Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Der "Augen"-Blick danach

Was kann man tun, wenn man plötzlich erblindet oder hochgradig in seinem Sehvermögen eingeschränkt ist? Wie kann man sich wieder im Leben zurechtfinden? Eine Informationswoche des Blinden- und Sehbehindertenvereins Mecklenburg-Vorpommern e. V. unterstützt Menschen dabei, eine solche Situation zu bewältigen und den Alltag besser zu meistern.

Mobilitätstraining bei der RBA-Woche: Aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen Fotos: Margit Glasow / thalmannverlag!

Angela Dobbertin interessiert sich besonders für die sieben Monate alte Schäferhündin, die brav zu Füßen ihres momentanen Herrchens liegt. Jordt Raimon bildet sie in seiner Blindenführhundschule in Lutheran (Mecklenburg-Vorpommern) zu einem Blindenführhunden aus. An diesem Vormittag Ende Oktober erzählt er den ca. 15 Anwesenden eine Menge Wissenswertes über diese Hunde. Darüber, was ein solcher Hund alles leisten kann und dass er für den Betroffenen die Brücke zurück zur Welt sein kann.
Diese Brücke zurück zur Welt will Angela Dobbertin sich bauen. Seit eineinhalb Jahren ist die Frau aus Goldberg infolge eines erhöhten Augendrucks, der nicht rechtzeitig behandelt wurde, völlig blind. Ohne Vorankündigung, ohne Vorbereitung. Die Orientierung in ihrer Wohnung hat sie inzwischen einigermaßen zurückgewonnen. Aber sie will wieder raus aus ihren vier Wänden, will sich wieder mit Leuten treffen. Doch diesen Schritt wagt sie nicht ohne Begleitung. Ein Zustand, den sie unbedingt verändern möchte.

Durch Zufall hat sie davon erfahren, dass der Blinden- und Sehbehindertenverein Mecklenburg-Vorpommern e. V. (BSVMW) zweimal jährlich eine Informationswoche durchführt. Hier soll Neuerblindeten oder von starker Sehbehinderung Betroffenen gemeinsam mit ihren Angehörigen Mut gemacht werden. Hier sollen Wege aufgezeigt werden, wie sie wieder Lebensqualität erreichen können. Denn wenn ein Mensch erblindet oder von Blindheit bedroht ist, steht er oft mit seinen Angehörigen bei der Bewältigung des Alltags vor zum Teil unlösbaren Problemen.

Menschen werden oft allein gelassen

Nicht selten komme es vor, so Peter Brill, Rehabilitationslehrer für Blinde und Sehbehinderte für Orientierung & Mobilität aus Schwerin, dass Menschen nach einer Erblindung einfach aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen werden. "Es fängt dann schon mit der Frage an: Wie kommen sie nach Hause? Denn derjenige kann sich doch gar nicht orientieren." Und leidenschaftlich fügt er hinzu: "Die Frage ist doch: Wie kann ich mich nach einer plötzlichen Erblindung wieder ins Leben zurück katapultieren? Für plötzlich erblindete und hochgradig sehbehinderte Menschen gibt es in Deutschland keine Anschluss-Rehabilitation, so wie es sie für Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten oder Leute nach einer Knieoperation gibt." Er mache immer wieder die Erfahrung, dass die Menschen in einer solchen extremen Situation allein gelassen werden und auch keine brauchbaren Informationen erhalten, wie es weitergehen kann.

Rehabilitation zur Bewältigung des Alltags

Hier setzt die RBA-Woche an. Während dieser Woche erhalten die Betroffenen Anleitung zur Selbsthilfe in Form von verschiedensten Angeboten. Zu Beginn des Kurses werden individuelle Gespräche mit den Hilfe- und Ratsuchenden zur persönlichen und beruflichen Situation geführt. Dabei werden mögliche berufliche Wege, Veränderungen und Ziele aufgezeigt, persönliche Unterstützung durch die Referenten wird angeboten. Die Betroffenen werden "seelisch aufgefangen" und so weit motiviert, dass ihr Selbstwertgefühl geweckt wird und sie wieder aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen.

Zum Inhalt der Woche gehört ebenso, lebenspraktische Fähigkeiten wie zum Beispiel das Gehen mit dem Langstock oder Techniken des Essens zu erlernen. Es gibt eine Schulung in Orientierung und Mobilität sowie einen Einführungskurs zum Erlernen der Brailleschrift und Kurse zur Arbeit am PC und im Internet. Auch ein Vortrag zu den Rechten und Pflichten Sehbehinderter steht auf dem Programm. Den hält meist Rechtsanwalt Klaus Düsterhöft aus Gadebusch (Mecklenburg-Vorpommern). Er ist selbst blind, weiß also, wovon er spricht, und unterstützt den BSVMW regelmäßig. Er betont, dass es für einen blinden Menschen besonders wichtig sei, sich über alles genau zu informieren. Vieles müsse man durch gute Kommunikation kompensieren, man müsse offen sein, immer wieder nachfragen, wenn man etwas nicht vollständig verstanden habe.

Informationswoche in Deutschland ziemlich einzigartig

Teilnehmen können nicht nur Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern, sondern aus ganz Deutschland. Die Woche findet bereits seit 13 Jahren im AURA-Hotel "Ostseeperlen" in Boltenhagen in einer qualitativ ständig verbesserten Form statt – dem Begegnungszentrum des BSVMW. Von den Zimmern des Hauses aus kann man direkt das Meer sehen – oder zumindest hören oder riechen. Hier finden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer spezielle Orientierungs- und Mobilitätshilfen sowie einem speziellen Service für Blinde und Sehbehinderte vor.
Angela Dobbertin ist jedenfalls froh, dass sie dieses Angebot genutzt hat. Hier in Boltenhagen hat sie Menschen getroffen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie sie. Das hat ihr Mut gemacht. Nun blickt sie mit etwas mehr Zuversicht in die Zukunft. Und hofft, dass sie bald selbst einen Blindenbegleithund hat. Ein Mobilitätstraining mit dem Langstock, das man vorher absolvieren muss, hat sie schon fest geplant.


Linktipps:
"Ich möchte anderen Menschen Mut machen, ihren Weg zu finden". Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über die blinde Erzieherin Silja Korn und ihren beruflichen Werdegang
Reisen mit allen Sinnen. Ein Interview im Blog von Ulrich Steilen mit Laura Kutter, die gemeinsame Touren für blinde, sehbehinderte und sehende Reisegäste veranstaltet
"Unterstützung wird keine Einbahnstraße sein". Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über das Hamburger Wohnprojekt BliSS für gemeinsames Wohnen von blinden, sehbehinderten und sehenden Menschen

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