Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Eine unlustige Klogeschichte

Es war gerade mal 11 Uhr morgens (bei uns Studierenden beginnt der Morgen ab 10 Uhr, alles, was früher ist, gehört noch zur "Nacht"), die Vorlesung lief seit einer Stunde, da merkte ich, dass mich ein unerträglicher Durst überfiel. Aus dem Nichts, wie ein Unwetter im Hochsommer. Ich versuchte, ruhig zu bleiben: "Keine Panik, vielleicht vergeht es gleich." Ich bemühte mich von dem Bedürfnis abzulenken, indem ich zum Beispiel dem Professor zuhörte. Es war nicht meine Lieblingsvorlesung, es ging um die Paragrafen für die Arbeitslosenberatung. Die erste Viertelstunde klappte es mit der Konzentration sehr gut, aber meine eigentlich sinnvolle Taktik funktionierte mit jeder weiteren Minute immer weniger, und in immer kürzeren Abständen schrie mein Körper:

"WASSER! ERBARME DICH!"

Ich verzog mein Gesicht zu der "Mitleidsmimik". Ja, ich hatte in solchen Momenten Mitleid mit mir selbst. Ich wusste, befriedige ich das eine Bedürfnis, wird das andere aufkommen – und das andere Bedürfnis kann ich nicht befriedigen. Aus logistischen Gründen. Mist! Ich erbarmte mich mit meinem fast vertrockneten Hals und trank – ich habe mitgezählt – sieben Schlucke Apfelsaftschorle. Und schon ging es los ... ich musste auf die Toilette. Natürlich. Wie kann es auch anders sein?

Damit es für alle verständlich ist: Aufgrund meiner Grunderkrankung und der Assistenz werde ich mit dem sogenannten Lifter gehoben. Es ist rückenschonend und praktisch. Die Kosten für einen solchen Lifter belaufen sich auf ca. 3.000 €, wenn er gebraucht ist, sogar noch weniger. Die Kostenträger variieren je nach dem Beschäftigungsstatus des Antragstellers; in meinem Fall als Studentin ist das örtliche Sozialamt für die Finanzierung aller Hilfsmittel zuständig. Im September bekam ich den offiziellen Immatrikulationsbescheid und stellte sofort einen Antrag auf das dringend benötigte Hilfsmittel. Es wurde an eine "höhere Stelle" weitergeleitet, musste von der Landesärztin oder deren Gehilfen, die übrigens Sozialarbeiter sind, überprüft werden.

An sich ist es kein Problem! Ich kenne sowohl meinen Sachbearbeiter vom Sozialamt als auch die Landesärztin persönlich – beide sind sehr nett, scheinen fair und bearbeiten meistens schnell meine Anträge, die üblicherweise dringend sind. Ich war mir sicher, dass ich schon in spätestens einem Monat so viel trinken würde, wie ich mochte. Es vergingen Tage, Wochen, Monate ... Alle zwei Wochen rief ich beim Sozialamt an und fragte (noch höflich), wann denn der Lifter geliefert werden würde. Der Sachbearbeiter sagte, er wüsste es nicht, und versprach, sich darum zu kümmern. Es vergingen weitere Wochen, bis zu dem besagten Tag, an dem ich nicht wie üblich erst am Nachmittag durstig wurde, sondern schon am Morgen.

Da saß ich und war wütend auf meinen Körper! Finden Sie es nicht auch absurd, lieber Leser, liebe Leserin? Ich beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. "Schluss mit lustig, liebe Sozialarbeiter!", dachte ich mir, während ich mir fast in die Hose machte. Die Pausenzeiten waren zu kurz, um "mal schnell" nach Hause zu düsen, und dazu lag viel Schnee – die Entscheidung zwischen "Aushalten" und "Erfrieren" war wirklich nicht einfach.

Mittlerweile war es Anfang Februar, ich studierte schon seit fünf Monaten. Seit fünf Monaten konnte ich keinen Kaffee mit meinen Kommilitonen trinken! Ist dem Sozialamt eigentlich bewusst, was DAS für Auswirkungen auf meine sozialen Kontakte hatte?!

Ich, bestimmt: "Können Sie mir bitte sagen, wann der Lifter in die Hochschule geliefert wird?"

Noch gut gelaunte Sozialarbeiterin: "Ah, Frau Umrik! Ich wollte Sie gerade anrufen!" – Natürlich. "Ich habe gerade den Bescheid ausgedruckt, es ist leider eine Ablehnung."

Ich, schockiert: "WAS?! Warum?"

Ahnungslose Sozialarbeiterin: "Sie haben Assistenz, aus unserer Sicht besteht kein Bedarf für ein Hilfsmittel."

Ich, hörbar gereizt, bemüht ruhig sprechend: "Hätte ich keine Assistenz, bräuchte ich höchstwahrscheinlich auch keinen Lifter! Wissen Sie, wie es ist, auf die Toilette zu müssen und nicht gehen zu können? Trinken Sie gern Kaffee?"

Verunsicherte Sozialarbeiterin: "Ja ..."

Ich, mit überzeugender Stimme:"Sehen Sie, ich auch! Falls Sie es jetzt unter 'Luxus' ablegen, macht nichts – ich kann nicht mal Wasser trinken! Wie soll ich studieren, wenn ich nicht DENKEN kann?"

Argumentlose Sozialarbeiterin: "Frau Umrik, ich schicke Ihnen den Bewilligungsbescheid noch heute raus."

Geht doch.

Dass der Lifter erst drei Monate nach dem Gespräch geliefert wurde, möchte ich eigentlich kaum erwähnen. Die Sorgen sind vergessen, und ich trinke so viel Kaffee, wie noch nie zu vor. Sogar auf der Uni-Toilette sitzend möchte ich an meinem Becher nippen.

Wer teilt morgen mit mir die Freude und trinkt mit mir einen Kaffee?


Linktipps:
Studieren mit einer Behinderung: Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Barrierefreiheit
Familienratgeber: Studium und Behinderung

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Filter

Schlagwort


Tags

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Noch kein
Geschenk?