Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

Eine Frage der Perspektive

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In der Münchner CITA, einem Zentrum für Ausdruckstanz, fand am vergangenen Wochenende der vorletzte regionale „BÄÄM! Der Deaf Slam“-Workshop statt. 22 Teilnehmer schufen zwölf facettenreiche Slams. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Kino Monopol verzauberten sie schließlich das Publikum und zeigten „deaf can!“

Üben während des Workshops im Münchener CITA: Zwei junge Frauen bei "BÄÄM! Der Deaf Slam". Aktion Mensch / Hartmut Keitel.

Deaf Slam ist ein unpassender Name – finde ich. Das hört sich an wie „Rollstuhl-Slam“, meint Gebärdensprachdozent Andreas Costrau zu Beginn des Münchner Workshops mit einem breiten Grinsen. Und eins ist im Münchner CITA direkt klar: Wer hier „behindert“ ist, das ist eine Frage der Perspektive. Die Gehörlosen-Szene fordert Respekt, so wie Respekt auch eine eiserne Regel des Deaf Slam ist.
Um einmal selbst zu erfahren, wie schwierig es ist, als Hörende am Deaf Slam teilzunehmen, mische ich mich am ersten Tag unter die Gruppe. „Deaf Slam – das sind Themen, die ihr wählt! Das können alltägliche Dinge sein – eure Probleme, Politik, eure Sorgen“, erfahren wir. Ziel ist es, dass das Publikum eine Art „Kopfkino“ entwickele, meint Andreas. „Habt ihr schon mal Giuseppe (Giuranna ist Gebärdensprachpoet, Anm. d. Red.) erlebt? Wenn er auf der Bühne steht, dann vergisst man ihn und taucht ein, in die Geschichte und erlebt Kino.“ Und:„Das hier ist kein Haifischbecken, wo einer untergeht, wenn er nicht gewinnt“, motiviert der Workshopleiter die Teilnehmer. „Horcht in euch hinein! Wie sind eure Assoziationen,“ fragt Wolf Hogekamp. Der Poetry Slammer der ersten Stunde ist neben Costrau der zweite Workshopleiter beim Münchner „Bääm“-Workshop.

Slammen üben

Zum Auflockern begrüßen sich die Teilnehmer, laufen durch den Raum, lernen sich kennen, wünschen sich Glück für den Wettbewerb. Ich rätsele. Bin gefangen in meiner Wahrnehmung von Reimen, die auf gesprochener Sprache basiert. Obwohl ich einen solchen Workshop nun schon zum dritten Mal erlebe, frage ich mich: Wie funktioniert ein Slam in Gebärdensprache? Denk in Bildern, denke ich, erinnere Dich an die Regeln des Vernacular Visual (siehe Artikel "Gedichte im Raum gestalten"), wie sie Giuseppe in Berlin gezeigt hat, und versuche, Bewegungen aneinanderzureihen, so dass sie ineinander fließen und irgendwann eine kleine Geschichte erzählen!
Beim Einüben des eigenen ersten Slams, einer ersten Übung, wird mir bewusst, wie schwierig es ist – ohne eine Gebärdensprache zu beherrschen -, aus drei Gegenständen (Vogel, Kerze, Schokolade) eine Geschichte zu erzählen. Ich merke, wie ich mich immer wieder an die „gängigen“ Assoziationen klammere, wie es mir an Phantasie fehlt und ich ausweiche auf Pantomime. Zum Glück ist Pantomime erlaubt und mein Trainigspartner Hristo Trajkovski hat Geduld.

Vom Vogel und der Schokolade

Der Vogel fliegt (schwingende Bewegungen mit den Armen), stößt an einen Baum und strauchelt. Dann sieht er die Kerze und durch die Kerze die Tafel Schokolade. Er robbt zur Schokolade und will sie essen. Ich wechsle die Rollen, spiele zuerst den Vogel, dann die Kerze, zeige einen züngelnden Docht. Ich präsentiere mich selbst als Tafel Schokolade und öffne die Arme und breche mir ein Stück von meinem eigenen Arm ab. Cristo zeigt mir die Gebärden. Am Schluss zerschmilzt die Schokolade an der Kerze und der gestürzte Vogel leckt sie auf.
Obwohl das irgendwie hinhaut, merke ich, wie unflexibel ich bin. Ich halte mich immer wieder an Pantomime fest, habe Schwierigkeiten mir die Gebärden zu merken, die Hristo mir zeigt. Dann ist mir klar: Ich fühle mich eher eingeschränkt – trotz kompetenter Gebärdendolmetscher, die übersetzen. Den Subtext, wenn jemand gebärdet, die Ironie, die mitschwingt, verstehe ich nicht. „Wir sind behindert, weil wir nicht hören, ihr seid behindert, weil ihr keine Gebärdensprache versteht“, bringt es Andreas Costrau auf den Punkt. Bei seinen Tätigkeiten an verschiedenen Unis und Fachhochschulen geht es ihm darum, in seiner Schule auch Hörenden die Gebärdensprache beizubringen. Der Dozent tritt selbstbewusst und ziemlich berlinerisch auf. Mit Witz und Ironie gelingt es ihm, die Teilnehmer zu motivieren: „16 Millionen Gebärdensprachbehinderte – denen muss man doch helfen. Deswegen haben wir in Berlin 'ne Gebärdensprachschule gegründet.“

Slams über Liebe und Selbstbestimmung

Am Ende des ersten Tages ist die Erschöpfung spürbar, aber auch die Motivation der Teilnehmer. Und es sind die ersten kleinen Geschichten entstanden, an denen den gesamten nächsten Tag über gefeilt wird. Entstanden sind Slams, die berühren, wie der von Lotti und Mark „Man lebt nur einmal“. Sie erzählen von ihrer ersten Begegnung und ihrer Annährung. Und sie setzen darin einer Welt voller Status-Symbole einer Welt der wirklich wichtigen Dinge entgegen. Oder die Geschichte von Asizi, die mit ihrem Slam „Liebe macht Mut“ aufgeregt darstellt, zwischen zwei Kulturen in Deutschland aufzuwachsen, von den heimlichen Treffen mit ihrem zukünftigen Mann und dem Kampf um Selbstbestimmung, den sie gewonnen hat. Oder die Geschichte von Nicole „Nicki“ Maresch, die als Dolmetscherin arbeitet und ihre Arbeitserfahrungen in ihrem Slam in einer Woche dokumentiert. Mit Nicki erfährt das Publikum: das Dolmetschen beim Arzt, wenn die Diagnose schlimm ist, die Aufregung beim Bewerbungsgespräch; der Kampf vor Gericht oder das Dolmetschen bei einer Geburt: ein Wechselbad der Gefühle.
„Ab ins Monopol. Wir werden den Leuten zeigen wo der Deaf Slam-Hammer hängt“ heißt es am Sonntagabend nach einem Tag voller Übungen. Am Ende zeigt auch die Gruppe „Bass“ mit ihrer Performance „Deaf, we can“, dass Gehörlosigkeit keine Krankheit ist und überzeugte das Publikum ebenfalls mit Ironie. „Ah, Du bist gehörlos? Deine Hörschnecke ist kaputt?“ Na dann: Gute Besserung!“

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