Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Bombenlager und Münzensammler

Neulich hörte ich im Radio einen Beitrag über das Thema, das zurzeit alle beschäftigt: das Wetter. Auch ich lauschte fasziniert den Beschreibungen von Palmen und Sandstränden und dachte: Ich könnte auch mal wieder in den Urlaub fahren! Aber mit einem Rollstuhl und einem körperlichen Handicap ist das oft mehr als eine Herausforderung.
 

Der Rollstuhl als potentielles Bombenlager oder: die Reaktionen des Flughafenpersonals

Vor ein paar Jahren bin ich mit meinen Eltern in den Urlaub nach Spanien geflogen. Obwohl ich jetzt schon seit langer Zeit nicht mehr zuhause wohne und Assistenz in Anspruch nehme, fahren wir regelmäßig als Familie in die Ferien. Eigentlich stellte ein Flug für mich und meinen Rollstuhl keine allzu große Schwierigkeit dar. Eigentlich – denn auf dieser Spanienreise nun stellte sich auf einmal das Personal am Flughafen so komisch an, wie wir es bis zu diesem Zeitpunkt nicht erlebt hatten. Mein Rollstuhl besteht, wie fast alle Rollstühle, überwiegend aus Metall oder einem ähnlichen Material, so dass er bei einer Durchfahrt durch die Sicherheitsschleuse ein hohes Piepsen auslöst. Um dieses zu vermeiden, werde ich eigentlich mit den Händen, sehr vorsichtig und oberflächlich nach Sprengstoff oder anderen verbotenen Sachen untersucht. Lange Zeit hat meine Familie bei der Kontrolle immer Witze gemacht, dass ich doch eigentlich alles mit an Bord nehmen könnte, da ich es sowieso nicht richtig kontrolliert werden würde. Aber bei diesem Flug sagte der Sicherheitsbeamte: "Sie muss raus da! Raus!!" Da wir ihm nicht schnell genug reagierten, fing er an, die Gurte an meinen Rollstuhl zu öffnen. Ich protestierte, und er holte eine Kollegin und bat sie weiterzumachen. Ich protestierte immer noch. Meine Mutter musste mich schließlich aus dem Rollstuhl nehmen und mich 20 Minuten wie ein kleines Kind auf dem Arm halten. Wir waren die Attraktion des Flughafengebäudes.

Die Sicherheitsbeamten versuchten während dieser Zeit, meinen Rollstuhl in seine Einzelteile zu zerlegen. Sie berieten sich in einer kleinen Gruppe darüber, wie sie am klügsten dabei vorgehen sollten. Meiner Mutter oder mir hörten sie nicht zu. Schließlich hatten sie es geschafft, meine Sitzschale vom Rollstuhl zu lösen und waren nun damit beschäftigt sie durchleuchten zu lassen. Als sie damit fertig waren, wurde beschlossen, Werkzeug zu holen, denn innerhalb des Rollstuhls zum Beispiel in den Griffen könnte ich ja Sprengstoff oder andere verbotene Substanzen versteckt haben. Ich weiß nicht mehr, wann wir in das Flugzeug steigen konnten, aber irgendwann musste mein Rollstuhl den Sicherheitsvorstellungen der Beamten genügt haben, denn schließlich ließen Sie uns in das Flugzeug steigen.

Der Münzensammler oder: der Rollstuhl als Einladung für merkwürdige Landessitten

Mit einem Rollstuhl zieht man immer Aufmerksamkeit auf sich; das ist im Urlaub nicht anders als zuhause. Aber die Berliner sind in der Regel nicht so scharf darauf, mich und meinen Rollstuhl anzufassen, es sei denn, es ist Feiertag. Im Urlaub allerdings versammelte sich eine Menschentraube um mich, als ich einmal draußen vor der Tür warten musste, da es im Laden zu eng für den Rollstuhl war. Also wartete ich. Und die Leute warteten auch. Sie begannen, meine Begleitung zu suchen, und fingen an – anscheinend zur Beruhigung – mich zu streicheln. Irgendwann legte mir eine ältere Frau eine Münze in die durch die Spastik immer nach hinten gestreckte Hand, kniff mir in die Wange und nickte, bevor sie stumm davon ging. Andere folgten ihrem Beispiel und gaben mir auch Geld oder Süßigkeiten. Alle meine Versuche, die Geschenke abzulehnen, wurden nicht gehört. Schließlich kam meine Mutter aus dem Laden zurück und entschuldigte sich dafür, dass es so lange gedauert hatte. Ich lachte: "Ich habe inzwischen unsere Urlaubskasse ein bisschen aufgebessert und ein paar Münzen gesammelt!" Meine Mutter zwinkerte mir zu. "Super", sagte sie, "dann kann ich ja gleich nochmal in den Laden gehen!" Sie schüttelte den Kopf und schob mich davon, gefolgt von den Blicken der Frauen, die uns immer noch beobachteten.

"Sie kann ja sprechen!“ oder: der Rollstuhl als Kommunikator

Ich liebe Spanien und die spanische Sprache. Ganz besonders zieht mich Barcelona an. Seit fünf Jahren lerne ich Spanisch und kann mich mittlerweile gut verständigen. Vor drei Jahren bin ich mit meiner Mutter und einer Assistenten mit dem Auto über Frankreich nach Barcelona gefahren, um den Umständlichkeiten beim Fliegen zu entgehen. Es war eine tolle Reise. Aber was mir von dieser Reise am besten in Erinnerung geblieben ist, sind die Reaktionen der Leute. Da meine Assistenten und auch meine Mutter kein Spanisch können; musste ich alles regeln; vom Einkaufen über Bestellungen in Restaurants bis hin zum Fragen nach dem richtigen Weg. Meist sind die Gespräche immer gleich verlaufen: Ich habe gefragt, meine Assistentin oder meine Mutter wurden angeschaut, und es passierte erst mal nichts, ich habe dann meine Frage wiederholt, der Befragte sah meine Begleiterinnen an und gab ihnen die Antwort. Ich bedankte mich und wurde wieder nicht beachtet. Irgendwann haben die Leute verstanden, dass ich diejenige bin, die sie versteht und haben sich gefreut, dass ich sprechen kann. Während unserer Zeit in Barcelona haben meine Mutter und ich einmal schöne, alte Möbel auf der Straße gesehen. Ein Mann gesellte sich zu uns und erklärte, dass wir die Sachen gerne mitnehmen könnten, sie seien sowieso Müll. Ich übersetzte, und er begann zu lächeln. Ich dachte, gleich käme wieder ein: "Oh, sie kann ja sprechen! Und dann auch noch Spanisch!" Aber der Mann fing an, in gebrochenem, aber gut verständlichem Deutsch zu erzählen, dass er in Deutschland studiert hatte. So redeten wir eine Weile, bevor er uns herzlich verabschiedete und uns half, unsere Fundstücke auf dem Rollstuhl zu verstauen.

Das Ende der Radiosendung und die einsetzende Musik holen mich aus meinen Gedanken an Barcelona zurück an meine Abschlussarbeit nach Berlin."Gewinnen Sie nach der Werbung einer Städtereise für zwei Personen nach Barcelona!", sagt der Radiosprecher. Perfekt, denke ich und muss lachen.


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