Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Der blaue Engel wird greifbar

In vielen Museen gibt es inzwischen Sonderführungen für Kinder. Gut so! Aber wie steht es mit Museumsführungen für Menschen mit Behinderung? Beispielsweise für blinde Menschen oder Menschen mit einer Hörbehinderung? Oder Führungen in Gebärdensprache oder in Leichter Sprache? Da sind die Angebote rar gesät.

Marlene Dietrich in der Deutschen Kinemathek (© Hans Scherhaufer)

Liegt das an Barrieren in den Köpfen der Museumsverantwortlichen? Vielleicht können sie sich nicht vorstellen, dass blinde Menschen durch ihre Ausstellung schlendern und dabei auch noch Spaß haben.
Seit Anfang 2011 bietet die "Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen" in Berlin barrierefreie Führungen durch ihre ständige Ausstellung an. Für blinde und sehbehinderte Menschen und für Menschen mit Hörbehinderung. Um ehrlich zu sein: Wie man blinden und sehbehinderten Menschen das Medium Film, das doch so sehr von seiner visuellen Kraft lebt, sinnvoll vermittelt, war mir bisher auch eher ein Rätsel. Ich beschloss, mich für die barrierefreie Führung in der Deutschen Kinemathek anzumelden.

Begeistert für deutsche Filmgeschichte

Mit Anja Winter, unserer Führerin, stehen wir zu viert am Start. Kleine Gruppe – umso besser. Als studierte Indologin hatte Anja "mit Filmgeschichte zunächst wenig am Hut", wie sie selbst sagt. Ein Besuch in der Deutschen Kinemathek beeindruckte sie aber nachhaltig und infizierte sie mit dem Thema. Und sie fasste den Beschluss, auch andere blinde oder sehbehinderte Menschen für die Ausstellung und die deutsche Filmgeschichte zu begeistern. "Ich habe mir überlegt, welche Exponate besonders wichtig sind und durch welche Objekte man historische Zusammenhänge verdeutlichen kann. Wie lässt sich die Geschichten von berühmten Schauspielern oder Regisseuren wirklich haptisch – das heißt fühlbar oder durch Berührung wahrnehmbar – darstellen", erklärt sie ihre Herangehensweise. Dann hat sie gemeinsam mit den Museumsmachern ein Konzept entwickelt, und los ging's.

Oscar, Lola und das Filmband in Gold

Rotkäppchen gleich trägt sie ein prall gefülltes Körbchen mit zahlreichen Exponaten, die normalerweise im Tresor der Kinemathek lagern. Sie lässt uns die Rolle eines Projektors mit ihren zahlreichen Zähnen an beiden Rändern, die den perforierten Film auf der Bahn halten, ertasten und erraten. Wir dürfen den Oscar anfassen, den der deutsche Schauspieler Emil Jannings 1929 als erster Schauspieler überhaupt verliehen bekam. Dann das "Goldene Filmband" Heinz Rühmanns für seine Verkörperung des Hauptmanns von Köpenick und eine Original-"Lola", die noch auf ihren Preisträger wartet. Bekannte Filmstimmen und Filmmusik im Hintergrund, als wir die weichen Schwanenfedern, aus denen sich Marlene Dietrichs pompöser Mantel zusammensetzt, über unsere Finger gleiten lassen.
Und tatsächlich, durch Tasten und Hören erschließt sich mir ein ganz neuer Zugang zur Filmgeschichte. Marlene, die große Filmdiva, wird wieder lebendig, der blaue Engel wird greifbar.


Linktipps:
Weitere Informationen und Anmeldung zu den barrierefreien Führungen auf der Internetseite der Deutschen Kinemathek
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Mehr Kultur! Neue Wege zum barrierefreien Tourismus. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen durch Trier, Erfurt und die Documenta
Kunst für alle: Auch Hände können sehen. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die barrierefreien Ausstellungen des Künstlers Horst W. Müller

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