Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Ein Modell macht Schule

Wozu lernen, wenn man keine Aussicht auf eine Lehrstelle hat? Woher die Motivation für den Unterricht nehmen, wenn man den Schülern keine Perspektive bieten kann? In diesem Tief befanden sich Schüler und Lehrer der Weißfrauenschule, als vor rund 10 Jahren gerade mal fünf Prozent der Schulabgänger in einem Betrieb unterkamen. Heute sieht das anders aus ...

Foto: Presse- und Informationsamt Stadt Frankfurt am Main

Die Weißfrauenschule ist eine Sprachheilschule im Frankfurter Bahnhofsviertel, die meisten der 350 Jugendlichen dort sind Jungen, die aus nicht-deutschen Familien stammen. Sie haben Schwierigkeiten mit Wortschatz oder Sprachverständnis, Sprechscheu, Sprachentwicklungsstörungen oder Sprachstörungen aufgrund von Autismus. Heute spricht die Schulleiterin Jutta Pillong selbstbewusst vom Beitrag ihrer Schule zur Inklusion: "Wir schaffen es, rund 70 Prozent unserer Schüler in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren – so dass sie später selbständig leben können."

Steter Kontakt zur Arbeitswelt

Berufsorientierung, Praktika, Praxistage: Durch diesen steten Kontakt zur Arbeitswelt ab der 6. Klasse hat die Schule die Wende geschafft. So gehen in den Jahrgängen 8, 9 und 10 rund 70 Schüler an einem Tag pro Woche in einen Betrieb und packen mit an: beim Bäcker um die Ecke oder im Möbelhaus am Stadtrand, in einer Autowerkstatt oder dem chemieverarbeitenden Unternehmen, in Küchen oder Pflegeheimen. Rund 150 Partner hat die Weißfrauenschule in den vergangenen Jahren für das "Modell Berufsreife" gewonnen.

Pünktlich, höflich, zuverlässig

"Viele von ihnen haben eine soziale Ader", sagt Vize-Rektorin Silke Seeger, aber: "Die ist nicht ausschlaggebend für die Entscheidung, Praktikanten und Azubis aufzunehmen. Die Betriebe schätzen es, dass unsere Schüler Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Höflichkeit mitbringen." Denn die sind Teil der Schulkultur: Hier grüßen sich Lehrer und Schüler auf den Fluren, halten sich die Türen auf, kurzum: Sie achten aufeinander.

Begleitung bis zur Gesellenprüfung

Durch die Anforderungen, die Kollegen und die Arbeit selbst an die Jugendlichen stellen, begreifen diese zudem, "dass sie bestimmte Kompetenzen brauchen, wenn sie eine Lehrstelle oder einen Job haben möchten", so Seeger. Die Folge: Der Leistungswille steigt. Die Vor- und Nachbereitung der Praxistage im Unterricht stärkt den Realitätsbezug – zum Beispiel, wenn eine Mathe-Stunde der Frage gewidmet ist: "Was hat Mathe mit meiner Arbeit zu tun?" Ganz viel, haben selbst Mathe-Muffel da erkannt – egal, ob die Erzieherin die Kinder im Bollerwagen zählen muss oder der Chemie-Laborant Stoffe wiegen und messen muss. Außerdem schreiben die Schüler regelmäßig Berichte über die Praxistage und halten in Deutsch kleine Vorträge über ihre Arbeit – eine echte Herausforderung für sie.
Nach dem Abschluss in der 9. oder 10. Klasse kommen die meisten Schüler in den Betrieben unter, in denen sie über Jahre bewiesen haben, was sie drauf haben. Die Begleitung durch die Lehrer aber bleibt – bis zur Gesellenprüfung.

Nachahmer gesucht!

Mit den "Praxistagen" wurde die Weißfrauenschule bald Vorbild für andere Schulen in Hessen und hat einige Preise gewonnen – unter anderem wurde sie von der Hertie-Stiftung als "Starke Schule" ausgezeichnet. Der gleichnamige, bundesweite Wettbewerb richtet sich an Schulen, die ihre Schüler auf besondere Weise "ausbildungsreif" machen. Erstmals wird in diesem Jahr der Sonderpreis "Inklusion" ausgelobt. Der Wettbewerb ist nicht nur wegen der Preisgelder interessant, sondern auch, weil alle Siegerschulen in ein Netzwerk aufgenommen werden und Fortbildungen zur Unterrichts- und Organisationsentwicklung besuchen können. Bis zum 1. Juni 2012 können sich Schulen noch bewerben.

Weitere Informationen:
Homepage der Frankfurter Weißfrauenschule
Wettbewerb "Starke Schule"
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Bildung
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Arbeit
Familienratgeber: Übergang von der Schule auf den ersten Arbeitsmarkt

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