Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Der Bürokratiewahn

"Haben Sie schon Ihre Versichertenkarte bei Ihrem Hausarzt einlesen lassen?"
Natürlich.
 
"Vergessen Sie bitte nicht, rechtzeitig ein neues Rezept für die Physiotherapie abzuholen."
Natürlich nicht.
 
"Wir würden Sie und Ihre Situation gerne kennenlernen. Dürften wir nächsten Mittwoch um neun Uhr morgens vorbeikommen?"
Selbstverständlich.
 
"Haben Sie Ihre Versichertenkarte dabei?"
Oh, nein, ich habe sie bei einem anderen Arzt vergessen.

 
Meine To-Do-Liste sieht aus wie das Hausaufgabenheft eines Schulkindes. Abgesehen von meiner üblichen Vergesslichkeit, gibt es immer wiederkehrende Dinge in meinem Alltag, die ich jedoch trotzdem immer und immer wieder vergesse. Dazu gehören zum Beispiel grundlose Arztbesuche, um die Versichertenkarte einlesen zu lassen, und das ständige Telefonieren mit diversen Therapeuten, um neue Termine zu vereinbaren. Als hätte man sonst nichts zu tun, will der MDK plötzlich die Pflegestufe überprüfen, und ein örtlicher Pflegedienst, der mich noch nie zuvor gesehen hat, ist dazu verpflichtet zu überprüfen, ob meine Pflege gesichert ist. Sicherlich ist das sehr nett gemeint, und in manchen Fällen macht es Sinn (ob man mit dem Pflegegeld auch nicht in den Urlaub geflogen ist!), aber jetzt mal ehrlich: Ich bin 26 Jahre alt, davon seit mindestens 19 Jahren auf die Hilfe von fremden Menschen angewiesen – und das wird sich nicht mehr ändern. Ich würde gerne sagen dürfen, dass ich es sehr gut selbst im Griff habe und sie gerne in ein paar Jahren noch mal vorbeikommen können. Um zu gucken, ob ich noch die Hautfarbe eines lebendigen Menschen habe.

Warten auf ein Wunder?

Es ist auffällig, dass manche Ärzte, Therapeuten, die Krankenkasse und eigentlich alle anderen Entscheidungsträger oft so tun, als könnte doch noch ein Wunder geschehen und die Behinderung sich in Luft auflösen könnte.

Zack! Und der Mensch kostet nichts mehr!
Zack! Und der will nie wieder Termine vereinbaren.
Ja, das könnte sogar mir gefallen ...

Wenn die Verantwortlichen doch nur einmal nachfühlen würden, was für ein Aufwand das alles ist. Und wie Energie raubend! Mein Rollstuhl ist zum Beispiel seit nun genau fünf Wochen kaputt. Seit vier Wochen erzählt man mir, dass es "morgen" repariert geliefert wird – doch ständig geht etwas Neues kaputt. Und ständig benötigt man etwas von mir, und ständig telefoniere ich mit dem Sanitätshaus, dem Hersteller und der Krankenkasse. Vergeblich. Pure Zeitverschwendung!

Eine kleine Anekdote aus meinem Leben: In meiner Schulzeit musste ich jedes halbe Jahr ein ärztliches Attest darüber vorlegen, dass ich nicht am Sporttag teilnehmen kann. Diese Regelung hat keiner verstanden, aber so sind nun mal die Vorschriften ...

Willkommen im Wahn der Bürokratie.


Linktipps:
Theorie trifft Praxis – eine juristische Bestandsaufnahme der UN-Behindertenrechtskonvention
Behinderung mit Ablaufdatum. Überlegungen von Petra Strack im Blog über die Folgen, wenn ihre Behinderung einfach so ein Ende hätte
Eine unlustige Klogeschichte. Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über existentielle Nöte im studentischen Alltag

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