Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

Die Gebärdensprache blüht

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Mit seinem Slam, einem poetischen Rundumschlag durch die Gehörlosen-Geschichte überzeugte der 33-jährige Dawei Ni beim Deaf-Slam-Wettbewerb in Hamburg. Ein Interview mit dem engagierten Studenten und Weltenbummler am Abend des Wettbewerbs.

Der Gewinner des Hamburger Deaf Slams: Dawei Ni. Aktion Mensch / Arnce Weychardt

Du bist ja erst am zweiten Tag des Workshops dazu gekommen. Wie hast Du von dem „Deaf Slam“ erfahren und wie fühlst Du Dich gerade?
Dawei: „Über den Deaf Slam hab ich eigentlich durch die Homepage der Aktion Mensch erfahren. Sie ist mir aufgefallen, dann habe ich mir das Video angeschaut mit dem Aufruf, dass man daran teilnehmen kann und ich weiß, dass an verschiedenen Orten solche Slams stattfanden. Ich hab seit einer Weile schon keine Poesie mehr gemacht. Ich brauchte sozusagen neues Öl ins Feuer für die Poesie. Ich war bei so etwas noch nie dabei und ich hatte auch nur sehr wenig Zeit. Ich konnte nicht üben vorher und gestern habe ich wirklich nur ganz spontan den Text heruntergeschrieben. Heute habe ich ihn dann zweimal eingeübt und überhaupt nicht erwartet, dass ich gewinne. Das war unglaublich. Es war mir auch wichtiger, die Leute kennenzulernen und etwas Positives abzuliefern. Der Abend heute ging mir durch Mark und Bein. Das war eine unglaubliche Erfahrung! Das war wirklich schön.“
Was bedeutet Dir die Teilnahme an diesem Wettbewerb?
Dawei: „Es ist für mich unglaublich wichtig, dass die Gebärdensprache durch solche Veranstaltungen verbreitet wird. Ich weiß, dass es verschiedene Slams gibt, aber für uns in puncto Gebärdensprache hat es so etwas noch nicht gegeben, und das ist toll und das sollte sich auch wirklich über Europa verbreiten, weil die Gebärdensprache unglaublich ist. Das ist 3-D – man kann Vernacular Visual machen, also „VV“ und man kann wirklich unglaublich gegenständlich ganz genau beschreiben, Bilder zeichnen. Für die Hörenden ist es etwas, was sie überhaupt nicht erwarten, also dass es Modalitäten und Dinge gibt, in der Laut-, in der Gebärdensprache, die ähnlich sind und dann gibt es wieder Dinge, die in der Gebärdensprache ganz anders sind. Es wird beispielsweise sehr viel simultan produziert und man kann wirklich auf ganz vielen Kanälen verschiedene Dinge transportieren – mit dem Kopf, mit dem Körper, mit der Mimik. Ich bin erst später zur Gebärdensprache- und Gemeinschaft hinzugekommen, als ich zwölf Jahre alt war. Ich bin eigentlich oral aufgewachsen, habe wirklich sehr viele Unterdrückungserfahrungen gehabt. Es ist wichtig, dass wir aufwachen und dass man seine Stimme erhebt. Diese Erfahrung sollten alle machen. Augen aufmachen, wach werden! Nicht nur ich, sondern in Vertretung für die gesamte Taubengemeinschaft, dass man sich zu solchen Sachen, wie die Verbreitung des Oralismus, also die Durchsetzung von CI's (Anm. d. Red.: Cocheaimplantate) – dass man da die Augen aufmacht und dass man die Gebärdensprache nicht vergisst. Auch die Unterdrückungserfahrung, die wir haben. Dass wir daran arbeiten, dass sich das wirklich ändert und wir uns das bewusst machen, dass das unser Ziel ist.“
Heißt das, Du bist mit zwölf Jahren erst gehörlos geworden? Bist Du hier in Deutschland aufgewachsen?
Dawei: „Ich bin mit sechs Jahren ertaubt. Ich bin eigentlich in China aufgewachsen, aber teilweise auch in Österreich. Vor einem Jahr bin ich nach Deutschland gezogen, nach Hamburg und ich wollte Gebärdensprache studieren auf Master. Und da gibt es auch taube Gebärdensprachdolmetscher, also sozusagen eine Weiterbildung parallel zum Studium und als ich hier nach Deutschland gekommen bin, habe ich erstmal festgestellt, dass die deutsche Gebärdensprache anders ist, als die Österreichische. Am Anfang fiel mir das noch ganz schön schwer. Aber ich hab das ziemlich schnell in den Griff gekriegt – auch durch Freunde, Kommilitonen – das ging eigentlich ganz gut.“
Das heißt die österreichische Gebärdensprache war die erste Gebärdensprache, die Du gelernt hast oder war es das „International Sign“ ?
Dawei: „Ich bin eigentlich unglaublich bunt und vielsprachig. Ich kann sehr viele Sprachen automatisch, kann mich schnell anpassen, je nachdem, wen ich treffe. Ich könnte zum Beispiel gar nicht sagen, welches meine erste Sprache war. Ich könnte gar nicht sagen, wie viele Sprachen ich kann. Ich glaube, über zehn würde ich schaffen, aber ich studiere jetzt eben deutsche Gebärdensprache und würde gerne Öffentlichkeitsarbeit machen und nach außen zeigen, dass die Gebärdensprache wichtig ist. Ich möchte gerne die Aufmerksamkeit dafür wecken und es in die breite Masse streuen.“
Dein Slam hatte ja eine ganz klare politische Message. Kannst Du nochmal in drei Sätze fassen, was Du den Zuschauern damit vermitteln wolltest? Du hast ja sehr weit ausgeholt – es war ja wirklich ein Rundumschlag durch die Gehörlosen-Geschichte.
Dawei: „Ja klar. Also Jahrhunderte lang ist die Gebärdensprache wirklich an den Rand gedrängt und unterdrückt worden. Schon Aristoleles hat gesagt: „Wer nicht hören kann, bleibt dumm!“ Der wird auch niemals eine Sprache erlernen und der wird sich auch niemals intelligent äußern können. Das war schon 350 Jahre vor Christus. Und dann gab es eben [Charles-Michel] de l'Epée in Paris, der im 18. Jahrhundert dort die Gehörlosenschulen gegründet hat und der der Gemeinschaft damit ein großes Geschenk gemacht hat, indem er sie zusammengebracht hat. Da ist man in Europa wirklich aufgewacht, die Bildung blühte. Tausende von Jahren vorher war es wirklich fast unmöglich, dass taube Menschen zu Bildung kamen. Sie blühte auf – nachdem de l‘Epée da war. Und die Theorie von Aristoteles war auf dem Prüfstand, so dass man eben nicht mehr gesagt hat, dass Gebärdensprache Affensprache ist. Und dann kam 1880 der Mailänder Kongress und der hat alles kaputt gemacht. Eine unglaubliche Leidenszeit! Das war 1880 und da wurde gesagt, dass taube Menschen eigentlich taubstumm sind. Zeichensprache wurde verordnet. Heute muss man zeigen, dass Gebärdensprache blüht, dass sie da ist. Muss sie in die Öffentlichkeit tragen, um eben genau das wieder rückgängig zu machen.“
Dein Ausdruck und Deine Gebärden sind sehr schauspielerisch. Hast Du schonmal daran gedacht, als Schauspieler zu arbeiten?
Dawei: „Das waren eigentlich nur Bewegungen. Das war einfach Spaß. Also ich war ein bisschen nervös und wollte einfach locker werden. Ich hab irgendwie versucht, mich abzulenken und mich zu bewegen. Also ab und an tanze ich schon mal, aber ich bin eigentlich nicht so koordiniert. Ich mache einfach irgendetwas, das mir einfällt, um ein bisschen lockerer zu werden. Mein eigentliches Ziel ist es, mich auf Gebärdensprachforschung zu konzentrieren, aber ich würde mich schon als Künstler bezeichnen.“
Was bedeutet Dir das Finale am kommenden Wochenende?
„Also ganz ehrlich, ich denke jetzt nicht ans Gewinnen. Das ist für mich nicht so wichtig. Wichtig ist das Gemeinschaftsgefühl, und dass man eine Chance hat, zu zeigen, worum es einen geht und dass man Aufmerksamkeit erregt. Also für die Gebärdensprache und durch die Gebärdensprache. Und Inklusion ist ja das Motto, das oben drüber steht. Dass man Politikern gegenüber seine Stimme erhebt, dass man zeigt, wie viel Vielfalt in dieser Gesellschaft existiert. Dass es schön ist, dass diese Vielfalt existiert und ich glaube das Ziel und der Weg dahin ist Inklusion.“

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