Aktion Mensch-Blog

„Das Wunder von Bern“ in Einfacher Sprache

Fritz Walter, Kapitän der 54er WM-Mannschaft und bekannt für seine Vorliebe für Regenwetter, hätte gestern in Bonn wohl keine Tore geschossen. Das „Wunder von Bern“ gab es trotz Sonnenschein zu bestaunen – als Buch in Einfacher Sprache. Schauspieler Peter Lohmeyer und Fußballgröße Rainer Bonhof stellten das Buch, das die Aktion Mensch gemeinsam mit dem Spaß am Lesen Verlag herausgibt, vor.

Peter Lohmeyer (l.), Armin v. Buttlar und Rainer Bonhof (r.) präsentieren „Das Wunder von Bern“: Fußball verbindet Foto: Thilo Schmülgen / Aktion Mensch

Die Geschichte der WM-Mannschaft von 1954 und ihr „Wunder von Bern“ bewegte im Film von Regisseur Sönke Wortmann Millionen von Zuschauern. Bereits wenige Minuten nach Beginn der offiziellen Buchvorstellung gestern in Bonn war klar: Das auf dem Drehbuch basierende Buch in Einfacher Sprache steht dem in nichts nach. Zum Einstieg las der Schauspieler und Hauptdarsteller des Films Peter Lohmeyer eine Passage aus dem Buch. Schon nach den ersten Zeilen befand sich der prall gefüllte Saal gemeinsam mit Lohmeyer auf einer Reise in die Vergangenheit.

Viele „Lesekilometer“ zurücklegen

Christina Marx und Sascha Decker von der Aktion Mensch begrüßten anschließend Ralf Beekveldt, Geschäftsführer des Spaß am Lesen Verlages, Gundula Frieling, stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV), und Aktion Mensch-Vorstand Armin v. Buttlar auf der Bühne. „Wieso brauchen wir Bücher in Einfacher Sprache?“, will das Moderatoren-Duo von der Runde wissen. Rund ein Viertel der deutschen Gesellschaft tue sich mit dem Lesen schwer, erklärt Armin v. Buttlar. „Einfache Sprache überwindet sprachliche Barrieren und ermöglicht dadurch Inklusion.“
Der Spaß am Lesen Verlag ist der einzige, der in Deutschland Bestseller in Einfache Sprache übersetzt. „Unsere Leser brauchen kurze Sätze, einfache Wörter und eine einfache Grammatik, um Bücher zu verstehen“, sagt Ralf Beekveldt. „Lesen ist in unserer Gesellschaft sehr wichtig – für die Arbeit genauso wie für die Teilhabe an anderen Bereichen des Lebens. Wir wollen, dass die Menschen durch unsere Bücher mit dem Lesen anfangen. Sie sollen möglichst viele 'Lesekilometer' zurücklegen“.

Der DVV werde „Das Wunder von Bern“ auch als Lehrmittel in Alphabetisierungskursen und auf der Lernplattform ich-will-lernen.de einsetzen, erklärt Gundula Frieling. „Es geht uns darum, allen Menschen den Zugang zum Lesen und Schreiben zu ermöglichen.“ Das „sehr, sehr gelungene“ Buch in Einfacher Sprache käme genau zur richtigen Zeit: „Die WM steht vor der Tür. Fußball ist gerade das Thema überhaupt.“

„Fußball verbindet“

Trotz laufender Vorbereitung auf die WM in Brasilien waren sogar zwei waschechte Mitglieder einer Nationalelf angereist: Sascha Kuntze, Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen, und sein Trainer Jörg Dittwar machten einmal mehr klar, dass Fußball Menschen unabhängig von einer Behinderung begeistert. Sascha Kuntze findet besonders die Begriffe in Texten in Alltagssprache oft schwierig, erklärt er dem Publikum. Er freut sich darum über „Das Wunder von Bern“ in Einfacher Sprache. Sein Trainer Jörg Dittwar betont die Bedeutung von Fußball als Erlebnis, sowohl für die Zuschauer als auch die Spieler: „Fußball verbindet. Das ist für uns das Wichtigste.“

„Von 1954 bis heute hat sich eine Welt gedreht“

„Wie hat sich die Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Fußball in den letzten 50 Jahren verändert?“, fragen die Moderatoren Rainer Bonhof – der nicht nur Vize-Präsident von Borussia Mönchengladbach ist, sondern auch auf eine lange, erfolgreiche Laufbahn als aktiver Spieler zurückblicken kann. Vor allem die Barrierefreiheit in Stadien habe sich enorm verbessert, so Bonhof: „1954 hat noch niemand an die Zuschauer mit Behinderung gedacht. Heute gehört Deutschland zu den Vorreitern beim Thema barrierefreie Stadien, auch dank der umfassenden Modernisierungen zur WM 2006. Von 1954 bis heute hat sich eine Welt gedreht.“ Stolz ist er auch auf die Entwicklungen bei seinem eigenen Verein: Das alte Bökelberg-Stadion sei nicht behindertengerecht gewesen. Im neuen Borussia-Park gibt es jetzt 76 Rollstuhlfahrerplätze, Plätze für Menschen mit Gehbehinderung und einen Kommentar speziell für Menschen mit Sehbehinderung. „Auf Schalke haben wir auch Rolltreppen – und Fahrstühle!“, wirft Peter Lohmeyer, bekennender Schalke-Fan, grinsend ein.

„Tooooor! Tooooor! Toooor für Deutschland!“

Lohmeyer sorgt an diesem Vormittag mehr als einmal für gute Stimmung und herzliche Lacher. Etwa, wenn er erzählt, dass das Foto auf dem Buchcover bei einer Pinkelpause entstanden ist. Auf die Frage hin, was Einfache Sprache für ihn bedeutet, wird er ernster: „Einfache Sprache ist so griffig, so visuell. Das ist das Schöne. Menschen, die nicht so schnell 'rennen' können in der Alltagssprache, profitieren von der Bildhaftigkeit der Einfachen Sprache.“ Für die Lesung der Schlusspassage erntet Lohmeyer am Ende dann donnernden Applaus: „Tooooor! Tooooor! Toooor für Deutschland!“ brüllt er so leidenschaftlich in den Raum, dass es das Publikum von den Stühlen reißt.

Einfache Sprache ist für alle gut

Texte in Einfacher Sprache sind so geschrieben, dass etwa 95 % der Menschen in Deutschland sie lesen und verstehen können: Ein Satz hat in der Regel nicht mehr als 15 Wörter und höchstens ein Komma. Auf Fremdwörter wird, wo es geht, verzichtet oder sie werden erklärt. Menschen mit Leseschwierigkeiten profitieren besonders von Einfacher Sprache. Dazu gehören die etwa 7,5 Millionen „funktionalen Analphabeten“ in Deutschland, Menschen mit Legasthenie, geringer Bildung und ältere Menschen. Aber auch Menschen, die selten lesen, Migrationshintergrund haben oder Kinder und Jugendliche.
Neben „Das Wunder von Bern“ präsentierte Aktion Mensch-Vorstand Armin v. Buttlar auch die Fußballfibel „Einfach Fußball“. Mit der Broschüre erklärt die Aktion Mensch die wichtigsten Fußball-Regeln in Einfacher Sprache – damit wir alle gemeinsam der Fußball-WM in Brasilien entgegen fiebern können.


Linktipps:
„Das Wunder von Bern“ – die Geschichte der WM-Mannschaft von 1954 in Einfacher Sprache: Jetzt kostenlos bestellen!
Die Fußballfibel „Einfach Fußball – die wichtigsten Regeln, einfach erklärt“: Hier kostenlos bestellen oder downloaden!
WDR-Fernsehbeitrag über die Buchvorstellung vom „Wunder von Bern“ in Einfacher Sprache
Wissenschaft für alle. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Herausgeberin Simone Seitz über das erste wissenschaftliche Buch in Leichter Sprache
Lesen für alle! Ein Blogbeitrag von Sonja Markowski, der Übersetzerin des Bestsellers „Ziemlich beste Freunde“ in Einfache Sprache, über ihre Begegnung mit Autor Philippe Pozzo di Borgo und das Schreiben in Einfacher Sprache
Mehr Leichte Sprache! Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über die Ausbildung von Prüfern für Texte in Leichter Sprache – mit einer Übersetzung in Leichter Sprache
 

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