Die Bühne im Ohr – ein Besuch in der Hör-Oper

Wilde Tiere streicheln und mit einem Heißluftballon über die Bühne schweben – ein Besuch der Hör-Oper am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen kann aufregend sein. Ute Stephanie Mansion war bei einer Aufführung dabei.

Wir dürfen den Löwen streicheln: Sein Fell fühlt sich samtweich an, nur die Mähne ist rau. Zugegeben – dieser Löwe ist ein Kostüm und das „Fell“ ist ein Anzug im Stil der Siebzigerjahre. Es ist eins der Kostüme des Musicals „Der Zauberer von Oz“, das im vergangenen Winter im „Musiktheater im Revier“ (MiR) aufgeführt wurde. Seit 2009 bietet das MiR in Gelsenkirchen Hör-Opern für Blinde und Menschen mit Sehbehinderung an.
Wir dürfen nicht nur die Kostüme und Requisiten befühlen, wir bekommen auch eine Einführung in das Stück und während der Aufführung eine Beschreibung des Bühnengeschehens über Kopfhörer. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Gelsenkirchen hat das Angebot zusammen mit der Stadt initiiert.

Ertasten, was später die Bühne füllt

Zwei Stunden vor Beginn der Vorstellung stehen wir im oberen Foyer. Wir ertasten die Kostüme des Zauberers, des Löwen, des Blechmanns, der Vogelscheuche und der guten Hexe. Als jemand, der „nur“ sehbehindert ist, hätte ich mir mehr Licht gewünscht. Das Wetter ist heute schlecht, deswegen kommt nur trübes Tageslicht durch die Fenster und die Beleuchtung reicht nicht. Wir folgen der Dramaturgin Juliane Schunke, die das Projekt Hör-Oper leitet. Über Treppen führt sie uns in die „Schleuse“, einen Gang, in dem sich die Darsteller vor ihrem Auftritt einfinden. Ob es so warm ist, weil sich hier oft Menschen mit Lampenfieber aufhalten? Weiter geht’s auf die Bühne. Ein nachgebauter Heißluftballon ist nur nach vorne gewölbt, die Hinterseite wird das Publikum nicht sehen. Doch er wirkt so einladend, dass meine Begleiterin in den Korb steigt und über die halbe Bühne schwebt. Tasten, sehen und staunen auch bei Sonnenblumen, Weizenfeldern, Haus und Bett der Protagonistin Dorothy. Beeindruckend, all die Requisiten eines Stückes einmal von Nahem zu sehen oder ertasten zu dürfen.

Los geht’s

Zurück im oberen Foyer, erklärt die Dramaturgin, worum es in dem Musical geht und einige Besonderheiten der Inszenierung. Kurze Pause, dann dürfen wir schon – vor den anderen Zuschauern – unsere Plätze einnehmen. Die Audiodeskription, für die wir ein kleines Gerät mit Kopfhörer bekommen haben, beginnt nämlich vor der Aufführung: Kostüme und Bühnenbild werden genau beschrieben, denn das würde während der Vorstellung zu lange dauern. Für jede Hör-Oper bereiten zwei Blinde und zwei Sehende die Audiodeskription vor, was zwei Stunden pro zehn Minuten Oper dauert.
Eine Arbeit, die sich lohnt, denn es ist ein schönes Gefühl, dank der Beschreibungen nichts zu verpassen. Die Übersetzungen der auf Englisch gesungenen Lieder, die unsere „Opernflüsterin“ uns ebenfalls ins Ohr spricht, spare ich mir – lieber möchte ich nur die Musik hören. Zum Glück gibt es an dem Gerät einen Drehknopf, mit dem ich die Lautstärke regeln oder ganz abschalten kann.
Nach der Aufführung gehen wir zurück zum Eingang. Der Gang durch das MiR ist für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen nicht ungefährlich: Es gibt eine Menge Treppen, die sich nicht vom übrigen, komplett anthrazitfarbenen Boden unterscheiden – Stolperfallen, die sich durch Markierungen leicht beseitigen ließen.
Dennoch empfehle ich das Projekt Hör-Oper in Gelsenkirchen gerne weiter.

 

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