Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Den neuesten Kinofilm – schon gehört?

1989. Die Grenze ist offen. Und zwar diejenige, die sehbehinderte Menschen lange Jahre vom Kinoerlebnis ausschloss. Im Jahr des Mauerfalls wurde erstmals in einem deutschen Kino ein Film als Hörfilmfassung gezeigt. Seitdem gibt es mehr und mehr Audiodeskriptionen, wie die Filmbearbeitung für Sehbehinderte und Blinde heißt. Und seit neuestem sogar eine App, die Hörfassungen für Kinofilme liefert.

Jonas Hauer und Nanna Gorbach während der Filmbearbeitung bei Titelbild Foto: Wiebke Schönherr

Jonas Hauer sitzt in einem Büroraum der Berliner Firma Titelbild, aber eigentlich ist er gerade ganz woanders. Draußen auf der Ostsee, auf der sich im Innern einer Jacht zwei Männer gegenseitig an die Gurgel gehen und einer von ihnen schließlich über die Reling ins Wasser stürzt. Denn das sind die Bilder, die Hauer, der blind ist, gerade im Kopf hat. Er erarbeitet mit seiner sehenden Kollegin Nanna Gorbach die neueste Ausgabe der ZDF-Serie „Küstenwache“ als Audiodeskription.

Hauer und Gorbach sitzen vor zwei Bildschirmen. Auf ihnen ist eine spezielle Software geöffnet, die die Serie abspielt und gleichzeitig die verschiedenen Tonspuren offenlegt, eine für den Original-Ton, eine für die Hörfassung. Die beiden Mitarbeiter von Titelbild, einer Firma, die sich unter anderem auf Untertitelung und Audiodeskription spezialisiert hat, hören sich eine bereits erstellte Testversion an, um zu überprüfen: Ergeben die Beschreibungen Sinn? Werden genug Informationen gegeben? Oder werden vielleicht zu viele gegeben?

Bilder in Worte übersetzen

Hauer hält inne. Etwas stimmt nicht. „Der Mann ist über die Reling gestürzt?“ „Genau“, sagt Gorbach. Sie blickt auf die Szene, die einen Mann zeigt, der gerade ins Wasser fällt. „Du hast doch gesagt, die beiden kämpfen im Innern der Jacht“, hakt Hauer nach. „Wie kann dann jemand über die Reling stürzen?“ Gar nicht. Gorbach nickt, schaut sich die Szene nochmal an. Sie sieht, dass die zwei Gestalten gar nicht in der Kajüte sind, sondern unter einem Vordach, also draußen auf dem Deck. „Das müssen wir ändern“, stimmt sie zu. „Sie sind nicht im Innern, sie sind auf der Jacht.“ Jetzt ergibt es Sinn. Nächste Szene.

Sekunde für Sekunde übersetzen Filmbeschreiber Bilder in Worte. Oft haben sie dafür nur wenig Zeit, nur die Pausen zwischen Dialogszenen. Es muss dann angemessen entschieden werden: Wird die Farbe der Augen beschrieben? Oder die Bewegung der Hände? Die wogenden Wellen? Oder die finsteren Mienen der kämpfenden Männer?

„Bei der Audiodeskription konzentrieren wir uns auf das, was wichtig ist, um die Handlung und relevanten, visuellen Stilelemente des Films verständlich zu machen“, erklärt Anja Turner, zuständig für das Marketing bei Titelbild.

Denn im Mittelpunkt bei der Audiodeskription steht natürlich nicht der Ansatz, eine Fernseh- oder Kinoproduktion zu 100 Prozent identisch als Hörfilm widerzugeben, einfach deshalb, weil es gar nicht möglich ist. Sondern es soll so gemacht werden, dass Menschen, die sehbehindert sind, Freude daran haben, ihn zu hören. „Audiodeskriptionen eröffnen sehbehinderten und blinden Menschen die großartige Möglichkeit, gleichwertig am kulturellen Leben unserer Gesellschaft teilzunehmen“, sagt Anja Turner von Titelbild.

Vier Prozent beim ZDF, knapp zehn Prozent bei der ARD

Seit 1989 der erste Film, es war die Krimikomödie „Die Glücksjäger“, in einem Münchner Kino als Hörfilm gezeigt wurde, hat sich viel getan. 1993 zeigte erstmals das ZDF im Abendprogramm einen Film für Blinde und Sehbehinderte. Seitdem laufen immer mehr Filme, Dokumentationen und Serien mit Audiodeskriptionen.

Besonders Anfang 2013 ging es für den Hörfilm stark aufwärts. Seit der Neuordnung der GEZ-Gebühren sind Menschen mit Sehbehinderung nicht mehr automatisch von den Gebühren befreit. Das bedeutet: Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen stärker unter Druck, ihre Produktionen auch mit Audiodeskriptionen zu zeigen. Im ZDF-Abendprogramm wird nun rund jede dritte Produktion mit Filmbeschreibungen angeboten, bei der ARD fast jede zweite. Aufs Gesamtprogramm verteilt sind es beim ZDF vier Prozent, bei der ARD zehn Prozent. Eine gesetzliche Regelung darüber, wie hoch die Anzahl der Audiodeskriptionen sein muss, gibt es nicht in Deutschland, wie es beispielsweise in Großbritannien der Fall ist, dennoch steigt sie auch hier stetig an.

Dank neuester Technik gibt es auch eine gute Entwicklung in den Kinos: Wer ein Smartphone besitzt, kann seit neuestem mit einer App ausgewählte Filme im Kino anhören, ohne in eine spezielle Vorführung für Sehbehinderte gehen zu müssen, wie es 1989 noch der Fall war. Im Jahr 2014 ist also eine weitere Grenze ist verschwunden.


Linktipps:
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: In der Freizeit“ der Aktion Mensch
Hörfilme im TV: Teilhabe und Barrierefreiheit. Ein Plädoyer von Heiko Kunert für mehr Audiodeskription im deutschen Fernsehen
Audiodeskription: Inklusion im Theater. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Möglichkeiten der Barrierefreiheit im Kulturbetrieb
Kulturelle Teilhabe: Zum aktuellen Stand der Audiodeskription. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Audiodeskription in TV, Kino, Oper und Theater

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