die große Anlage und das mächtige Gewimmel, das uns empfing, hindurchzukämpfen. Immerhin waren in Hamburg gerade Schulferien und die Gänge entsprechen dicht gefüllt mit quirligen jungen Leuten, die fasziniert die über 1300 m² große Modellfläche mit 13.000 Meter verlegter Gleislänge und rund 930 fahrenden Zügen bestaunten.

Während der gesamten Führung erzählte uns der Guide viele Details bezüglich Konzept, Modellbau, Entwicklung und Technik. Erstes Highlight, das wir uns anschauten, war der nachgebaute, 150 qm große Verkehrsflughafen, an dem mehr als sechs Jahre lang gebaut wurde. Diese weltweit einzigartige Simulation von Flugbetrieb steuert 45 Flugzeuge, 40 Züge und 600 Waggons. Wir bestaunten 4500 Fahrzeuge, von denen 4000 in Parkhäusern standen,.70 Signale, 150 Weichen und ein Lichtermeer aus ca. 40.000 LED Lichter. Alles gesteuert mit Hilfe kleiner Sateliten und anderer Hilfsmittel. Besonders beeindruckend war dabei die Funktionsweise der Ladestation der Fahrzeuge.

Anschließend ein exklusiver Blick hinter die Kulissen: Unterhalb der Aufbauten der Schweiz wurde uns ein kleiner Einblick in die komplizierte Welt der Verkabelung, der Decoder, Computer etc. gestattet, die im Jahre 2000 ihren Anfang nahm. In jener Zeit nämlich besuchte Frederik Braun, Gründer des Miniatur Wunderlandes, die Alpenmetropole Zürich. Bei einem Spaziergang durch entlegenene Gassen der Zürcher Innenstadt stieß er auf einen Modellbahnshop, der Kindheitserinnerungen von ihm wiederbelebte. Inspiriert von diesen Eindrücken reifte in ihm die Idee, einen vergessen geglaubten Kindheitstraum Wirklichkeit werden zu lassen, die er zusammen, mit seinem Bruder realisierte. Heute wächst die gesamte Anlage immer noch weiter und ist voller visueller Eindrücke.

Rollstuhl-Abend – ein Service für Menschen mit Behinderung

Wie gesagt, die Anlage war rappelvoll. Für Menschen im Rollstuhl oder mit einer Gehbehinderung nicht ganz einfach, durch die Gänge zu kommen und sich eine gute Sicht auf die Anlage zu erkämpfen. Deshalb bietet das Miniatur Wunderland in unregelmäßigen Abständen (ca. alle vier bis acht Wochen) Exklusivöffnungen nur für Rollstuhlfahrer und schwerstbehinderte Menschen an. Das bedeutet, dass um 18:00 Uhr die regulären Besucher gebeten werden, das Wunderland zu verlassen, so dass dann die Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderung einen freien Blick auf die Anlage haben. Der Eintrittspreis beträgt an diesem Abend für Rollstuhlfahrer und Schwerstbehinderte 5,00 € und gilt inklusive einer Begleitperson. Alle weiteren Begleitungen zahlen den normalen Eintrittspreis. Selbstverständlich steht es jedem frei, die Ausstellung auch schon vor 18:00 Uhr zu besuchen. Der nächste Rollstuhl-Abend findet am 12. Mai 2014 statt.

Als ich im Vorfeld meines Besuches von diesem Angebot las, fragte ich mich zunächst, ob hier nicht wieder ausgesondert und diskriminiert wird. Aber nachdem ich die Anlage selbst besucht habe, muss ich sagen, dass das Angebot schon Sinn macht bei einem derartigen Besucherandrang.

Alles in allem kann ich einen Besuch in diesem alten, unter Denkmalschutz stehenden Gebäude nur jedem empfehlen, der mal wieder wie ein Kind staunen möchte. Empfehlen insbesondere auch deshalb, weil es hier gelungen ist, den Zugang zu einem alten, unter Denkmalschutz stehenden Gebäude zu ermöglichen – und zwar im Einklang mit den Vorgaben, die für derartige Gebäude gelten. Vielleicht noch nicht für jeden 100%ig optimal, aber der Wille ist vorhanden, Lösungen zu finden –. ganz nach dem Motto des Aktion Mensch-Jubiläums „Schon viel erreicht, noch viel mehr vor“!

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