Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Doppelt ausgeschlossen: Migranten mit Behinderung

Foto: Verein zur Unterstützung behinderter Migranten Umut e.V.

Letztens las ich einen Bericht über "Stix", einen Akrobaten auf Krücken. Das hat mich beeindruckt. Ein cooler Typ, Kind türkischer Einwanderer, dessen Beine durch Kinderlähmung gehandicapt sind und der es "trotzdem" geschafft hat, sich als Tänzer und Künstler einen Namen zu machen. Unter meinen Kollegen und Mitbloggern auf dieser Seite sind weitere Persönlichkeiten mit Migrationshintergrund und Behinderung, bei deren inspirierenden Leistungen und Kreativität ich nur sagen kann: Hut ab! Solche Geschichten von besonderen Ideen, Begabungen, Lebenswegen höre ich gerne, sie machen Mut und wirken inspirierend.

Was mich nur manchmal nachdenklich stimmt, ist dieses "Trotzdem". Es zählt eben nicht nur die herausragende Leistung, sondern auch, dass sie "trotz Behinderung" und "trotz Migrationshintergrund" erreicht wurden. Und was ist mit all den ganz normalen Leuten, die nicht ständig Höchstleistungen erbringen können (oder wollen)? Migranten mit Behinderung haben es nicht gerade einfach in Deutschland. Sich im Dschungel der Hilfsangebote zurechtzufinden, fällt schon "Deutschen" mit Behinderung nicht leicht – aber wie sieht es erst aus, wenn ich die Sprache nicht verstehe? Wenn ich ein anderes Verständnis davon habe, was "Behinderung" überhaupt ist? Wenn ich kaum Kontakte zu Nicht-Migranten habe? Wenn ich nur auf wenige andere Menschen mit Migrationshintergrund in Selbsthilfe-Initiativen und unter den Fachkräften der Behindertenhilfe treffe? Oder wenn mein Kind zu der großen Gruppe von Migranten gehört, die eine Zuweisung für eine Förderschule bekommen, obwohl sie dort eigentlich gar nicht hingehören? Behindert und Migrant zu sein, das bedeutet doppelte gesellschaftliche Exklusion. Darüber können auch außergewöhnliche Leistungen Einzelner nicht hinweg täuschen.

Barrieren sind noch höher

Die Barrieren zum Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnung, Sicherheit und Selbstbestimmung sind für Migranten mit Behinderung noch mal höher als für Nicht-Migranten. Das gilt erst recht, wenn sie einen sogenannten "unsicheren Aufenthaltsstatus" haben, etwa als Flüchtling, Asylsuchender oder sogar "illegal" (kein Mensch ist illegal) in Deutschland sind. Die UN-Behindertenrechtskonvention gilt auch für sie. Vor kurzem verabschiedete die Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege eine Erklärung zur interkulturellen Öffnung: "Unter Inklusion verstehen die unterzeichnenden Verbände, dass jeder Mensch unabhängig von persönlichen Eigenschaften und individuellen Fähigkeiten, ethnischer und sozialer Herkunft, Geschlecht und Alter vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen teilhaben und sie mitgestalten kann", heißt es dort. Die Erklärung richtet sich zunächst einmal an die Verbände selbst, die bessere Strukturen zur Zusammenarbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung schaffen wollen.

Mehr Selbstverständlichkeit

Darüber hinaus fände ich ein bisschen mehr Selbstverständlichkeit und Bewusstsein in Bezug auf die Teilhabe behinderter Migranten nicht schlecht. Immerhin hat jeder fünfte Mensch in Deutschland einen Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Es gibt zwar keine offiziellen Zahlen, aber vermutlich sind sie (mindestens) genauso oft von einer Behinderung betroffen wie Menschen ohne Migrationshintergrund. Und auch wenn sie zufällig nicht zu den Künstlern und Engagierten gehören, die uns mit ihren Ideen fesseln und begeistern: Der Gedanke der Inklusion gilt "trotzdem" auch für sie.


Weiterführende Links:
Familienratgeber: Migration und Behinderung
Erklärung zur interkulturellen Öffnung für und mit Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege
Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V.: Migration und Behinderung
Paritätisches Bildungswerk Bundesverband e.V.: Projekt "Migrant/-innen – barrierefrei zur Integration"

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