Inklusion

Ein Paar wie andere auch – und doch...

Mirien Carvalho Rodrigues ist blind, ihr Mann nicht. Das inklusive Paar wundert sich im Alltag immer wieder über die unbeholfenen Reaktionen anderer.

Mirien Carvalho Rodrigues und ihr Mann: Einige Menschen sehen einen Betreuer mit seinem Schützling

Mirien Carvalho Rodrigues

Zwei Frauen im Flugzeug, ein Gespräch, das sich tagtäglich so oder ähnlich abspielt: Mein Mann holt mich vom Flughafen ab. "Werden Sie auch erwartet?" – "Ja, mein Mann wird auch da sein." Kurze Pause. Ich fühle schon die Faust, die sich in meinem Bauch zusammenballt, denn ich ahne, was gleich kommt. Und richtig: "Kann Ihr Mann sehen?"

Bis eben saßen da noch einfach zwei Frauen, die von einer Reise zurückkehrten und freudig vom bevorstehenden Wiedersehen mit ihren Männern sprachen.

Auf meine Frage, warum sie das wissen wolle, kommt die Antwort wie aus dem Skript, das ich nach etlichen ähnlichen Situationen auswendig kenne: Sie dachte, es wäre doch schön, denn dann hätte ich jemanden, der alles für mich mache.

An guten Tagen lasse ich es abprallen – an schlechten leide ich darunter

Nie käme ich auf die Idee, einer Frau, die ich gerade im Flieger getroffen habe, zu unterstellen, dass ihr Mann alles für sie macht. Erkläre ich ihr dann, dass ich meinen Mann überhaupt nur kenne, weil ich allein nach Brasilien gereist bin, und zwar beruflich, ärgere ich mich im selben Moment darüber, mich gerechtfertigt zu haben. An guten Tagen lasse ich den Kommentar an mir abprallen und gehe lächelnd meiner Wege. An schlechten Tagen leide ich darunter, dass sich fremde Menschen das Recht herausnehmen, mir meine Fähigkeiten abzusprechen, ohne sich dabei indiskret oder unverschämt vorzukommen.

An einem heißen Nachmittag kaufen wir Getränke zum Mitnehmen in einem Imbiss. Ich packe den Einkauf in den Rucksack. Ein Gast zu meinem Mann: "Lassen Sie sie das selber machen, weil sie das lernen soll?"

Selbst, wenn wir händchenhaltend durch die Straßen schlendern und verliebt strahlen, sehen einige Menschen mit ihrem – mir oft als überlegen geschilderten – Sehvermögen einen Betreuer mit seinem Schützling.

Ob wir wollen oder nicht, das Thema beschäftigt uns immer wieder.

Soll mein Mann mir von mitleidigen Blicken erzählen oder mich davon verschonen? Wie soll er reagieren, wenn man ihn in meiner Gegenwart fragt, was ich trinken möchte? Und was antworte ich in diesen Momenten?

Die Partner müssen sich daran gewöhnen, aufzufallen

Im Laufe der Zeit haben wir viele Strategien ausprobiert, Reaktionen einstudiert und das Thema mit Paaren in der gleichen Situation diskutiert.

Mit Paaren, die auch nicht sind wie alle anderen, ist es meist am schönsten. Da stelle ich z. B. mit Paulo aus Angola gemeinsam fest, dass wir beide ohne viel Zutun stadtbekannt sind – ich wegen der Blindheit, er wegen seiner Hautfarbe. Die jeweiligen Partner müssen sich mit daran gewöhnen, angeglotzt zu werden und aufzufallen.

Nur ganz allmählich streiche ich nicht mehr jede unbeschwerte Begegnung in meinem emotionalen Kalender an. Und gerade nach Gesprächen mit anderen muss ich sagen: Es ist leider auch im Jahr 2015 noch nicht selbstverständlich, dass etwa eine Verkäuferin ganz normal mit ihrer blinden Kundin spricht, wenn noch ein sehender Mann dabei ist, dem sie doch alles erklären kann. Da wir aber nun einmal gerne zusammen einkaufen gehen, probieren wir es immer wieder aus, und immer öfter überwiegen die guten Erfahrungen.

 

Linktipps:

Beziehungsbarrieren. Petra Strack über das „inklusive Paar“

Das größte Handicap. Petra Strack und Raúl Krauthausen über Liebe und Partnerschaft von Menschen mit Behinderung

„Ich fühle mich besser mit ihm zusammen“. Carmen Molitor zum Thema Hochzeit von Menschen mit geistiger Behinderung


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Christian Ohrens

Sehr zutreffender Beitrag, in dem ich mich an so manchen Stellen (als ebenfalls Blinder) wiederfinde.

Aber es muss noch nicht mal der Partner sein! Jeder Sehende, der uns - und wenn nur kurz - begleitet, wird sogleich in die Betreuer-Schublade gepackt. Ob nun ein Freund, mit dem wir einkaufen oder essen gehen oder ein Passant, den wir auf der Straße nach dem Eingang zu einem Geschäft fragen. Immer sind es unsere Begleiter oder Betreuer. Nur warum? Traut man uns auch heute noch wirklich so wenig zu, dass man uns immer einen Dauerbegleiter und -Beschützer an unsere Seite stellen möchte?

Und warum sind viele Menschen oftmals nicht in der Lage, mit uns zu reden, sobald sich jemand Sehendes mit im Raum oder im Zugabteil befindet? Beißen wir? Vermitteln wir wirklich den Eindruck, zerbrechlich und verletzbar zu sein, nur weil man uns eine Frage zu unserem Leben als Gehandicapter stellt?

Mit uns zu reden muss immer noch eine derartige Hürde sein, dass Leute selbst, wenn man sich in ein Gespräch mit einklinkt, betreten schweigen und die Unterhaltung nicht mehr fortsetzen - nur warum?

Wenn mich die ewige Frage, ob der Herr oder die Dame, die mich eben in das Geschäft geführt hat, meine Begleitung oder Betreuung ist und mich auch am Ende wieder abholt, zu sehr nervt, so antworte ich ganz nüchtern und trocken: "Nein, das ist nicht mein Betreuer, das ist mein Bewährungshelfer!"

Jetzt können die Leute wirklich mal betreten schweigen! Manche nehmen es mit Fassung hin, andere wenden sich ab... aber endlich mal nicht, weil ich 'nur' blind bin!

Dieser Kommentar wird mit Verlinkung auf diesen Blogbeitrag auch auf http://christian-ohrens.de/wordpress/ zu lesen sein.

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