Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Durchgezockt – Behinderung spielerisch vermitteln

Ob Autorennen fahren, Zivilisationen aufbauen oder außerirdische Eindringlinge vertreiben, Computerspiele kommen gerne unpolitisch daher. Sie wollen vor allem unterhalten und selten eine Botschaft vermitteln. Aber sind sie tatsächlich unpolitisch?

Artwork zum Computerspiel "Trapped Dead"

Nicht, wenn es nach der amerikanischen Spieleentwicklerin Anna Anthropy geht. In ihrem in Spielerkreisen heiß diskutierten Buch "The Rise of the Videogame Zinesters" kritisiert sie, dass Computerspiele vor allem von weißen, heterosexuellen Männern entwickelt werden und deshalb nur deren Wahrnehmung und Werte widerspiegeln. Anna tritt deshalb dafür ein, dass auch Amateure Spiele entwickeln und zeigt in ihrem Buch auch einige Werkzeuge, mit denen das möglich ist. Tatsächlich gibt es eine wachsende Independent-Szene an Spieleentwicklern und die Computergames könnten der nächste Bereich werden, der von der Do-It-Yourself-Bewegung erobert wird.

Auch Menschen mit Behinderung spielen

Natürlich zocken auch Menschen mit Behinderung gerne am Computer. Für Blinde gibt es zum Beispiel spezielle Audiogames, die nur über das Gehör gespielt werden können. Zwei Entwicklungen der letzten Jahre haben es für Menschen mit Behinderung wesentlich erleichtert, Computerspiele zu spielen. Einige Smartphones und Tablet-PCs sind dank eingebauter Hilfstechnik und berührungsempfindlicher Displays auch für Blinde und Sehbehinderte sehr gut nutzbar. So können sie auch einige Spiele nutzen, die auch von Sehenden gespielt werden.

Die andere große Entwicklung sind die Bewegungssteuerungen, insbesondere die WII von Nintendo und die Kinect von Microsoft. Die Bewegungssteuerungen bringen zwei neue Aspekte ins Spiel: Zum einen sind viele Spiele mit einer Bewegungssteuerung intuitiver gestaltet und erleichtern so den Einstieg auch für Gelegenheitsspieler. Zum anderen erlauben sie auch das Spielen für Menschen, die sich nur eingeschränkt bewegen und weder Maus, Tastatur noch Joystick gut bedienen können. Viele ältere Menschen sind über die WII zum ersten Mal in ihrem Leben mit Computerspielen in Berührung gekommen. Viele Menschen entdecken durch diese Spiele ihre Freude an der Bewegung und gewinnen damit an Lebensqualität.

Spielend mehr über Behinderung erfahren

Computerspiele können nicht nur unterhalten, sie können auch ein Bewusstsein für Behinderung vermitteln. Ich kann jedem Spieleentwickler nur empfehlen, einmal ein Audiogame auszuprobieren, er wird überrascht sein, wie viel nur über Akustik vermittelt werden kann.

Spiele können auch genutzt werden, um auf Barrieren im Alltag aufmerksam zu machen. "Trapped Dead" zum Beispiel ist ein Strategiespiel, bei dem der Spieler eine Gruppe von Menschen mit individuellen Stärken und Schwächen durch das Spiel steuern muss. Einer der Spielcharaktere sitzt im Rollstuhl, so dass der Spieler darauf achten muss, dass zum Beispiel alle Gebäude, die er betreten möchte eine Rampe haben.

"Game Over!" bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als das wahrscheinlich unzugänglichste Spiel der Welt. Die Macher wollen Spieleentwicklern praktisch zeigen, welche Barrieren für Menschen mit Behinderung bestehen und damit die Richtlinien für barrierefreie Spiele anschaulicher machen.

Warum Spiele?

Vielen Menschen mag es zu banal erscheinen, Behinderung in Spielen zu verarbeiten. Natürlich gibt es zahlreiche Informationen zu Behinderungen und Barrierefreiheit im Internet. Allerdings ist es oft hilfreich, Informationen mehr spielerisch zu vermitteln. Dieser nicht ganz so neue Ansatz heißt Gamification und wird schon seit längerem eingesetzt. Das Barrierequiz der Aktion Mensch ist nichts anderes als ein Spiel.

Allerdings lassen sich mit Computerspielen Menschen erreichen, die durch eine einfache Informationsseite nicht unbedingt angesprochen werden können. Spiele können auf einer anderen, emotionaleren Ebene den Blick schärfen, wo sachliche Informationen zwar verstanden, aber nicht verankert werden. Ein Spieler ist eher dazu angehalten, sich mit einem Thema auch inhaltlich zu beschäftigen.

Natürlich müssen bei jedem Spiel Spaß, Story und Design stimmen. Lernspiele haben sich auch deshalb nicht richtig durchsetzen können, weil der pädagogische Anspruch zu sehr im Vordergrund stand. Spiele sollten als Kunst- und Kulturgut betrachtet und nicht zu sehr mit politischen und moralischen Botschaften überfrachtet werden. Zugleich sollten sich auch Menschen mit Behinderung angesprochen fühlen, selbst Spiele zu entwickeln. Im Sinne der Inklusion können diese Spiele etwas mit Behinderung zu tun haben - müssen sie aber nicht. Das Ziel sollte sein, dass es am Ende egal ist, wer die Spiele entwickelt hat, solange Menschen mit und ohne Behinderung sie gemeinsam spielen können.

Weiterlesen

  • Anna Anthropy. The Rise of the Videogame Zinesters. Seven Stories Press . 2012, eine deutschsprachige Rezension zum Buch findet sich unter www.zeit.de

Sandra Uhlings Webseite zu barrierearmen Computer- und Videospielen
Webseite zu Trapped Dead
Webseite zu "Game Over!" (englisch)


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Christian

Ein alter Artikel, aber ich finde ihn sehr gut und es sollte mehr davon geben.
Wie wäre es denn mit einer neuen Auflage dieses Themas?

mfg,

Christian

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