Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Behindert und Baby?

Letzte Woche habe ich mich mit einer Freundin im Café getroffen. Sie hatte den Vormittag frei, da ihr kleiner Sohn jetzt die Kita besucht. Wenn ich überlege, waren in diesem Jahr viele meiner Freundinnen schwanger oder sind Mütter geworden.

Ich weiß von Freundinnen, die keine Kinder haben, dass sie in Anwesenheit frisch gebackener Mütter oft den Satz hören: "Na, bekommst du da nicht auch Lust auf so was Kleines?" Die Befragten sind dann genervt und überfordert, weil sich in der Welt frisch gebackener Mütter alles nur um das Kind und die neue Rolle der Mutter zu drehen scheint. Ich habe diese Frage noch nicht gestellt bekommen.

Kann eine Frau wie ich ein Kind bekommen und Mutter sein?

Seit meiner Geburt sitze ich im Rollstuhl. Ich habe eine Spastik und kann meinen Körper nur unkontrolliert und minimal bewegen. Das sind medizinisch nicht gerade ideale Voraussetzungen für eine Schwangerschaft, eine Geburt und die Rolle einer Mutter. Aber ich glaube diese Gedanken sind nicht der Grund, warum mir die Frage nach dem eigenen Kinderwunsch nicht gestellt wird. Es liegt daran, dass das sehr eng mit der Rolle der Frau und die Sicht auf Weiblichkeit in der gesellschaftlichen Vorstellung verknüpft ist. Eine Frau mit einer körperlichen Beeinträchtigung ist in erster Linie eine Frau mit einer Behinderung und erst dann eine Frau. Sie wird nicht als potentieller Beziehungspartnerin oder Mutter für die möglichen Kinder wahrgenommen. Sie ist, wie auch in Bezug auf Liebe, Sexualität und Partnerschaft, geschlechtslos und wird eher selten mit dem Gedanken an Kinder, Schwangerschaftsbauch oder einem Kinderwunsch in Verbindung gebracht. Bis jetzt sind meine Überlegungen nur theoretisch, und ich bin noch sehr weit davon entfernt, sie in nächster Zukunft in die Tat umzusetzen. Aber in Anbetracht der vielen Kinder um mich herum kommt mir immer häufiger die Frage nach meiner Rolle als Mutter mit einer Behinderung in den Sinn und die praktische Umsetzung oder Konsequenzen für mich und mein Kind.

Die biologischen Voraussetzungen sind gegeben

Rein biologisch und gesundheitlich wäre ich dazu im Stande, ein Kind auszutragen und per Kaiserschnitt auch zu bekommen. Ein Kaiserschnitt, eine Operation, wäre nötig wegen meiner Spastiken. Der Arzt, den ich vor einiger Zeit aus Neugier gefragt habe, hat mir gesagt, dass ich wahrscheinlich während der Schwangerschaft viel liegen und das Kind mit einem Kaiserschnitt früher geholt werden müsste. Aber sonst wäre es aus rein medizinischer Sicht kein Problem. Die Gefahr, dass das Kind behindert sein würde, sei auch gering, da meine Körperbehinderung nicht vererbbar ist.

Aber die medizinische Seite ist ja bei weitem nicht alles

Ich brauche auf Grund meiner Behinderung für alle Dinge und Tätigkeiten Hilfe. Ich kann nichts selbst tun, vom Nasekratzen bis zum Einkaufen, vom Putzen bis zum Anziehen. Ich sage den Leuten, wenn ich ihnen das Ausmaß meiner Behinderung erkläre, rein körperlich gesehen bin ich hilflos wie ein Baby. Kann also ich, die körperlich selbst hilflos ist, einem Baby die körperliche Sicherheit und Geborgenheit geben, die es gerade in der ersten Zeit braucht? Mein Mittel, um in der Welt zurecht zu kommen, ist die Sprache. Ich mache alles mit Hilfe von Erklärungen und Worten. Mein Kind kann aber in den ersten eineinhalb Jahren nicht sprechen. Ich weiß von Freundinnen, dass die Kommunikation mit Kleinkindern sehr viel über Körperkontakt, Anfassen, Grimassenschneiden oder Streicheln läuft. All das könnte ich nicht.

Mehrere Mütter für mein Kind

Um auszugleichen, dass ich mich nicht bewegen kann, habe ich Menschen, die rund um die Uhr bei mir sind und die Dinge, die ich brauche und machen will, nach meinen Anforderungen und Vorstellungen erledigen. Diese Unterstützung gibt es auch im Falle einer Mutterschaft. Das Modell der sogenannten "Elternassistenz". Das heißt, mein Kind würde nach meinen Wünschen von Assistentinnen betreut und versorgt werden.

Werde ich als Mutter anerkannt?

Die Assistenzwürde sich dann also nicht nur um mich, sondern eine zweite auch um mein Kind kümmern. Ich wäre auch hier die Chefin und könnte bestimmen, was mit meinem Kind gemacht wird. Aber gerade wenn ich das Kind nicht selber herumtragen, anfassen und versorgen kann, habe ich die Befürchtung, dass mein Kind mich nicht als Mutter sieht, sondern eher die Personen, die sich körperlich um es kümmern können. Das heißt, die ihm die Grundbedürfnisse stillen: füttern, Windeln wechseln, beruhigen, herumtragen und kuscheln. Auch später könnte ich mit meinem Kind nicht fangen oder Fußball spielen und es vor Wespen oder anderen Gefahren schützen.

Ein Rollstuhl mit integriertem Kinderwagen

Alle meine Überlegungen sprechen bis jetzt eher gegen ein Kind. In meinem Leben habe ich vieles getan, was mir meine Mitmenschen wegen meiner schweren Körperbehinderung nicht zugetraut haben. Ich habe es trotzdem versucht, und ich habe es meist geschafft, oftmals auf anderen Wegen und in einem langsameren Tempo, aber das ist mir egal. Natürlich werde ich als Mutter mit einer Behinderung immer angeschaut werden und eine besondere Rolle haben. Ich werde viele Dinge, die mein Kind betreffen, in die Hände anderer geben müssen, und ich werde mir wahrscheinlich auch viele Ratschläge und Kommentare meiner Assistenten und anderer Leute, die es besser wissen wollen, anhören müssen. Aber in erster Linie werden ich und mein Partner wissen, dass wir die Eltern sind, und unser Kind wird merken, dass wir es liebhaben und beschützen können. Und für das Herumtragen, Schaukeln und Beruhigen gibt es vielleicht auch schon bald in den Rollstuhl integrierte Kinderwägen oder elektrisch bedienbare Wiegen und Tragetücher, mit denen mir das Kind sicher auf den Bauch gebunden werden kann, so dass ich mit ihm kuscheln, ihm Geschichten erzählen und ihm etwas vorsingen kann.

Auch ich kann eine Mutter sein

Das Lachen eines Kindes holt mich aus meinen Gedanken zurück an den Tisch im Café. Meine Freundin schaut nervös auf ihr Handy. Sie sagt: "Die vom Kindergarten hätten sich gemeldet, wenn was passiert wäre, aber der Empfang ist hier so schlecht." Gerade als ich ein paar beruhigende Worte sagen will, betritt eine andere Freundin das Café. Sie hat einen Kinderwagen dabei. Sofort beginnen die zwei Mütter ein Gespräch. Das Kind in dem Kinderwagen ist auf meiner Augenhöhe. Es lacht mir zu und streckt mir seine Hand entgegen. Dann guckt es mich beleidigt an, weil ich sie nicht ergreifen kann. Ich lache ihm zu und es lacht auch. So etwas Kleines ist schon sehr süß, denke ich, und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist: warum nicht.


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Eine Link- und Textsammlung zum Thema Eltern mit Behinderung beim Deutschen Bildungsserver
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Trotz Behinderung auch eine Frau

Hallo meine liebe, ich bin durch eine OP vor 2 Jahren Tumor an der Halswirbelsäule auch körperlich etwas eingeschränkt kann zwar wieder hinkend gehen und werde auch ständig deshalb angeschaut als sei ich kein Mensch der nicht das Recht hätte sein Leben zu leben und vor kurzem habe ich geheiratet und wir möchten auch Kinder bekommen und trotz spastik im linken Arm und feinmotorik Störungen, sowie nicht schwer tragen zu können habe ich das recht genau wie du als vollwertige Frau anerkannt zu werden, natürlich wirst du viel Hilfe benötigen aber die Liebe die dein Kind erfahren würde käme ganz alleine von dir und auf solche Menschen wie du es bist sollte man den Hut ziehen, du hast einen Traum dann lebe ihn bitte, ich wünsche dir ganz viel stärke. Herzliche Grüße

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