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Ein ruhiger Löwe

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Mit seinem Slam „Umwelt und Gehörlosigkeit“ überzeugte „Löwe“ beim BÄÄM-Wettbewerb in Heidelberg neben „Olala“. Für den in sich ruhenden 27-jährigen Fachinformatiker Vadim Eichwald war schon früh klar, dass er die Gehörlosenwelt der der Hörenden vorzieht.

Die Gewinner von Heidelberg: Olga Hertle und Vadim Eichwald. Foto: Aktion Mensch / Anina Valle Thiele

Sein Name ist Programm: Mit seiner schulterlangen Rastermähne und einem offenen Grinsen strahlt er Ruhe und Sorglosigkeit aus. Ganz wie ein richtiger Löwe. „Ja, der Name passt zu mir. Das haben viele gesagt“, gebärdet Vadim Eichwald lässig. Genauso wie sein Thema „Umwelt und Gebärdensprache“. Ein Thema, zu dem es gerade unter Gehörlosen sehr viele kontroverse Meinungen gäbe – eine breite Diskussion etwa darüber, ob man sich Implantate einsetzen lassen solle oder nicht und über Ökologie im Allgemeinen, die immer mehr Thema sei. „Das wollte ich einfach miteinander verbinden und eine Performance entwickeln, um das Thema rüberzubringen.“ Im Workshop habe er dann nur noch versucht, seine Gedanken zu sammeln, in Poesie zu übersetzen, versucht, das Ganze in eine Performance umzusetzen.

Auch er hatte die Meldung zu „BÄÄMBÄÄM“ auf dem Portal „www.taubenschlag.de“ entdeckt und war sich zuerst unsicher. Dann sprach "Olala" (Olga Hertle) ihn immer öfter drauf an, motivierte ihn: „Mach doch mit. - Das passt zu Dir!“ Mit den Diskussionen im Bekanntenkreis schwanden die Hemmungen. Zwei Wochen vor dem Wettbewerb war er dann so weit. Wieso eigentlich nicht? „Jetzt probier ichs einfach mal.“

Mitzugehen beim Workshop war für Vadim kein Problem. Der Workshopleiter bengie (Benedikt J. Feldmann) habe sich am ersten Tag viel Zeit genommen, den Teilnehmern die Grundlagen zu zeigen, wichtige Tipps gegeben, wie sie ihre Performance verbessern und ausbauen können. Der Ehrgeiz kam mit dem Üben. „Ich war mit mir auch selbst noch nicht zufrieden gewesen, und dann bin ich abends rein und hab auf einmal noch ganz viele Ideen zum Thema gehabt. Plötzlich hatte ich Ruhe und es kamen noch ganz viele Gedanken. So hat sich mein Slam langsam entwickelt und Olga meinte: das ist gut, was Du da machst!“ Am zweiten Tag war schon der Fortschritt sichtbar, die Rückmeldungen von Teilnehmern zeigten ihm, dass seine Bewegungen wirklich immer fließender wurden. Danach sei die Aufregung weg gewesen.

Bewusst in der Gehörlosenwelt

So entwickelte Vadim Eichwald seinen Slam in nur zwei Tagen. Im Familien- und Bekanntenkreis habe man von je her viel über Gebärdensprachpoesie gesprochen. Folgt man seinen Erzählungen, so scheint sein Lebensweg wie eine bewusste Entscheidung für die Gehörlosenwelt. Hörend zur Welt gekommen, hatte er früh eine Entzündung am Gehör. Mit sieben, acht Jahren, als er mit seinen Eltern von Usbekistan nach Deutschland zog, habe er gemerkt, dass er sich mehr und mehr mit seinen gehörlosen Eltern identifiziere und im Laufe der Zeit habe sich seine Schwerhörigkeit weiter verschlechtert. „Meine Eltern haben immer gesagt, komm trag doch ein Hörgerät und mein Wunsch war es eigentlich eher, gehörlos zu sein. Das war meine Entscheidung, mein Weg“, gebärdet er selbstbewusst.

Kein Wunder, dass sein großes Vorbild seine Eltern sind. „Sie haben mir so viel Mut gegeben, mich in so vielen Dingen bestärkt. Ich glaube, es liegt an Ihnen, dass ich so ein positives Selbstwertgefühl habe.“ Stelle man sich vor, es gäbe nur Gehörlose, hätte er vielleicht andere Vorbilder.

In der Gehörlosenwelt fühlt er sich wohl. Unter Hörenden gibt es mehr Hürden. Irgendwann kam immer der Punkt, wo es nicht weiterging. Etwa nach der Ausbildung als Fachinformatiker, die er im Jahr 2010 abschloss. Er bekam keine Jobangebote. „Wegen Kommunikationsproblemen“ hieß es dann oder es wurde ihm gesagt, er könne nun mal nicht mit den Kunden kommunizieren. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit habe er sich dann im sozialen Bereich umgeguckt, ein Praktikum an einer Gehörlosenschule gemacht und gemerkt, dass er sich dort als Gehörloser sehr gut mit den Kindern identifizieren konnte. Es folgte ein Angebot für ein freiwilliges soziales Jahr, das er annahm. „Das FSJ war eine sehr positive Erfahrung für mich.“ Da habe er gemerkt, dass der soziale Bereich besser passe und die Fachinformatik doch sehr trocken sei. Mit Kindern zu arbeiten, das ist einfach sein Ding. Deshalb hat er sich für die Umschulung zum Jugend- und Heimerzieher entschieden. Seit Oktober macht Vadim Eichwald diese zweite Ausbildung.

Freunde und Freizeit

Zwar hat er auch hörende Freunde, aber nachdem einige Freundschaften in die Brüche gegangen seien, sich die negativen Erfahrungen in seiner Jugend häuften, konzentriert er sich auf die Gehörlosenszene. An eine Enttäuschung kann er sich noch sehr gut erinnern. Als er 16 war, nahm er beim 1. FC Köln im Fußball an einem Probetraining teil. Und obwohl es hieß, er habe Talent, nahm man ihn nicht auf. „Wir können Dich nicht nehmen, weil Du gehörlos ist, schade“, hieß es nur. Nach dieser Ablehnung habe er gemerkt, dass es in der Gehörlosenszene schlicht mehr Möglichkeiten gibt. „Es sind mehr Angebote da und ich stoße auf weniger Hindernisse.“

In seiner Freizeit macht Vadim Eichwald jede Menge Sport, fährt Mountainbike oder geht klettern, wo er sich auch schon zu den Fortgeschrittenen zählt. Im Sommer erklimmt er auch schon die Felsen im Vorstieg. Zu Hause spielt er Computer oder schaut Filme, am liebsten visuell geprägte. Den Film „Avatar“ mag er sehr.

Wie man die Gesellschaft barrierefreier gestalten könnte? Mehr Verständnis und Offenheit für Gehörlose erreichen könne? Man müsse einfach früh miteinander in Berührung kommen. Würden blinde und gehörlose Menschen miteinander aufwachsen, dann wäre es vielleicht ganz selbstverständlich in der Gesellschaft, gäbe es weniger Hemmungen und Berührungsängste, sinniert er. „Ich denke, dass es wichtig ist, dass man offen ist und dass man auch einfach mal Fragen stellt.“ Mehr Untertitel im Fernsehen und Kino wünscht er sich. Damit sich die Gebärdensprache stärker etabliere und es wirklich auch in der Hörendengesellschaft eine Selbstverständlichkeit werde, dass Gebärdensprache mit im Fernsehen eingeblendet wird, und alle wissen, dass es sie gibt. Für den schulischen Bereich wünscht er sich mehr gebärdensprachkompetente Lehrer. Es müsse Instanzen geben, die überprüfen, ob Lehrer wirklich gebärdensprachkompetent sind, um an den Schulen eingesetzt zu werden. Heutzutage werde zwar fachlich geprüft, aber nicht, ob die Person persönliche oder kommunikative Stärken habe, um einen guten Unterricht zu leisten.

Seine Zukunftsvision hat er klar vor Augen: „Ich würde mich gern selbstständig machen. An einem Ort, der landschaftlich geeignet ist, dort Kletter- und Kanuangebote anzubieten. Das Angebot soll inklusiv sein. Nicht nicht nur für Gehörlose, sondern auch für Hörende, Rollstuhlfahrer, Blinde. Es soll für alle offen sein. Die unterschiedlichen Leute sollen sich mischen, zusammen Abenteuer erleben. Mein Ziel ist es einfach, so etwas zu ermöglichen. Das wäre mein Zukunftstraum.“

Lust mitzumachen? Einfach bei Deaf Slam online mitmachen und sein Video hochladen.

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