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Demokratie in der WG

Im Hamburger Schanzenviertel leben zehn junge Erwachsene mit Behinderung zusammen. Sie organisieren ihren Alltag selbst und genießen das Leben in einer pulsierenden Großstadt.

WG-Leben in Hamburg: In vollen Zügen genießen Fotos: Thilo Schmülgen / Aktion Mensch

Demokratie ist anstrengend. Wer mal als Student in einer 3er- oder 4er-WG gewohnt hat, weiß das. Ob es funktioniert, entscheidet sich an den kleinen Dingen: Abwasch. Angesengte Kochtöpfe. Herumliegende Klamotten. Alle müssen sich an die Regeln halten. Und das zu zehnt? Muss sehr anstrengend sein.
Aber auch schön, wenn man den ersten Schritt in ein selbstständiges Leben macht. Für Studenten ist es dasselbe wie für die zehn jungen Leute, die sich in Hamburg eine Etage eines Mietshauses in einem sehr lebendigen Stadtviertel teilen. Sie haben unterschiedliche geistige und teils körperliche Behinderungen und haben fast alle vorher noch bei ihren Eltern gelebt. Und sie organisieren, mit ein bisschen Unterstützung von Betreuern, die Demokratie selbst.

Ältester Elternverein Deutschlands

Jeder hat hier seinen eigenen Mietvertrag, seinen eigenen Schlüssel. Der gewählte WG-Rat entscheidet, wann welche Party stattfindet. Er befindet mit darüber, welcher Bewerber oder Bewerberin neu einziehen darf. Und er vermittelt auch, wenn es Konflikte zwischen den Betreuern und einzelnen Bewohnern gibt.
Daniel Klein ist 24 und genießt das WG-Leben in vollen Zügen. Er arbeitet in einem Kopierladen, bewegt sich selbstständig durch die Stadt, und seine Freundin hat er auch noch hier gefunden. Er war 22, als er bei seinen Eltern ausgezogen ist. „Irgendwann fällt einem da die Decke auf den Kopf“, sagt er. „Ich kannte die Wohnschule von LMBHH, habe von der neuen WG gehört, und da kam die Idee auf, mich hier zu bewerben.“
LMBHH steht für „Leben mit Behinderung Hamburg“. Die Initiative ist der älteste von Eltern getragene Selbsthilfeverein Deutschlands, gegründet 1956. Zu Zeiten also, als Inklusion noch kein Wort war und Menschen mit geistiger Behinderung oft in großen Heimen hinter hohen Zäunen untergebracht wurden. Untergebracht. Auch in Hamburg gab es ein solches Heim mit mehr als 2.000 Bewohnern. Es existiert bis heute, wird aber nach und nach aufgelöst.

Die Geschmäcker sind verschieden ...

Heute gibt es mehr und mehr Wohnformen wie die WG im Schanzenviertel, verteilt über die ganze Stadt. Mitten im Leben. Natürlich hat nicht jeder Bewohner denselben Grad an Selbstständigkeit. Aber alle so viel, wie möglich ist. Die Betreuer sprechen von sich als Assistenten. Deutlicher kann ihre Rolle wohl nicht in einem Wort definiert sein.
Es gibt auf der großen Etage ein 3er-, zwei 2er- und drei Einzel-Apartments. Wenn Joey do Adro de Figueiredo in seinem Zimmer mal wieder Peter Maffay hört, dann freut sich Ernesto Schettler, dass mehrere Türen dazwischen sind. Er spielt Gitarre in einer Elektropop-Band und hat mit Maffay nicht viel am Hut. Florian Timm sagt zwar, dass ihn beides nervt, aber irgendwie lächelt er dabei. Er ist einer von zwei Rollstuhlfahrern in der WG und Anfang 2012 aus einem ländlich gelegenen Ort in Schleswig-Holstein hierher gezogen. „Ich wollte mal was anderes sehen und Action haben.“ Na, die hat er jetzt.


Linktipps:
Der Selbsthilfeverein „Leben mit Behinderung Hamburg“
Die Förderbroschüre „Gemeinsam wohnen“: Das Förderprogramm Wohnen der Aktion Mensch
Das Handlungsfeld „Inklusion leben: Zuhause“ der Aktion Mensch
Aber bitte mit Fahrstuhl! Ein Blogbeitrag von Katja Hanke über gelebte Inklusion in einer Berliner Wohngemeinschaft
Manchmal fehlt eben doch die Milch. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über die erste inklusive Wohngemeinschaft Ludwigshafens
Freiheit. Ein Blogbeitrag von Werner Grosch über elf Menschen mit Behinderung in einer bunten WG in Ennigerloh

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