Inklusion, 5. Mai, Aktion Mensch-Blog

Ein Zug, der nicht zu stoppen ist

Workshop“, eine Band von musikbegeisterten Menschen mit und ohne geistige Behinderung der Lebenshilfe Heinsberg, singt in ihrer zweiten Single von der Reise in eine inklusivere Gesellschaft. Ihr bevorzugtes Tempo in Richtung Teilhabe drückt der Titel des Songs aus: „Vollgas!“

Band „Workshop“: Von der Idee der Inklusion begeistern

Vor den ersten annehmbaren Ton einer Bandprobe haben die Götter den Schweiß gesetzt. Das ist auch bei der inklusiven Band Workshop so, die an diesem Freitagmorgen geschäftig durch den Sportraum der Werkstatt für behinderte Menschen in Heinsberg-Oberbruch wuselt. Seit kurz nach dem Frühstück wuchten die Gruppenmitglieder vier Congatrommeln herein, richten vor blauen Turnmatten und grünen Gymnastiksitzbällen Mikrophone auf die Mundhöhe der drei Sänger aus, bauen ein Schlagzeug und ein Keyboard auf, packen zwei Elektrogitarren und einen Bass aus Instrumententaschen. Drei Tage vor der Uraufführung am 5. Mai wollen sie noch einmal an ihrem neuen Song „Vollgas“ feilen. Die Stimmung ist gut, alle freuen sich auf die bevorstehenden Auftritte im Sender „100‘5.Das Hitradio“ und bei der Lokalzeit des WDR im Studio Aachen.

Herr des beträchtlichen Kabelsalats auf dem Boden, der im Mischpult eine Ordnung findet, ist Bassist Marco Roßkamp. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Belegschaft der Lebenshilfe Heinsberg und ehemalige Betreuer dreht an Reglerknöpfen, stimmt kurz den Sound der Instrumente und Singstimmen ab. „So!“ sagt er dann. Bühne frei für „Workshop“! Vollgas jetzt.

Eine Band, die genießt, was sie tut

Sobald das Intro mit den treibenden Gitarrenriffs von Nikolas Phlippen und dem hämmernden Schlagzeug von Kai Brandhofe einsetzt, verwandelt sich die Atmosphäre. Aus einer zusammengewürfelten Gruppe von Menschen mit und ohne geistige Behinderung – Werkstattbeschäftigte, Betreuer, Ehrenamtliche unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Temperaments – wird eine Band, die sichtlich genießt, was sie tut. Leadsänger Daniel Stolz, der mit herabhängenden Armen kerzengerade vor dem Mikro steht, zieht das Kinn etwas nach oben und lässt verträumt lächelnd den Blick schweifen. Seine kraftvolle Stimme durchdringt den Raum: „Welcher Zug wohl heute Nacht für uns geht? Eine Reise, die für Zukunft steht. An einen Ort, der von Gemeinsamkeit lebt“, singt er. „Wenn der Daniel mal eine Stimme drin hat, dann kann die komplette Band spielen, was sie will. Der singt das straight durch“, sagt Marco Roßkamp anerkennend. Daniels Gesang wird unterstützt durch den schlaksigen Frank Döbrich. Während des Soundchecks war er noch für jeden Witz zu haben, aber jetzt blickt er konzentriert auf das Mikro vor sich und übernimmt die zweite Stimme. Links von ihm steht Sandy Dann, die mit ihrer hohen Stimme die Harmonien abrundet. Die kleine, rothaarige Frau wippt im Rhythmus von einem Bein auf das andere und schlägt ab und zu spielerisch im Takt auf eine imaginäre Trommel. „Mit Vollgas durch die Nacht, wir fahren durch bis die Sonne erwacht. Alle Weichen sind schon gestellt, hinaus in die Welt“, schmettern alle drei voller Inbrunst.

Ohrwurm „Vollgas“ für den Aktionstag 5. Mai

Den Ohrwurm „Vollgas“ hat Workshop mit Hilfe des Profimusikers Ralf Rudnik, dem ehemaligen Gitarristen der Kölner Karnevalsband De Höhner, komponiert und kurz vor Ostern professionell in Rudniks Tonstudio in nahen Wegberg aufgenommen. „Er hat an der Melodie gearbeitet, wir am Text“, erzählt Michael Kleinen, Öffentlichkeitsarbeiter der Lebenshilfe Heinsberg. „Innerhalb von zwei Wochen stand das ganze Gerüst. Dann sind wir zwei Tage ins Studio gegangen und haben Instrumente und Gesang aufgenommen.“ Von der Aktion Mensch gab es für das Projekt einen Zuschuss von 4.000 Euro. „Vollgas“ ist speziell für den 5. Mai entstanden, sagt Kleinen. „Unsere Idee war, zum Aktionstag zu demonstrieren, was Menschen mit geistiger Behinderung können. Mit unseren Auftritten wollen wir die Leute von der Idee der Inklusion begeistern.“

„Vollgas“ schildert die Inklusion als fahrenden Zug, den niemand mehr aufhalten kann. Auch die Gruppe Workshop selbst hat einen guten Lauf. Vor 12 Jahren entstand die inklusive Band als ein typisches „Freitagsangebot“ zur Persönlichkeitsförderung für die Beschäftigten der Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe Heinsberg. Zusammen mit Betreuern formte sich eine feste Gruppe aus 14 musikbegeisterten Menschen mit und ohne Behinderung. „Am Anfang war das Zuhören schrecklich“, erinnert sich Roßkamp grinsend. „Wir mussten uns erstmal als Band zusammenfinden.“ Heute rockt Workshop bei bis zu 20 Liveauftritten im Jahr die Bühnen auf Festivals und anderen Veranstaltungen. Von der ursprünglichen Idee, Menschen mit Behinderung ein Forum zu geben, habe man sich komplett verabschiedet, erzählt Gründungsmitglied Marco Roßkamp. „Wir sind auf der Bühne nicht in erster Linie behindert oder nichtbehindert, sondern wollen einfach als Musiker wahrgenommen werden. Man kann uns ganz normal buchen.“

Viele wollen in der Band spielen

Alles ist über die Jahre hinweg professioneller geworden: Teilweise nehmen die Bandmitglieder mit Behinderung Musik- und Gesangsunterricht, es besteht eine Kooperation mit der Musikschule, und wenn ein Musiker die Band verlässt, wird die Nachfolge mittels eines Castings im Haus von den Gruppenmitgliedern demokratisch bestimmt. „Unter den über 1.100 Menschen mit Behinderung, die hier bei uns arbeiten, gibt es viele, die in der Band spielen wollen“, erklärt Roßkamp. Da musste eine faire Regelung gefunden werden. Sängerin Sandy Dann, eine Frau mit Autismus, war die Erste, die über einen solchen Wettbewerb in die Band nachgerückt ist. Schon 2009 waren sie das erste Mal mit Ralf Rudnik im Tonstudio, um ihren ersten eigenen Partysong „Auf geht's“ aufzunehmen.

Seit dem 5. Mai ist nun „Vollgas“ auf einer , die kostenlos verteilt wird, und im Internet zu hören. „Das neue Lied ist schön“, betont Sänger Daniel Stolz in einer Pause während der Probe. Den Text haben die Betreuer ihm vorgesungen, er kann ihn jetzt wortgetreu auswendig. „Es macht mir wirklich Spaß, das zu singen!“ Dann arbeiten sie weiter an dem Song. Vollgas natürlich.


Linktipps:
Der neue Song „Vollgas“ der Heinsberger Band Workshop
Impressionen der Aufnahmen von „Vollgas“ im Studio von Ralf Rudnick
Jetzt wird gerockt! Ein Blogbeitrag von Maria Schwarze über eine inklusive Rockband der Lebenshilfe Salzgitter
Trommeln für Inklusion. Ein Blogbeitrag von Carmen Molitor über einen inklusiven Drumcircle in Bad Salzungen
„Alles für alle“ – Station 17 auf Tour. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über ein Konzert der Hamburger Band Station 17 in Oberhausen

Alle Informationen rund um den Aktionstag 5. Mai 2014 – dem Europäischen Protesttag zur Geleichstellung von Mensch mit Behinderung
Die neue Förderaktion „Noch viel mehr vor“ der Aktion Mensch, mit der kleine inklusive Projekte unterstützt werden

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