Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Behinderung mit Ablaufdatum

Vor ziemlich genau zwei Jahren erhielt ich eine automatische Email vom Personalservice meines damaligen Arbeitgebers, die mich erst einmal gehörig zum Lachen und später zum Nachdenken brachte. Sie begann mit dem Satz:

"Sehr geehrte Frau Strack,
Ihre Schwerbehinderung endet nach unseren Unterlagen am 01.09.2010."

Nachdem ich wieder Luft bekam, antwortete ich spontan, dass ich herzlich gelacht hätte, andere Kollegen das aber vielleicht mit etwas weniger Humor aufnehmen würden und der Personalservice die Formulierung eventuell noch mal überdenken sollte (gemeint war natürlich eigentlich nur das Ablaufdatum meines Schwerbehindertenausweises). Wenige Tage später erhielt ich diese (diesmal nicht automatisierte) Antwort:

"Sehr geehrte Frau Strack,
vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben den Sachverhalt nochmals geprüft und festgestellt, dass Sie Recht haben: Eine Schwerbehinderung kann gar nicht so einfach beendet werden."

Diese Mail amüsierte mich noch um einiges mehr, schließlich kam sie nicht von einem Mailsystem, sondern einem denkenden (?) Menschen! Ich versuchte es also auf einem anderen Weg und leitete die Mail an einen befreundeten Kollegen weiter, der für die Qualitätssteigerung im Personalservice zuständig war. Spaßeshalber beschwerte ich mich darüber, dass ich nun schon bei der Krankenkasse die Abholung meines Rollstuhls beantragt, eine Klettertour zum Mount Everest gebucht, sowie meine Assistentinnen zum 01.09.2010 gekündigt hätte – und nun erfahren müsste, dass die Behinderung doch nicht so einfach beendet werden könne?!

Dann fing ich an, ein wenig nachdenklich zu werden. Was wäre denn nun, wenn wirklich die gute Fee kommen würde und meine Behinderung wegzaubern würde? Was würde sich ändern in meinem Leben?

Schockierenderweise nicht viel. Zugegeben, den Rolli würde ich abholen lassen und meine Assistentinnen entlassen müssen (sorry, Mädels, aber ich würde Euch anderweitig unterbringen, versprochen!). Der Mount Everest reizt mich nicht wirklich. Würde er es tun, hätte ich schon längst einen Weg gesucht, ihn mit Rolli zu erklimmen. Vielleicht eine Rucksacktour durch Indien? Hmmm, nein, ich bin eher die 5-Sterne-Luxusanlage-Tussi, tut mir leid, daran ändert auch die fehlende Behinderung nichts. Würde ich meinen Job kündigen? Weshalb sollte ich – ich liebe ihn und habe schneller Karriere gemacht als die meisten Nichtbehinderten. Einen neuen Partner suchen? Nein, Schatz, mach Dir keine Sorgen, Dich liebe ich auch. Eine neue Wohnung? Wozu, Erdgeschoss ist nicht nur mit Rollstuhl, sondern auch mit schweren Einkaufstüten praktisch.

Das Fazit mag viele Nichtbehinderte erstaunen, aber fast nichts in meinem Leben würde sich durch den Wegfall meiner Behinderung grundlegend ändern. Weil es gut ist, wie es ist. Mit Behinderung, ohne Behinderung – es ist einfach meins.


Linktipps:
Leben mit persönlicher Assistenz: Ein Blogbeitrag von Petra Strack
Augen zu und Ohren auf – das Hörbuch „Mehr vom Leben“ ist da: Ein Blogbeitrag von Ulrike Pfaff
Selbstbestimmt Leben lernen: Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen

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