Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Das Goldene Zeitalter. Erster inklusiver Museumsführer Deutschlands

Ist es für blinde und sehbehinderte Menschen interessant, ins Museum zu gehen? Sich etwa ausgewählte Werke der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts anzusehen? Schwer vorstellbar. Auch Museumspädagogin Birgit Baumgart im Staatlichen Museum Schwerin stellte sich dieser Frage – zusammen mit dem Blinden- und Sehbehinderten-Verein Mecklenburg-Vorpommern e. V. und dem Berliner Verein Andere Augen e.V. Entstanden ist ein einzigartiger Gemäldeführer.

Staatliches Museum Schwerin

In Gesprächen mit blinden und sehbehinderten Menschen wurde Birgit Baumgart klar, dass auch sie Kunst erleben wollen. Als sie schließlich 2007 den tastbaren Dom-Kunstführer für Sehbehinderte entdeckte, ein 17-seitiges Reliefbuch mit erläuternden Texten in leicht lesbarem Großdruck und Braille-Schrift sowie sechs tastbaren Abbildungen des Schweriner Doms, war sie begeistert: „So etwas möchte ich auch für das Museum Schwerin haben!“ Die Idee von einem tastbaren Museumsführer war geboren und wurde zusammen mit dem Blinden- und Sehbehinderten-Verein Mecklenburg-Vorpommern e. V. und dem Verein Andere Augen e. V. realisiert. Wer sich mit diesem Gemäldeführer beschäftigt, lässt sich auf ganz neue Art darauf ein, die international bedeutende Sammlung niederländischer Malerei des 17. Jahrhunderts im Staatlichen Museum Schwerin zu entdecken.

Acht Originale aus der Sammlung wurden dafür digital bearbeitet und sind nun groß und bunt gedruckt. Verstärkte Kontraste machen die Gemälde besser sichtbar, darüber liegende Reliefs lassen die Malerei der Alten Meister ertasten. Anders als beim Reliefbuch zum Schweriner Dom, der in Siebdruck-Technik entstand, wurde hier eine neue Drucktechnik für Blindenschrift angewandt. Kurze Erklärungstexte – über die klassischen Buchstaben ist durchsichtige Brailleschrift gelegt – verschaffen einen Überblick über die Inhalte der Gemälde. Dem Buch liegt eine Audio-CD in Langversion bei, die ausführliche Beschreibungen zu den Gemälden und Detailabbildungen sowie sämtliche weitere Texte des Buches enthält. Statt kunsttheoretische Details zu erörtern, konzentriert sich die CD dabei auf den historischen Hintergrund der Gemälde, erzählt vom Tulpenhandel und der Schifffahrt im 17. Jahrhundert in Holland. Auch Geräusche, die beim Betrachter im Kopf entstehen, wie Meeresrauschen und Möwengeschrei, sind auf der CD zu hören. 60 Minuten voller Geschichte und Geschichten.

Mit allen Sinnen erfahren
Der Museumsführer "Das Goldene Zeitalter" regt mehrere Sinne an - Sehen - Tasten - Hören - und versucht, sehende, sehbehinderte und blinde Menschen gleichermaßen in die Welt der niederländischen Malerei zu entführen. Wenn Birgit Baumgart einmal im Monat ihre speziellen Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen durchführt, ist es ihr seit September vergangenen Jahres eine große Unterstützung, mithilfe des Gemäldeführers die Vorstellungskraft der Besucher auf vielfältige Weise zu wecken und zu verstärken. Und sie ist begeistert von der großen Resonanz des Projektes, das in Deutschland noch seinesgleichen sucht.

Auch für Wolf-Hagen Etter ist der Gemäldeführer grundsätzlich eine gute Idee. Der Vertreter der Gebietsgruppe Schwerin des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes Mecklenburg-Vorpommern e. V. hat den Entstehungsprozess des Gemäldeführers begleitet. Etter, zunächst sehbehindert, jetzt fast vollständig erblindet, hat sich schon immer für Kunst interessiert und möchte auch weiterhin Kunst erfahren. Er hat – aus seiner Erinnerung heraus – eine gute Vorstellungskraft von Bildern, Formen und Farben. Durch das Ertasten der Reliefs und die erklärenden Worte auf der Audio-CD kann er sich die einzelnen Gemälde relativ gut vorstellen. Er ist überzeugt, dass sich auch andere Menschen in ähnlicher Situation auf diese Weise Kunst besser erschließen können.

„Man muss sich natürlich für Kunst interessieren“, räumt er ein und betont, dass die Vorstellungskraft von Bildern bei jedem Einzelnen sicherlich unterschiedlich ist – auch in Abhängigkeit davon, wann jemand erblindet ist. Aber zum Beispiel für Klassen von blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern hält er es für eine große Hilfe, junge Menschen an Kunst heranzuführen, sie an Kunst teilhaben zu lassen.

Der Gemäldeführer liegt im Staatlichen Museum Schwerin an der Kasse aus. Darüber hinaus kann er käuflich erworben werden.

Weitere Informationen auf: museum-fuer-alle.de

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