Inklusion, Aktion Mensch-Blog

"Die Behinderung gehört zu mir"

Die türkische Psychologin Gülay Acar nimmt für sich das Recht in Anspruch, trotz schwerer Behinderung glücklich und zufrieden leben zu wollen. Eine Arbeit, die sie ausfüllt, gehört für sie dazu.

Die 38-Jährige sitzt mir in einem Kölner Café im Schneidersitz gegenüber. Ihre Arme sind an den Armlehnen ihres Rollstuhl festgebunden, damit sie nicht unkontrolliert in irgendeine Richtung schießen. Ich schaue zu, wie Anna, ihre Assistentin, Gülay den Milchkaffee reicht, von dem sie ein paar Schlucke mit dem Strohhalm trinkt. Und ich frage mich: Wird diese junge Frau mit ihrer äußerst schweren Behinderung akzeptiert?

Gülay wird mit einer Infantilen Cerebralparese in der Türkei geboren. Sechs Monate später holt ihr Vater, Gastarbeiter in Deutschland, die Familie nach Essen. Bis zur 10. Klasse wird das Mädchen als lernbehindert eingestuft und besucht die Sonderschule. Doch sie ist klug und das Lernen macht ihr Spaß. So macht sie anschließend ihren Realschulabschluss und das Abitur. Denn sie weiß: Sie will nicht in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung landen. Sie will studieren, einen Beruf, in dem man viel zuhören und reden kann, in dem man möglichst nicht schreiben muss. Und entscheidet sich für Psychologie.

Job über Umwege
Doch ihre Behinderung erweist sich nach dem Studium als großes Problem, eine Stelle zu bekommen. Niemand traut ihr zu, als Psychologin arbeiten zu können. Um sich dennoch praktische Erfahrungen anzueignen, arbeitet sie ehrenamtlich sowohl in Vereinen als auch an einer Integrativen Gesamtschule als psychologische Beraterin.
Vier Jahre später endlich bekommt sie die Möglichkeit, ein Praktikum in einem Krankenhaus zu absolvieren. Aber wenn es darum geht, die Praktikumsstelle in eine feste Stelle umzuwandeln, steht immer die Frage im Raum, wie wohl die Patienten auf ihre schwere Behinderung reagieren. Das Glück kommt ihr zu Hilfe. Sie muss einen Kollegen vertreten. "Mein Chef hat schnell gemerkt, dass die Patienten sich bei mir aufgehoben fühlen." Sie erhält eine befristete halbe Stelle.

Unterschiedliche Reaktionen
Der Erstkontakt mit den Patienten, so berichtet sie, sei natürlich sehr unterschiedlich. Auffallend sei, dass gerade türkische männliche Patienten oft verblüfft seien, einer Psychologin mit einer Behinderung gegenüber zu sitzen, die Türkin sei und - hier in Deutschland - sogar Türkisch spreche. "Sie geben mir mitunter das Gefühl, dass sie mich nicht ernst nehmen. Aber dass ich ihre Sprache sprechen und verstehen kann, ist eine enorme Hilfe in der Behandlung – und das wissen auch die Ärzte in der Klinik."
Deutsche Patienten würden sich hingegen mitunter schämen, weil sie merken, "dass ich eine Krankheit habe, die ihnen viel dramatischer erscheint. Sie fragen sich dann, warum sie ihre Probleme nicht bewältigen können – sie hätten doch NUR eine psychische Erkrankung."

"Versuchen, dazuzugehören"
Dabei versucht die Diplom-Psychologin Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ihren eigenen Erfahrungsschatz nahe zu bringen, wie man mit einer Behinderung lebt. Sie ist sich sicher, dass man die Gesellschaft nicht ändern kann, sondern nur seine eigene Sichtweise. "Man muss versuchen, dazuzugehören und den anderen die Angst vor dem Anderssein zu nehmen."
Dass das für sie selbst nicht immer einfach ist, verschweigt sie nicht. "Ich bin nicht immer selbstbewusst. Ich weiß aber inzwischen ziemlich genau, wer ich bin. Ich merke, ich muss viel über meine Grenzen gehen, um anerkannt zu werden." Dabei gibt es immer wieder Situationen, in denen sie auf Ablehnung stößt. "Das sind Momente, in denen man mir nichts zutraut. Wenn man zum Beispiel über meine Assistentinnen kommuniziert anstatt direkt mit mir."

Gülay gesteht, dass sie lange gebraucht hat, um sich selbst zu akzeptieren. Inzwischen fühlt sie sich dennoch erleichtert. Nicht nur, weil im Oktober 2009 ihre befristete Stelle im Krankenhaus tatsächlich in eine unbefristete umgewandelt wurde. "Ich habe begriffen, dass die Behinderung zu mir gehört, ich kann sie nicht wegmachen."
Wichtig seien in diesem Prozess die Gespräche mit einer Freundin gewesen, die ähnliche Probleme habe, obwohl sie nicht behindert ist. "Es hilft, die Dinge einmal aus der Vogelperspektive zu betrachten. Das Problem, nicht genügen zu können, haben viele Menschen, und zwar unabhängig von einer Behinderung."


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Roland Gleich

Gülay ist ein kluges Mädchen. Sie verdient es respektvoll
behandelt zu werden.

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