Inklusion, Aktion Mensch-Blog

"Ein Stück weit Utopie"

Inklusion ist das ist In-Thema, wenn über Schule gesprochen wird. Für viele ist der Begriff zum Synonym für die Forderung nach einer "Schule für Alle" geworden. Es gibt Elterninitiativen und Lehrerkonferenzen, die Politik ist auf den Plan gerufen. Einige Förderschulen werden geschlossen, andere wollen sich nicht schließen lassen. Vor Gericht klagen Eltern das Recht ihrer Kinder mit Behinderung auf inklusive Beschulung an Regelschulen ein. Revolution ist angesagt in der Bildungsrepublik! Und an den Universitäten?

Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Gehört habe ich bislang wenig. Das macht mich neugierig. Wie steht es um die Inklusion an deutschen Hochschulen?

Unsichtbare Behinderung

Bei meiner Recherche stoße ich auf eine Studie des Deutschen Studentenwerks: "Beeinträchtigt studieren" heißt die Untersuchung, die das Studentenwerk im vergangenen Sommer veröffentlicht hat. Beleuchtet werden sollte die Studiensituation von Studierenden mit Behinderung oder chronischer Krankheit. 16.000 Studierende aus 160 Hochschulen, die durch eine körperliche, geistige oder seelische Behinderung im Studium beeinträchtigt sind, wurden online befragt. Bei der Auswertung wurde ein Problem deutlich: Über 90 Prozent der befragten Studenten sieht man ihr Handicap nicht an. Als körperlich behindert bezeichnete sich lediglich jeder zehnte Befragte. Fast die Hälfte gab an, psychisch krank zu sein. Eine große Herausforderung für die Universitäten! Denn selbst wenn Hilfsangebote bestehen, werden sie von den Studierenden häufig nicht genutzt: Weil sie diese nicht kennen, weil sie sich nicht als Zielgruppe angesprochen fühlen oder weil sie ihre Beeinträchtigung nicht preisgeben wollen. Hier besteht Aufklärungsbedarf.

Gebärdensprachdolmetscher: Fehlanzeige

Es stellen sich eine Menge Fragen hinsichtlich der Inklusion an Universitäten: Wie kann Inklusion in Studium, Lehre und Hochschulorganisation umgesetzt werden? Welche Nachteilsausgleiche können Studierende mit Handicap wahrnehmen? Welche Konsequenz hat die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention zum Beispiel für die Lehrerausbildung? Wie steht es mit der Umsetzung von Barrierefreiheit an den deutschen Hochschulen? Und damit sind nicht nur die überfälligen baulichen Maßnahmen gemeint. Hat jemals jemand an einer Vollversammlung teilgenommen, bei der ein Gebärdensprachdolmetscher auf dem Podium gestanden hat? Ich jedenfalls nicht.

Feldforschung

Die Recherche im Internet bietet mir Informationen in Hülle und Fülle. Das Bild und die Erfahrung, die das "wirkliche Leben" bietet, kann das Netz nicht ersetzen. Also reiße ich mich von meinem PC los und mache mich auf den Weg nach Köln. Feldforschung! An der dortigen Universität treffe ich mich mit den beiden Leiterinnen der studentischen "Projektgruppe Inklusion". Marlene Ritz studiert Sonderpädagogik und beschäftigt sich in ihrer Masterarbeit mit dem Thema Inklusion. Jutta Elsässer ist Studentin der Erziehungswissenschaft.
"Wir haben die Projektgruppe gegründet, weil die Uni bei der Inklusionsdebatte ausgegrenzt wird", sagt Marlene. Marlene und Jutta treffen sich regelmäßig im AStA-Raum der Humanwissenschaftlichen Fakultät und bieten wöchentlich Sprechstunden zum Thema Inklusion an. Die Resonanz ihrer Kommilitonen auf ihr Engagement ist eher bescheiden. Ihr Ziel: Sie wollen einen Handlungs- beziehungsweise Inklusionsplan für die Hochschule erstellen. "Damit das, was rechtlich schon lange gefordert ist, auch in der Praxis umgesetzt wird", erklären die beiden. "Ambitioniertes Vorhaben", denke ich mir.

Ganz am Anfang

"Inklusion ist ein Prozess, kein Zustand und kein statisches Ziel", erläutert Marlene. Und Jutta meint: "Inklusion ist auch ein Stück weit Utopie." Stimmt! Mir scheint, dass dieser Prozess im Hochschulbereich noch ganz am Anfang steht. In Studium und Lehre jedenfalls, so versichern mir die beiden Kölner Aktivistinnen, werde das Thema immer noch stiefmütterlich behandelt.

Wer andere Erfahrungen gemacht hat oder sich als Lehrperson selbst mit dem Thema beschäftigt, scheue nicht davor zurück, hier im Blog (als Kommentar) davon zu berichten. Ich bin gespannt!


Mehr zum Thema:
Die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerks
Inklusion studieren: Übersicht der Universitäten und Fachhochschulen, die Bachelor- und Masterstudiengänge sowie Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Inklusion anbieten
Mehr Infos zum Thema Studium und Behinderung beim Familienratgeber
Studieren als Blinder: Das Unausgesprochene aussprechen. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über sein Studium an einer Massen-Uni
Studieren mit einer Behinderung: Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über den täglichen Kampf um den Uni-Fahrstuhl
Promovieren mit Behinderung. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über das Promotionsprogramm "InWi" der Uni Bremen für Menschen mit Behinderung

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