Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Blindheit in den Medien (1): Der blinde Alltag

Wie wird Blindheit in Presse, Literatur und TV dargestellt? Und was sagt die Darstellung über den Umgang mit Behinderung in unserer Gesellschaft aus? In einer dreiteiligen Serie geht Heiko Kunert diesen Fragen nach. Im ersten Beitrag geht es um die journalistische Berichterstattung.

"Ich suche einen blinden Menschen, den ich für einen Artikel einen Tag lang begleiten kann." Anfragen wie diese erhalte ich häufig in meiner Arbeit als PR-Referent beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg. Und in der Regel haben die Journalisten sehr genaue Vorstellungen über den gesuchten Protagonisten. Ein Schreiber eines Boulevard-Blattes brachte es einmal auf den Punkt: "Am besten blond, jung, weiblich und schön." Und wenn ich nachfrage, ob die Person vollkommen blind oder auch "nur" sehbehindert sein darf, kriege ich nicht selten zu hören: "Blind ist besser. Da muss man nicht so viel erklären."

Verzerrtes Bild

Und in der Tat weicht das medial vermittelte Bild erheblich vom Durchschnitt der blinden und sehbehinderten Menschen ab. Die allermeisten Betroffenen sind sehbehindert, sie sind also nicht vollkommen blind. Groben Schätzungen zufolge gibt es knapp 150.000 blinde Menschen, aber 500.000 bis eine Million sehbehinderte Menschen in Deutschland. Dennoch überwiegt bis heute die Berichterstattung über Blindheit. Und der Durchschnittssehbehinderte ist im Seniorenalter. Über 40 % sind 80 Jahre oder älter. Dennoch zeigen Medien meist jüngere Menschen.

Neuigkeiten, Besonderes, Skandale

Die Grundregeln des Journalismus spiegeln sich selbstverständlich auch in Berichten über Blindheit und Sehbehinderung wider. Neuigkeiten, Besonderes, Skandale sind für Leser und Zuschauer interessanter als die Alltagserlebnisse blinder und sehbehinderter Senioren. Und so überwiegen Artikel über Joana Zimmers erste Tanzschritte oder über blinde Kinder, die sich mithilfe von Schnalzlauten orientieren. Nur selten wird über 80-jährige sehbehinderte Frauen berichtet, die dringend auf Hilfsmittel angewiesen sind, sie aber nicht erhalten, weil sich die Krankenkassen weigern, sie zu bezahlen.

Die Wahrheit liegt dazwischen

Und die Berichterstattung ist immer noch nicht frei von Stereotypen. Am einen Ende der Berichterstattung sind da auf der einen Seite die "Superblinden", die auf keinerlei Hilfe angewiesen sind, deren verbleibende Sinne extrem geschärft sind, die überaus musikalisch sind, die frei von jeder Oberflächlichkeit sind. Und auf der anderen Seite sind die hilflosen Blinden, die keinen Schritt allein gehen können, die ein Leben in absoluter Dunkelheit führen, die traurig und wütend sind und sich nach ihrem Sehen sehnen.

Die Lebenswirklichkeit der allermeisten blinden und sehbehinderten Menschen liegt irgendwo zwischen diesen Extremen. Sie führen ein ganz normales und – wenn ihre Umwelt es erlaubt – selbstbestimmtes Leben, und dennoch sind sie hin und wieder auf menschliche Hilfe oder auf finanzielle Nachteilsausgleiche angewiesen.

Sensibilität ist gefragt

Ich habe schon den Eindruck, dass die Berichterstattung zunehmend häufig auf falsches Mitleid verzichtet und immer mehr Journalisten versuchen, ein differenzierteres Bild von Blindheit zu zeichnen. Dennoch brauchen wir mehr Sensibilität in den Medien für die Lebensrealität behinderter Menschen und einen bewussteren Umgang mit Sprache. Am Ende läuft es auf den Wunsch hinaus, dass Menschen in den Mittelpunkt gerückt werden und nicht deren Behinderungen.


Linktipps:
Blind wohnen: Über Füße im Futter und verschollene Korkenzieher. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert
Blind fotografiert! Ein Blogbeitrag von Michaela Eiben
Normalität in Film und Fernsehen. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne

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