Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Das Problem, nicht genug behindert zu sein

Ich muss zugeben, das kann ich mir gar nicht vorstellen: Rausgehen, und ein "Geheimnis" mit sich zu tragen, von dem sonst nur die Wenigsten wissen. Man selbst weiß darüber alles, ein paar Freunde und einige Mitarbeiter diverser Behörden ahnen es, verstehen es aber nicht. Eine unsichtbare Behinderung! Wow! Ist das nicht toll? Das habe ich mich mal gefragt. "Nein!", riefen Betroffene. Schade.

Hört auf, auf den Behindertenparkplätzen zu parken! Bitte! Fly~~ / flickr.com

Meine Fantasie lässt mich dennoch nicht los. In meinen Gedanken gehe ich zum Bus – denn schnell laufen kann ich ja nicht. Macht aber nichts, ich habe Zeit. Der Bus fährt mir vor der Nase weg, ich ärgere mich nicht – warum auch? Ich hätte schließlich vorher losgehen können. Ich warte auf den nächsten Bus, der in zehn Minuten kommen soll, und genieße den Hamburger Wind, den ich sonst so verachte. Macht heute aber nichts, man kann sich schließlich warm anziehen.

Eine neue Perspektive

Neben mir stellt sich ein schöner Mann hin, er wartet wahrscheinlich auch auf den Bus. Er ist aus der Puste. Wie blöd. Und wie schön, dass ich so entspannt bin. Ich lächele ihn an und er – er guckt nicht wie üblich lächelnd nach unten, sondern wir können uns direkt in die Augen sehen und dabei lächeln. Eine neue Perspektive, irgendwie aufregend! Ich werde rot und bin mir sicher: Das liegt an der neuen Perspektive. Er sagt irgendwas von "Muss los, meld' dich doch ma'." Und irgendwas von Kaffee. Schon halte ich seine Visitenkarte in der Hand und sehe keinen schönen Mann mehr. Und ich mag eigentlich keinen Kaffee. Wie blöd. Jetzt ist aber der Bus da und ich hüpfe im Rahmen meiner Möglichkeiten hinein und fahre zum Teetrinken in die Stadt. Im Bus guckt mich keiner an, ich bin eine von vielen. Für das nächste Mal beschließe ich, einen bunten Hut anzuziehen, um irgendwie aufzufallen. Eine von vielen zu sein war noch nie mein Ding, denke ich, und schiebe mir einen Bonbon in den Mund.

Der alltägliche Wahnsinn

Freunde, die ein "Geheimnis" mit sich tragen, erzählen aber von solchen Situationen:

"Ach, blöd, schon wieder war der Behindertenparkplatz besetzt! Ständig parkt ein anderes Auto dort! Und wenn du glaubst, das wären Menschen, die darauf angewiesen sind, dann täuschst du dich. Ha! Nur die Wenigsten haben einen Parkausweis! Und überhaupt sind Behindertenparkplätze in Hamburg eher eine Mangelware ..."

"Wenn ich laufe, sieht man mir zwar nichts an, aber am liebsten würde ich 'NICHT SCHUBSEN, ICH HABE JOGURT IM RUCKSACK!' rufen! Ich fühle mich so unsicher auf den Beinen, dass ich Angst vor jedem Windstoß habe."

"Gestern habe ich mich mit einer älteren Dame im Bus streiten müssen. Sie wollte, dass ich für sie aufstehe, und ich erklärte ihr, dass ich nicht alleine aufstehen kann. Sie pöbelte mich an, wie unverschämt ich mit meinen jungen Jahren sei ... Wirklich peinlich!"

Was lernen wir daraus? Behindert ist nicht gleich behindert. Und "nicht sichtbar behindert" ist nicht gleich "nichtbehindert".

Und: Hört auf, auf den Behindertenparkplätzen (zumindest in Hamburg) zu parken! Sonst fliegen bald rohe Eier an die Frontscheiben! Ach nee, ich krieg die Arme nicht hoch, auch wenn man es mir nicht ansieht. Egal. Trotzdem. Hört auf damit. Bitte!


Linktipps:
Von Mut und Enttäuschung. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über positive Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderung und ihren Familien
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