Inklusion, Aktion Mensch-Blog

"Das Fass läuft über"

„Gebärdensprache macht stark!“ lautet das Motto der Aktion Gebärdensprache für eine Demo am Freitag, 14. Juni, in Berlin. Die nationalen Gebärdensprachen sollen endlich als vollwertige Sprachen anerkannt werden, fordert die Gehörlosen-Community. Ich habe Katja Fischer, die den Aktionstag koordiniert, auf dem Schriftweg interviewt: über ihre eigene Gehörlosigkeit und die Bedeutung der Gebärdensprache in unserer Gesellschaft.

Engagiert sich für die Anerkennung der Gebärdensprache: Katja Fischer.

Frau Fischer, was machen Sie eigentlich, wenn Sie beim Bäcker an der Theke stehen und Brötchen – beziehungsweise bei Ihnen in Berlin Schrippen – kaufen möchten?
Fischer: Da gehe ich lieber in ein Geschäft, wo man nicht sprechen muss und sich die Ware via Selbstbedienung aus dem Regal nehmen kann. Sonst starren mich die Leute, die in der Schlange stehen an, als ob ich blöd wäre. In der Gesellschaft wird das Sprechen als Norm angesehen. Gehörlose Menschen wie ich hören die Sprache aber nicht und können daher die eigene Stimme nicht kontrollieren.

Sie koordinieren die Demo und den Aktionstag „Gebärdensprache macht stark!“ am 14. Juni in Berlin. Wozu die Demo?
Fischer: Für uns läuft das Fass gerade über. Irgendwann muss die Diskriminierung und Respektlosigkeit gegenüber der Gebärdensprache aufhören. Sie muss von der Gesellschaft und vor dem Gesetz endlich als eigene Sprache und Kultur anerkannt werden. Das Ziel der Demo ist es, die Politiker wachzurütteln und die fünf Punkte unseres Forderungskatalogs in den Gesetzen zu berücksichtigen:

Erstens: ein barrierefreies Notruf-, Warn- und Informationssystem wie aktuell beim Hochwasser

Zweitens: bilinguale Förderung in den Schulen

Drittens: freier Zugang zu allen Bildungsstätten

Viertens: gleichberechtigter Informationszugang durch Dolmetscher und Untertitel

Fünftens: barrierefreier Zugang in Krankenhäusern, bei der Polizei, Rechtsanwälten, Familienberatungen, Finanzberatungen, Theater, Kunst, Kultur, Sportstätten und viele andere alltägliche Bereichen.

Wir wollen nicht länger am Rand der Gesellschaft stehen. Wir beanspruchen ein vollständiges Recht auf Gebärdensprache und wollen nicht länger darum betteln müssen. Das muss selbstverständlich sein!

Gebärdensprache ist sozusagen die Erstsprache der gehörlosen und schwerhörigen Menschen. Inwiefern wird sie als Minderheitensprache in unserer Gesellschaft diskriminiert?
Fischer: In Deutschland leben mehr als 13 Millionen Menschen mit einer Hörbehinderung. Wie viele gebärdensprachige Menschen es gibt, wissen wir nicht genau. Schätzungen gehen von etwa 100.000 gebärdensprachigen Menschen hierzulande aus.
In sehr wenigen Ländern der Welt ist die Gebärdensprache im Grundgesetz verankert. In Deutschland ist die Gebärdensprache nur als Amtssprache anerkannt. In der Gesellschaft stoßen wir immer wieder auf Barrieren. Viele Menschen halten Gebärdensprache für primitiv und betrachten uns als geistig zurückgeblieben. Das ist schon eine extreme Erfahrung. Wir freuen uns jedoch, dass unsere Sprache in letzter Zeit ein wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Trotzdem ist sie in der Gesellschaft noch längst nicht ganz angekommen.

Gehörlose und schwerhörige Menschen haben mit der Gebärdensprache nicht nur eine eigene Sprache, sondern auch eine eigene Kultur entwickelt. Was könnte getan werden, damit Gebärdensprache nicht länger eine Parallel- oder Nischenkultur bleibt?
Fischer: Taube Menschen sind von der Gesellschaft sozusagen „ausgestoßen“ und das seit Jahrhunderten. Die Gebärdensprache war in den Schulen verboten. Trotz des Verbots kommunizierten wir in Gebärdensprache, weil es uns in einer anderen Sprache nicht möglich war. Die „Brücke“ zwischen diesen Welten gab es nicht. Mit einer verbesserter Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit und einer verbesserten barrierefreien Kommunikation kann diese „fehlende Brücke“ gebaut werden. Ich möchte die USA als Beispiel nehmen. Wenn ein tauber Amerikaner in den USA lebt, hat er beides, die Kultur und Sprache der Vereinigten Staaten und die eines gehörlosen Menschen. Die Amerikaner sind uns von der Einstellung und der gesetzlichen Förderung um 20 Jahre voraus. Gehörlose Menschen in den USA leben ihre Kultur und Sprache der Gebärdensprache, trotzdem sind sie in der amerikanischen Gesellschaft inkludiert. Wir werden trotz des technischen Fortschritts immer taub oder schwerhörig bleiben, die Gebärdensprache wird es immer geben. Daher muss die Gesellschaft sich darauf einstellen.

Wie und wo kann man sich am besten über Gebärdensprache informieren? Und wo kann man sie lernen?
Fischer: Auf www.deafbase.de sind viele Kontaktadressen zu sehen. Dort kann man auch die Gebärdensprache lernen. Sie werden von dieser Sprache fasziniert sein. Sie ist eine völlig andere Sprache, die viele Menschen noch nie gesehen haben und sich auch nicht vorstellen können, was man mit Gebärdensprache alles ausdrücken kann. Die Gebärdensprache bezieht die Körpersprache bewusst mit ein. Man bekommt mehr Mut, den Menschen in die Augen zu schauen.
Erfreulicherweise werden Gebärdensprachschulen vermehrt von tauben Personen geführt. Das ist ein neues Geschäftsmodell für gebärdensprachige Menschen. In den USA sind nach Einführung der „Deaf Studies“ viele Jobs und ein regelrechter Wirtschaftszweig entstanden (Dolmetschen, Lehre, Seminare, Videoproduktionen). Eine wichtige Existenzgrundlage für gebärdensprachige Menschen. Leider ist dies oft die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit. Und das, obwohl viele taube und schwerhörige Menschen hervorragend ausgebildet sind.

Über Katja Fischer:

Katja Fischer arbeitet als Dozentin für Deaf Studies und Gebärdensprache an der Hochschule Magdeburg und an der Berliner Humboldt-Universität. Auch in ihrer Freizeit ist sie Befürworterin und Aktivistin für Inklusion und Vielfalt in der Gesellschaft. Die Wahlberlinerin ist seit ihrer Kindheit gehörlos.

Infos zum Aktionstag in Berlin:

Die Demo „AKTION GEBÄRDENSPRACHE“ wurde vom Deutschen Gehörlosen-Bund ins Leben gerufen. Start ist am 14. Juni, um 14 Uhr, auf dem Platz der Republik in Berlin. Ziel des Demonstrationszuges ist das Gehörlosenzentrum in der Friedrichstraße 12. Nach der Kundgebung findet hier ein großes Kinder- und Grillfest statt. Ab 19 Uhr startet ein buntes Abendprogramm mit verschiedenen Künstlern.

Linktipps:

Aktionstag „Gebärdensprache macht stark“ am 14. Juni in Berlin

Internetseite von Katja Fischer

Katja Fischer auf Twitter

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