Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

Eine Brücke zwischen uns und der 'restlichen' Welt

von Olga Hertle

Olga Hertle hat mit Vadim Eichwald Mitte November den Deaf Slam der Aktion Mensch in Heidelberg gewonnen. Der nächste Poetry Slam für Gehörlose und Hörende findet am 12. und 13. Januar 2013 in Berlin statt. Er ist Teil des inklusiven FIlmfestivals "überall dabei". Doch bevor es soweit ist, blickt Olga Hertle zurück: auf zwei Tage Anspannung, Aufregung und am Ende ein Glücksgefühl. Ein Vorgschmack für die Berliner.

Übt die poetischen Gebärden während des Workshops: Olga Hertle, die spätere Gewinnerin des Deaf Slams in Heidelberg. Aktion Mensch / Martin Kleinmichel

Es war ein aufregendes Wochenende voller Adrenalin im Blut. Seit Freitag konnte ich nichts anderes tun, als an diesen Wettbewerb zu denken. Seitdem war ich nervös. Die Teilnahme am Workshop mit Benedikt Feldmann hat mir definitiv geholfen, selbstbewusster aufzutreten. Auch Dank seiner wertvollen Tipps. Als ich während des Workshops mein Werk vorzeigen musste, da habe ich mehrmals unterbrechen müssen und gesagt: "Hey, ich schaffe es nicht." Aber ich wollte unbedingt meinen Text "Taubsein ist Luxus", den ich vor einem Jahr geschrieben habe, dem Publikum zeigen vor allem den Hörenden. Mit meiner Gebärdensprache und mithilfe des Dolmetschers.

Als ich dann auf der Bühne stand, war meine Aufregung sofort ausgeschaltet und ich dachte kurz: "Oh Gott. Jetzt schauen mich alle an. Aber ich muss da jetzt durch und zwar ohne Unterbrechungen". Und dann habe ich einfach angefangen.

Visuelle Poesie

Bei diesem Wettbewerb hatte ich nicht das Ziel, unbedingt zu gewinnen, ich wollte einfach, dass das Publikum meinen Text erfährt. Und das ist mir mehr als gelungen. Das habe ich wirklich nicht erwartet. Aus unserer Gruppe waren "Löwe", "MS-Reptil" und "Melicious" (Künstlernamen der Teilnehmer, Anm. der Redaktion) meine Favoriten. Sie konnten sehr toll ihre Poesie darstellen und gebärden. Mir war klar, dass Vadim Eichwald ("Löwe") eventuell gewinnen würde, denn sein „visuelles“ Gedicht war für mich sehr ausdrucksstark und poetisch. Ich kenne ihn privat und bin froh, ihn überzeugt zu haben, am Deaf Slam teilzunehmen. Umso bemerkenswerter war es, dass er vom ersten auf den zweiten Workshoptag über Nacht sein Werk so schnell entwickelt hat. Talent hat er, das hat sich ja auch bei dem Wettbewerb gezeigt.

Aber dass auch ich gewinnen könnte und würde, war mir gar nicht bewusst. Eine Zuschauerin gratulierte mir danach und sagte: „Du hast vollkommen Recht mit Deinem Gedicht Taubsein ist wirklich Luxus. Gerade jetzt ist die Musik viel zu laut, mein Trommelfell platzt gleich!" Da musste ich einfach grinsen.

Zwei Welten

Sehr froh war ich darüber, dass die Zuschauer bunt gemischt waren: Hörende, Menschen im Rollstuhl und Gehörlose. Dass "andere" Menschen uns zuhören "durften". Das habe ich in Deutschland bisher noch zu selten erlebt. Entweder bin ich in unserer „Tauben-Welt“ unterwegs, wo ich mich mit anderen Gebärdensprachlern voll und ganz verständigen kann. In dieser Welt gibt es Theater, Gebärdensprachpoesien, die Kulturtage der Gehörlosen und diverse Vorträge in Gebärdensprache – ebenso wie Sportvereine und Kultur für Gehörlose. Um in unsere Welt eintauchen zu können, braucht man eine gute Gebärdensprach-Kompetenz. Die aber hat kaum ein Hörender. So erfahren geschätzt 95 Prozent der Gesellschaft von uns fast nichts.

Oder ich versuche mit meinem hochgradigen Hörverlust in die „Hörende Welt“ einzutauchen und an Festen, Sportwettbewerben, Theater oder Tanzkursen teilzunehmen. Dort, wo es nur wenig sprachlicher Kommunikation bedarf, klappt es einigermaßen gut. Dennoch: Wo viel gesprochen, diskutiert, gelacht, geplaudert wird, da kann ich nur am Rande teilhaben – mit Hilfe meiner Familie. Sehr oft mussten sie die gesprochenen Inhalte nochmal für mich wiederholen – häufig in verkürzter Version. Dabei erlebe ich fast immer eine gespannte anstatt entspannte Atmosphäre – und konnte nie vollständig dabei sein, mich nie wirklich austauschen.

Berührungsängste und Hemmungen von anderen konnte ich immer spüren. Mit der Zeit habe ich den Versuch aufgegeben, in diese hörende Welt einzutauchen. An einer solchen Welt hatte ich keine Chance, teilzunehmen und teilzuhaben. Ich werde von dieser Welt für immer ausgeschieden und vergessen - jedenfalls dachte ich das.
Denn bisher war es so, dass überhaupt keine Brücken zwischen uns und der „restlichen“ Welt gebaut wurden. Bisher fand quasi kein oder nur wenig Kennenlernen zwischen uns und den Hörenden statt – von Aufklärung über uns in Schulen ganz zu schweigen.

Deaf Jam als Inspiration

Daher bin ich sehr froh, dass zurzeit eine Bewegung in Richtung Inklusion stattfindet. Besonders, dass die Aktion Mensch einen Deaf Slam organisiert hat und dass ich daran teilnehmen konnte – ohne Bedenken. Als ich den Film 'DEAF JAM' aus Amerika mehrmals angeschaut habe, dachte ich nur: In Amerika wird immer viel für Gehörlose gemacht. Wann wird es auch so in Deutschland sein? Vielleicht 50 Jahre später? Wann dürfen wir zeigen, wie wir sind, wie wir denken - mit Gebärdensprache, inklusiv - dass es uns eben auch gut geht? Dass es nicht 50 Jahre gedauert hat, sondern wirklich jetzt passiert weniger als ein Jahr nachdem ich den Film gesehen habe, das hat mich wirklich überrascht. Als ob jemand unsere Gedanken gelesen hätte. Darüber bin ich sehr glücklich.

Nur muss es sich noch viel mehr in diese Richtung entwickeln, damit wir in unserem alltäglichen Leben das Gefühl bekommen, dass wir teilhaben „dürfen“. Dass auch wir jederzeit ernst genommen werden und nicht von anderen als Last, als Unbekannte empfunden werden.

Die Teilnahme an den Deaf Slams ist kostenfrei. Weitere Infos und Anmeldung zum Workshop und Wettbewerb per E-Mail unter: deafslam@eyzmedia.de.

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