Aktion Mensch-Blog

Der kleine Prinz stand Pate bei meiner ersten geheimen Wahl

Politikverschlossenheit muss ein Ende haben!

Wahlschablone für Blinde und Sehbehinderte DBSV

Ein wenig staatsbürgerlich kam ich mir gestern Morgen schon vor. Bei allem medialen Murren, der Wahlkampf sei langweilig, die Parteien ohne Profil und die Kandidaten zu blass, habe ich mir meinen Gang zur Wahl heute als etwas Erstmaliges bewahrt. Zwar habe ich schon oft gewählt, und meine Stimme geht auch dieses Mal wieder in mein Stammlager. Aber heute war wirklich der Weg das Ziel: Der Weg zu meiner ersten geheimen Wahl, was als Blinder bisher für mich nicht möglich war.

Wahllokale auf Barrierefreiheit getestet

Der Weg begann vor einigen Wochen. Zusammen mit Basisdemokrat Guildo Horn, Raúl Krauthausen und Petra Groß bin ich als Wahllokaltester-Tour der Aktion Mensch durch die gesamte Republik getourt und habe Wahllokale auf deren Barrierefreiheit. Wir hatten guten Zuspruch, und viele Versprechen für den 22. September wurden gemacht. Besonders meine Heimat Köln zeigte sich für eine barrierefreie Wahl gut vorbereitet  – hohe Ansprüche, die sich heute bewähren mussten.

Während viele Wähler überlegen, ob sie überhaupt wählen gehen wollen, gibt es seit Beginn unserer schönen Demokratie eine immer größer werdende Gruppe von Wählern, die wollen, aber nicht können. Politikverdrossenheit ist schon lange durchs Dorf getrieben worden, es wird Zeit, dass wir über Politikverschlossenheit reden! Barrieren für Menschen mit Behinderungen bei noch nicht ganz demokratischen Wahlen, die endlich eingerissen werden müssen, müssen offensichtlich werden.

Köln hat Wort gehalten

Aus diesem Grund ist der heutige Wahltag für mich ein Erfolg, denn Köln hat Wort gehalten. Vor meinem Wahllokal in Köln-Kalk ist die Straße mit einem barrierefreien Blindenleitsystem im Boden ausgestattet. Die Förderschule, an der ich wähle, erreiche ich über einen ebenen Hof, dann drei Stufen. Vorbildlich sogar, dass die Stufen mit schwarz-gelben Hinweisstreifen ausgezeichnet sind, wie mir ein Wahlhelfer erklärt. Das hilft sehbehinderten Menschen, die die Stufen so nicht übersehen können. Dann wird es etwas verwirrend, denn in meinem Wahllokal werden zwei Stimmbezirke zur Wahl gebeten. Intuitiv habe ich mich für den richtigen Raum entschieden. Meine Wahlschablone habe ich dabei, und zu Hause habe ich mir auf einer Audio-CD angehört, welche Position auf der Schablone für meine Wahl zu kreuzen ist. Eine Wahlhelferin zückt eine Art Gebrauchsanleitung und beginnt damit, mir die Position der Parteien vorzulesen. „Nein danke, ich weiß schon, wo ich das Kreuz machen soll“, lehne ich ihr Angebot ab. Sie ist etwas überrascht: „Ach so, hier steht aber, ich sollte Ihnen das vorlesen“, sagt sie etwas unsicher.

Zuhause habe ich mir bereits die Wahlunterlagen, die ich schon vor Wochen bestellt habe, angehört. Auch die barrierefreie Wahlschablone und die Wahlprogramme der Parteien konnte ich beim Landesblindenverband bestellen. Wahlschablonen gibt es bereits seit 2002. Ich habe erst in diesem Jahr von ihnen gehört. Und ich bin mir sicher, ich bin da nicht alleine. Eine bessere Informationspolitik im Vorfeld der nächsten Wahlen wäre sicherlich ein guter Schritt für die Zukunft. Das Rollstuhlsymbol auf den Wahlbenachrichtigungen für ein barrierefreies Wahllokal ist mittlerweile bekannt. Aber woher sollen Blinde und Sehbehinderte wissen, wie sie die für ihre geheime Wahl notwendige Wahlschablone bestellen? Wahlbenachrichtigungen in Braille oder in Großdruck mit einem Hinweis könnten ein Anfang sein. Eine gut kommunizierte Internetkampagne auf barrierefreien Webseiten zur Wahl wäre ein zeitgemäßer und inklusiver Volltreffer – besonders in Zeiten der Politikverschlossenheit.

Zum ersten Mal in meinem Leben alleine wählen

Die Wahlhelferin ist gut vorbereitet und legt den Wahlzettel korrekt in eine Wahlschablone, die auf dem Tisch liegt, als hätte sie auf mich gewartet. Dann betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben alleine die Wahlkabine und mache die beiden Kreuze. Kurz blitzen Erinnerungen von Fingern meiner früheren Begleiter auf, die mir den Stift an die richtige Stelle setzen, und die Stimme eines Wahlhelfers, die knurrt, so sei die Wahl eigentlich nicht gültig, weil nicht geheim. Das ist heute aber anders, und ich stecke den Wahlzettel dankbar in die Urne. Meine mitgebrachte Wahlschablone lasse ich auf die Bitte der Wahlhelferin im Lokal zurück, falls noch andere Blinde wählen wollen, meint sie.

Draußen vor dem Wahllokal prangt ein Schild: „Hunde bleiben draußen.“ Ich frage mich, ob das auch für Blindenführhunde gelten würde? Der Tag war für mich aber ein voller Erfolg. Auch wenn Wählen als Blinder noch keine Selbstverständlichkeit ist, so sind wir doch auf dem Weg dorthin und mit jeder Stimme eines Menschen mit Behinderung umso mehr. Sicherlich war der kleine Prinz heute ein guter Pate, denn meine Stimme habe ich an der Kleine Prinz Schule abgegeben. Und das bekannteste Zitat aus dem "Petit Prince", dem Buch, das immer wieder über das einseitige Denken der großen Leute klagt, lautet: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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