Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Der Tanz auf dem Klo. Eine unlustige Klogeschichte Teil 2

Während sich die meisten Rollstuhlfahrer/ Gehbehinderten mit Stufen und sonstigen Barrieren beschäftigen, beschäftige ich mich mit den Toiletten. Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet mir die lustigsten und absurdesten Dinge auf Behindertentoiletten passieren!

Yay! Urlaub! Mit zwei vollgeladenen Autos machten meine Freunde und ich uns auf den Weg in den Urlaub an die Ostsee. Die Sonne schien, wir hatten gute Laune und hörten Musik. Wie in einem amerikanischen "leichten" Film. Ich schwärmte von dem Hotel, in dem ich schon vor einigen Jahren gewesen bin: "Die Zimmer und die Badezimmer sind riesig! Sogar die Betten sind höhenverstellbar!", was eigentlich nur mich interessierte. Alle freuten sich für mich. Ich habe tolle Freunde.

Als wir uns dem Urlaubsort näherten, musste ich – natürlich, wie kann das auch anders sein? – so sehr auf die Toilette, dass ich nicht mehr in der Lage gewesen wäre, mein Geburtsdatum zu sagen. Es fehlte nicht mehr viel und ich hätte vergessen, wer und wo ich bin.

Ich erspare euch lieber die Details, so viel darf allerdings verraten werden: Ich hatte den Job übernommen, das Hotel zu buchen (weil ich mich da ja auszukennen gedachte), und habe aus Versehen bei dem falschen angerufen! Es war ein altmodisch eingerichtetes Hotel, in dem es ausschließlich rustikales Essen und keine rollstuhlgerechte Toilette/ Dusche gab. Die Zimmer waren für "Normalsterbliche" in Ordnung, allerdings kam der Lifter, mit dem ich umgesetzt werde, wegen der Dachschräge nicht an das Bett heran. Ich wollte URLAUB haben! Mal nichts organisieren müssen, nur entspannen ...

Nach einer Panikattacke und der Vorstellung, meine Freunde müssten mich ab sofort ungeduscht und vollgepinkelt ertragen und ich würde ganz bald einsam sterben, wurde mir gesagt, die ebenerdige Toilette sei im Keller. Es gab also "nur noch" das Problem mit der Dusche ...

Dass ich Kellerräume äußerst unheimlich finde, interessierte niemanden. Zwischen leeren Flaschen und lauter Heizungsanlage war sie, die erhoffte und ersehnte Toilette. Auf den ersten Blick wunderbar: Ebenerdig, geräumig und sauber. Ich möchte an dieser Stelle keine genauen Details meiner Toilettengänge beschreiben – jedenfalls passte der Rollstuhl nicht zusammen mit dem Lifter in den Raum, und dann war ja auch noch meine Assistentin und ich da ... und wir überlegten ... und je mehr wir überlegten, desto weniger Platz schien dort zu sein! Es war so, als würden unsere Gedanken und der Atem noch mehr Platz wegnehmen.

Irgendwann, nach vielen, vielen Minuten, gefühlten Stunden, saß ich auf dem Klo. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die gerne mit ihren Freundinnen oder gar Assistentinnen zusammen auf die Toilette gehen, und bat deshalb meine Assistentin, draußen zu warten. Gerade, als das Leben begann, wieder schön zu werden, rief meine Assistentin wie aus dem Weltall (es hallte fürchterlich!): "Du, die Tür geht nicht auf! Der Knopf scheint nicht zu funktionieren." Hätte ich meine Arme hochbekommen und wäre es nicht so hellhörig im Keller gewesen, hätte ich meine Hände dem Himmel empor gestreckt und angefangen zu beten: "Herr! Oder irgendjemand! Rette mich vom Pott!" Doch es passierte nichts. Genervt atmete ich laut aus und ... das Licht ging aus! Wow, ein Abenteuer auf dem Klo! Das erlebt man nicht jeden Tag, dachte ich, und atmete nochmal laut (lauter als vorher) aus – vielleicht reagiert das Licht auf Stimmen?! Nichts geschah. Ich bewegte unwillkürlich meinen Kopf, und das Licht ging wieder an. Ah-ja. Ab sofort würde ich "Headbanging" machen müssen. "Die Tür geht nur auf, wenn das Licht aus ist", hörte ich eine Stimme sagen. "Sie können den Schlüssel immer an der Rezeption abholen, wenn Sie diese Toilette nutzen möchten."
Ah-ja. Ich werde befreit. Und ab sofort werden alle Bescheid wissen, wenn ich pinkeln muss.

Als mein Freund fragte, was ich seit über einer halben Stunde auf dem Klo gemacht habe, sagte ich nur: "Ich will ans Meer! Schnell!!"

Das Duschen war im Übrigen nicht weniger amüsant. Die einzige ebenerdige Dusche im Haus befand sich ebenfalls im Keller im Saunabereich. Allerdings war diese ebenerdige Dusche in einer sehr schmalen Duschkabine versteckt, so dass ich sitzend nicht reinkam. So wurde ich – wie eine Blume – mit einem Gartenschlauch abgespritzt. Ist das nicht wunderbar?!


Linktipps:
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