Aktion Mensch-Blog

Bekannt wie ein bunter Hocker

In der Hamburger Jarrestadt entsteht Kunst von Menschen mit erworbenen Hirnschäden. Das Atelier ist zu einem für alle offenen Treffpunkt im Viertel geworden.

Matthias Wolters und Karen Marquardt vom Treffpunkt Jarrestadt: „Jetzt kennt uns hier jeder“ Fotos: Werner Grosch

Nach „Behindertenwerkstatt“ sieht es hier nicht aus. Und genau das soll es auch nicht. Das große Türschild verweist auf die Kunst, die hier gemacht wird, in den Fenstern sind einige Werke zu sehen, die Tür steht weit offen. Der Treffpunkt Jarrestadt, in Nachbarstadt zur bekannten Kulturfabrik Kampnagel im Hamburger Stadtteil Winterhude, lädt jede und jeden ein. Auch wenn sich das Angebot gezielt an Menschen mit erworbenen Hirnschäden richtet.

Im Viertel bekannt und akzeptiert

Das Atelier bietet seit drei Jahren Workshops an, bei denen Hocker kunstvoll bezogen, Bilder gemalt und gedruckt oder Batiken hergestellt werden. Menschen, die durch eine Hirnschädigung aus ihrem früheren Leben gerissen wurden, sollen hier eine Möglichkeit finden, über kreatives Arbeiten wieder aktiv zu werden und Kontakte zu knüpfen. Und dafür ist es wichtig, im Viertel bekannt zu sein.

„Wir haben im Juni ein Straßenfest veranstaltet, das hat es hier in der Jarrestraße noch nie gegeben. Die Vereine in der Nähe haben uns gesagt, das klappt nie, ihr übernehmt euch. Es hat geklappt, um die 7.500 Leute waren da, und jetzt kennt uns hier jeder“, erzählt Kunsttherapeut Matthias Wolters. Das führt auch dazu, dass die Klienten der Werkstatt in der Umgebung akzeptiert sind. Ist jemand orientierungslos, wird jetzt der Treffpunkt angerufen, nicht mehr die Polizei. Eine ältere Frau aus der Nachbarschaft kommt regelmäßig vorbei, um mit einem der Klienten spazieren zu gehen. „Sie trinken dann zusammen einen Kaffee, und beide freuen sich über den Kontakt“, erzählt Wolters.

„Wir wollen als Bereicherung wahrgenommen werden!“

Der Standort an der lebendigen Jarrestraße ist bewusst gewählt. Viele Einrichtungen der evangelischen Assistenz Alsterdorf, die auch den Treffpunkt trägt, wurden in den vergangenen Jahren in der Stadt verteilt. „Auf dem Zentralgelände lebten früher tausende Menschen, total abgeschottet, von einem Zaun umgeben. Das war eine richtige Anstalt“, erzählt die Grafikerin und Heilerzieherin Karen Marquardt, die zusammen mit Wolters den Treffpunkt leitet. Heute, sagt sie, leben nur noch etwa 250 Menschen dort, und das Gelände ist offen – nach beiden Seiten.

Das Ziel dieser Dezentralisierung ist klar: „In den Stadtteilen soll die Basis für Inklusion geschaffen werden“, erklärt Wolters. Er will aber noch mehr als Akzeptanz: „Wir wollen als Bereicherung wahrgenommen werden!“ Dieser Idee dienen auch die Kunstwerke und Designobjekte, die hier entstehen. Zum Beispiel die eigenwilligen Hocker, die in Zukunft auch mit einem Katalog und im Internet vermarktet werden sollen. Außerdem bietet der Treffpunkt Jarrestadt Hausmeisterdienste und Computerservice an. Alles, um das Image von Menschen mit Behinderung zu verschieben. Weg von der Einschränkung, hin zu den Fähigkeiten.


Linktipps:
Anerkennung von Kunst von Menschen mit Behinderung wächst. Ein Interview im Blog von Werner Grosch mit Jutta Schubert vom Verein EUCREA, der Künstler mit Behinderung fördert
Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den Dokumentarfilm „Insider Art – Aus Liebe zur Kunst“
„Ich sehe was, was du nicht siehst“. Ein Blogbeitrag von Ulli Steilen über eine Kölner Ausstellung von Künstlern mit und ohne Behinderung
Ein Auftrag der besonderen Art. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über die Künstler des „Atelier Goldstein“
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