Aktion Mensch-Blog

„Die Ästhetik des Ungewöhnlichen inszenieren“

Hochklassiger zeitgenössischer Tanz mit einem Ensemble aus Tänzern mit und ohne Behinderung? Wie erfolgreich das sein kann, beweist seit 1995 die Kölner Tanzcompany DIN  A 13, deren Projekte die Aktion Mensch bereits mit 244.188 Euro unterstützt hat. Die Gründerin und künstlerische Leiterin Gerda König erklärt im Interview, was die Ästhetik des mixed-ables Tanzes ausmacht, warum sie starke Persönlichkeiten für ihre Inszenierungen sucht und was den tänzerischen Reiz einer spastischen Bewegung ausmacht. Die Choreografin und Tänzerin sitzt aufgrund einer Muskelatrophie im Rollstuhl.
 

DIN-A-13-Tanzproduktion "Terrains DéCouverts" in Dakar Elise Fitte-Duval

Carmen Molitor: Wie arbeitet DIN A 13?

Gerda König: Wir sind eine Tanzcompany von Tänzern mit unterschiedlichen Körperlichkeiten, machen zeitgenössischen Tanz und bearbeiten in unseren Stücken gesellschaftliche Themen. Es ging bei den Inszenierungen beispielsweise schon um Tabus, die Manipulation der Medien, Rituale, Apartheid oder gesellschaftliche Umbrüche. Seit 2005 entwickeln wir überwiegend Auslandsproduktionen in Kooperation mit dem Goethe Institut und waren unter anderem in Ghana, Südafrika, Sri Lanka und Venezuela. Die Idee ist, neue mixed-abled Companys in verschiedenen Ländern zu initiieren. Wir suchen in Auditions vor Ort neue Tänzer, Musiker, Bühnenbilder, Lichtdesigner und Kostümbildner, die mit uns zusammen arbeiten. Dann entwickeln wir eine neue Produktion, an der wir im Schnitt zwei Monate arbeiten und dabei fünf, sechs Tage die Woche jeweils acht Stunden im Studio stehen. Das ist eine ziemlich knapp bemessene Zeit. Aber trotzdem schaffen wir es immer, eine Produktion fertig zu stellen, die im Land selber gezeigt wird und hinterher in Deutschland auf Tour geht. Die nächste Produktion findet ab August in Israel statt und kommt im November nach NRW.

Inwiefern bieten Sie Ihrem Publikum als mixed-abled Tanzensemble eine andere, ungewohnte Ästhetik?

Bei der Arbeit mit unterschiedlichen Körpern entwickeln sich ein anderes Bewegungsvokabular und eine andere Bewegungsästhetik als gewohnt. Mir geht es darum, gerade diese Besonderheit von Körpern, von Bewegungsqualitäten, von Ästhetik zu nutzen, um diese choreografisch in die einzelnen Produktionen zu übersetzen. Ich möchte das Ungewöhnliche oder Fremde nicht vertuschen, sondern im Gegenteil gerade in der eigenen Ästhetik inszenieren.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Wir griffen zum Beispiel die Bewegungen eines Tänzers mit einer spastischen Behinderung in der Ensemblearbeit auf. Seine Bewegung entstand durch einen sehr hohen Tonus der Muskulatur, der aber unglaublich viel Ausdruckskraft und Stärke hat. Als ich in der Probe wollte, dass sich alle so bewegen, ging das teilweise nicht. Denn es ist für einen Tänzer, der keine solche Einschränkung hat, sehr schwer, genau das umzusetzen. Selbst, wenn er eine professionelle Ausbildung hat, sehr professionell ist. So etwas stellt jedes Mal in Frage, was Perfektion, was Tanz und was Schönheit bedeutet.

Sie haben viele Menschen mit körperlicher Behinderung erlebt, die das erste Mal auf der Bühne standen. Welche Bedeutung hatte das für diese Tänzer?

Es ist für jeden – egal, ob nun behindert oder nicht – ein großer Schritt, auf der Bühne zu stehen, und immer ein aufreibender Prozess. Ich suche deshalb nach Leuten, die Persönlichkeiten sind. Ich bin kein Pädagoge und mache kein Sozial-, sondern ein Kunstprojekt. Ich brauche Leute, die zwei Monate durchhalten und über ihre eigenen psychischen und physischen Grenzen gehen wollen. Am Ende sehe ich immer wieder eine wahnsinnige Entwicklung von allen. Auch die Profitänzer erleben einen intensiven Prozess, unter anderem in der Auseinandersetzung mit der Unterschiedlichkeit.
Gibt es Berührungsängste der Tänzer mit und ohne Behinderung?

In Deutschland gibt es ein steigendes Interesse für unsere Arbeit, grade von den professionellen Tänzern. Als ich angefangen habe, waren in meiner Audition vielleicht fünf Tänzer, die keine Behinderung hatten. Heute bekomme ich 150 dieser Bewerbungen, wenn ich in Deutschland eine Ausschreibung für eine neue Produktion mache. Die Arbeit interessiert die Bewerber, weil es eine Herausforderung ist, ihren Körper einmal anders zu erfahren und so Neues zu lernen, das sie tänzerisch nutzen können. Auch immer mehr Choreografen haben angefangen, Tänzer mit einer anderen Körperlichkeit in ihre Inszenierungen einzubauen. Diese Entwicklung ist aber noch nicht da, wo sie sein sollte. Und leider ist es speziell auf den großen Bühnen immer noch schwierig, eine solche Produktion zu verkaufen.

War in einem der Länder, in denen Sie bisher waren, die reine Tatsache als Provokation empfunden worden, dass Menschen mit Behinderung auf der Bühne standen?

Als Provokation vielleicht nicht, aber als etwas sehr Ungewöhnliches. Speziell bei unserer zweiten Produktion in Nairobi. In Kenia ist es so, dass auf den Dörfern Menschen mit Behinderung versteckt werden, denn sie gelten als ein böser Fluch für die Familie. Insofern war es ein Meilenstein, die Gruppe im Nationaltheater in Nairobi auf die Bühne zu bringen. Danach sind Theaterproduktionen entstanden, in denen auf einmal auch Menschen mit einer körperlichen Einschränkung dabei waren.

Gibt es Grenzen Ihrer künstlerischen Arbeit, die dadurch bedingt werden, dass Menschen mit Behinderung im Ensemble sind?

Grenzen? Grundsätzlich nein. Selbst wenn man eine extreme Idee hat, kann man es schaffen, sie umzusetzen. Wenn ich beispielsweise möchte, dass alle springen, wird das nicht jeder so können, wie man sich Springen üblicherweise vorstellt. Aber ein Rollstuhlfahrer wird Ideen entwickeln, um das visuell umzusetzen, damit der Zuschauer versteht, dass er jetzt springt. Das kann zu phantastischen Umsetzungen führen, die viel spannender sind als das, was ich mir vorher vorgestellt habe. Deswegen kann man sagen, es gibt keine Grenzen. Es gibt Fragen, die an Grenzen führen, für die man aber eine Lösung finden kann.


Linktipps:
Mehr Infos und alle Aufführungstermine der Kölner Tanzcompany DIN A 13
Das Crossings Dance Festival für mixed-abled Tanz
Die Förderprogramme der Aktion Mensch

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