Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Behindern – jetzt auch in Gießen heilbar!

In Gießen herrscht Gründerzeitstimmung. Vielleicht nicht überall – aber beim Zentrum selbstbestimmt Leben e. V. (ZsL) auf jeden Fall. Allerdings geht es hier weniger um wirtschaftlichen Aufschwung und großes Geld, sondern um ein Mehr an Selbstbestimmung. Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung.

Kampagnenplakat des ZsL Gießen.

"Die Informationslage ist oft unterste Kanone", weiß Alexander Busam, Geschäftsführer des neuen Gießener Zentrums für selbstbestimmtes Leben. Mangelndes Wissen um eigene Möglichkeiten und berechtigte Ansprüche hält viele Menschen mit Behinderung davon ab, sich Hilfe zu holen und selbstbestimmter zu leben.
Der Gießener Verein, der sich im August 2011 gegründet hat und seit dem 1. Februar Menschen mit Behinderung berät, ist aus einem studentischen Arbeitskreis hervorgegangen. Inzwischen gehört er dem Dachverband Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL)an. Gießen ist hierzulande das 21. Zentrum für selbstbestimmtes Leben.

Beratung aufgrund eigener Erfahrung

Das Alleinstellungsmerkmal der Zentren: Alle Leitungspositionen werden von Menschen mit Behinderung besetzt. Beratungsangebote basieren auf der Peer-Counseling-Methode. Das heißt, die Beratung von Menschen mit Behinderung erfolgt immer durch Menschen mit Behinderung. "In der Behindertenarbeit wird häufig von Menschen beraten, die selbst nicht die Erfahrung von Behinderung gemacht haben. Dass wir aufgrund eigener Erfahrung beraten, ist der große Vorteil gegenüber einer gewöhnlichen Sozialberatung", sagt Elisabeth Adam, Mitarbeiterin im Gießener Verein, die wie ihr Kollege Busam eine Epilepsie hat. "Bei einer guten Beratung geht es nicht nur um Sachkompetenz, sondern auch um Empathie und die Fähigkeit, Betroffene aus ihrer Isolation herauszuholen", weiß die 27-jährige Sozialwissenschaftlerin. "Wir beraten Leute, die verlassen ihre Wohnung nicht mehr, weil sie keine Möglichkeit dazu sehen."

Ein Weg aus der Isolation kann das Persönliche Budget und die damit verbundene Möglichkeit einer persönlichen Assistenz sein (siehe hierzu auch den Beitrag von Petra Strack und Raúl Krauthausen in diesem Blog). "Das persönliche Budget muss weiter ausgebaut werden", fordert Elisabeth Adam. "Bisher mangelt es an solchen selbstbestimmten Strukturen in Gießen und Umgebung." Um diesen Missstand zu beheben, plant das ZsL Gießen die Gründung einer gemeinnützigen GmbH mit der Aufgabe, selbstbestimmte Assistenz zu organisieren.

Perspektive wechseln

Neben der individuellen Beratung sehen die Gießener Aktivisten ihre Hauptaufgabe in der Interessenvertretung und politischen Aufklärung. "Behindern ist heilbar – auch in Gießen!" lautet das Motto ihrer zurzeit laufenden ersten Öffentlichkeitskampagne. Sie soll die lokale Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention anstoßen. Mit Aktionen und Infoständen in der Gießener Innenstadt sowie einer Abschlussveranstaltung am 31. März wollen Alexander Busam und seine Mitstreiter eine gesellschaftliche Debatte über die Frage von Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung in Gießen und Umgebung ins Rollen bringen. "Wir wollen einen Wechsel der Perspektive bei den Leuten in der Stadt und im Landkreis Gießen erreichen", erklärt Busam. "Es geht uns um eine Abkehr von der Defizitorientierung. Das heißt, dass nicht die Einschränkungen von Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt stehen, sondern Potentiale und positive Beispiele von selbstbestimmtem Leben mit Behinderung." Natürlich formuliert das Gießener Zentrum auch ganz konkrete Forderungen: Mehr bezahlbare und barrierefreien Wohnungen in Gießen, mehr Inklusion in Schule und Beruf.



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