Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Einmal nichts Besonderes sein

Ich nehme mir heute Zeit für meine Reise. Ich mag es, mich während einer Bahnfahrt treiben zu lassen, aus dem Fenster zu schauen, zwischendurch ein wenig zu lesen. Vor allem mag ich es, meinen Gedanken nachzuhängen. So fällt es mir heute auch sichtlich schwer, mich auf meine Zeitung zu konzentrieren. Ich sinne darüber nach, wie das bevorstehende Wochenende in Duderstadt werden mag. Wen ich in diesem Jahr treffen werde. Und ich frage mich, ob solche Treffen von Selbsthilfegruppen immer noch zeitgemäß sind.

Über 200 Menschen beim jährlichen Treffen der Selbsthilfegruppe. Foto: Uwe Klees

Der Regionalzug kommt pünktlich in Hamburg an, und so habe ich genug Zeit zum Umsteigen. Dann geht es weiter mit dem ICE nach Göttingen. Der Blick gen Himmel lässt hoffen, dass es keinen Regen geben wird. Vielleicht wird sich sogar die Sonne noch zeigen. Das wäre gut, dann können wir abends im Biergarten sitzen. Das verspricht Gespräche bis tief in die Nacht.

Steile Rampen statt Rolltreppen

Den Bahnhof in Göttingen mag ich nicht, statt Rolltreppen gibt es lange, ziemlich steile Rampen. Wer hier mit dem Rollstuhl allein hoch- und runterfährt, muss sich sicher quälen. Die Fahrstühle werden erst allmählich nachgerüstet. Während ich langsam mit meinem Köfferchen hinuntergehe, betrachte ich die vielen Werbeplakate von Otto Bock an den Wänden. Das Stammhaus des Unternehmens befindet sich in Duderstadt, etwa 30 Kilometer von Göttingen entfernt. Ich will nach Duderstadt, aber nicht zu Otto Bock. Nein, ich will ins – größtenteils barrierefreie – Jugendgästehaus zum alljährlichen Treffen der Deutschen Gesellschaft für Osteogenesis imperfecta (Glasknochen) Betroffene e. V..

Auf dem Weg in den Ausnahmezustand

Vom Bahnhof Göttingen werde ich mit einem speziell eingerichteten Shuttle abgeholt, der mich durch das südliche Harzvorland bringt. Zu dieser Zeit bin ich die einzige Mitfahrerin. Ich wechsle ein paar Worte mit dem Fahrer, ob denn schon viele angereist seien und wie die Wetterprognose für die nächsten Tage ist. Viele sind schon da, erfahre ich, aber ich weiß auch so, das mich in den nächsten vier Tagen ein buntes, quirliges Treiben erwartet, das mich mitreißen und – wie wohl viele andere auch – vier Tage in einen Ausnahmezustand versetzen wird.

Warum ist das so? Warum reisen jedes Jahr aufs Neue über 200 Menschen an, die ebenfalls mit dieser Knochenerkrankung leben bzw. Angehörige von Betroffenen sind? Warum ziehen sich diese Menschen für vier Tage zurück, um unter sich zu sein? Warum treten dabei die Vorträge über den neuesten medizinischen Stand der Dinge und die beste Hilfsmittelversorgung oft in den Hintergrund? Was fasziniert sie an diesen Begegnungen? Warum sind vor allem die Gespräche untereinander so wichtig? Und wo kommt diese ungeheure Energie der Kinder her, die in ihren bunten Rollstühlen durch die Gänge des Hauses flitzen? Immer unter dem Motto von Karlsson vom Dach: "Knallen muss es tüchtig, und lustig will ich's ha'm!"

"Knallen muss es tüchtig, und lustig will ich's ha'm!"

"Genau diese ausgelassene, fröhliche, vergnügte Stimmung ist es, die mich in Duderstadt so begeistert", sagte vor Kurzem ein Arzt zu mir, der diese Treffen aus eigenem Erleben kennt. Es sind nicht nur die Kinder, die von diesen Treffen profitieren, es genießen, einmal nicht der Exot zu sein, nicht erklären zu müssen, warum sie so klein und mitunter verwachsen sind und im Rollstuhl sitzen müssen. Einmal keine fragenden, mitunter auch abwertenden Blicke von Fremden zu spüren, warum man denn anders aussieht. Alles als selbstverständlich zu empfinden und sich so geben zu können, wie man ist. Einmal nur einer von vielen zu sein. Dieses Gefühl, dazuzugehören, Gleicher unter Gleichen zu sein, macht stark.

Von diesem Gefühl zehren alle noch Wochen danach, wenn alles schon in Vergessenheit geraten ist. Und so beantwortet sich auch meine Frage, ob solche Treffen – in einer Zeit, in der alle von Inklusion reden – überhaupt noch Sinn machen. Auch ich fühle mich ein wenig wie Karlsson vom Dach, wenn ich nach vier Tagen abreise. Fröhlich, gestärkt. Bereit, mich wieder "unter das Volk" zu mischen ...


Linktipps:
Mehr Informationen zur Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung beim Familienratgeber
Informationen und Beratung zum Thema Selbsthilfe beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter
Bundesweite Interessenvertretung von Selbsthilfegruppen: die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen
Patenschaftsprojekt hilft lateinamerikanischen Kindern. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow

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