Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Barrierefreies Wohnen mit Hindernissen

Die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung in Berlin erfordert viel Glück – mit Behinderung ist es alleine fast unmöglich.

Ein Glücksspiel ist die Suche nach einer günstigen Bleibe in Berlin geworden, seit die Mieten rasant steigen. Wer mit einer Behinderung lebt, braucht aber oft mehr als Glück, um eine komfortable Wohnung zu finden. Auf die Hilfe eines Vereins war Christian Vieweg angewiesen, um umziehen zu können. Auf das O. K. einer Mitarbeiterin im Bezirksamt muss Elly Graßhoff hoffen, wenn ihre Miete steigt. Der eine hat nun seit neuestem ein wunderschönes Zuhause und die Sicherheit, dort lange wohnen zu können, und die andere weiß nicht, wie lange sie ihre Wohnung noch halten kann.

„Würden Sie bitte umziehen?“

Im Jahr 2010 ändert sich das Leben von Elly Graßhoff grundlegend. Die gute Nachricht kommt aus Marienfelde, einem südlichen Randbezirk von Berlin. Bei einem Unternehmen bekommt sie einen Job als Pförtnerin. Sie selbst wohnt allerdings auf der anderen Seite der Hauptstadt, im Wedding. Dem Bezirksamt gefällt die Distanz überhaupt nicht. „Würden Sie bitte umziehen?“, lautet die freundlich verpackte Aufforderung, sich eine Bleibe in der Nähe ihrer zukünftigen Arbeit zu suchen. „Der Fahrdienst wird zu teuer.“ Elly Graßhoff macht sich auf die Suche. Bis zu 17 Stunden am Tag surft sie mithilfe ihrer Assistenten im Internet. Die 33-Jährige ist schwerstbehindert, 24 Stunden am Tag stehen ihr Mitarbeiterinnen des Vereins Ambulante Dienste zur Seite. Nach vier Monaten findet sie eine Wohnung in Neukölln, groß genug, damit sie sich mit Rollstuhl und Lifter darin bewegen kann.

„Wie ein Sechser im Lotto“

Im gleichen Jahr verändert sich das Leben auch für Christian Vieweg grundlegend. Er wohnt zu dieser Zeit alleine in einer barrierefreien Wohnung in Zehlendorf, kurz vor der Grenze zu Brandenburg, und fährt regelmäßig zu seiner Mutter nach Wilmersdorf, um sie im Haushalt zu unterstützen. Plötzlich stirbt sie. Und für Christian Vieweg beginnt der Abstieg in die Einsamkeit. „Ich bin in ein Loch gefallen“, blickt er heute zurück. Ein Jahr später fängt er an, mit dem Gedanken zu spielen, umzuziehen, er will nicht weiter am Rand von Berlin leben, ihm fehlen Menschen, Gespräche. Er versucht, im Internet nach Wohnungen zu suchen, doch er findet nichts. „Ich habe nur Wohnungen am Stadtrand gefunden, und die waren meistens an Pflegeheime angeschlossen.“ Aber Christian Vieweg ist geh- und lernbehindert und kein Fall für einen Pflegedienst. Weil er häufig zu Treffen der Lebenshilfe geht, spricht sich dort herum, dass er eine neue Bleibe sucht. Es dauert zwei Jahre, bis er tatsächlich seine Koffer packen kann. Denn zwei Jahre braucht auch die Lebenshilfe, bis sie in Kreuzberg bezahlbare barrierefreie Wohnungen findet, die sie WG-artig untervermieten kann. Christian Vieweg lebt jetzt seit Anfang August mit zwei Frauen in einer Wohngemeinschaft, sie gehört dem Wohnverbund Am Jüdischen Museum der Lebenshilfe an. „Als ich die Wohnung hier gesehen habe, habe ich gesagt: Das ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt Vieweg glücklich, als er am Esstisch seiner neuen Wohnung sitzt. „Ich kann es manchmal kaum fassen, dass ich hier wohnen kann. So zentral und nicht mehr so abgeschottet!“

Strudel aus steigenden Mietkosten und streng kalkulierenden Verwaltungsangestellten

Während Christian Vieweg sich die vergangenen zwei Jahre aus seiner Einsamkeit herauswindet, gerät Elly Graßhoff immer tiefer in einen Strudel aus steigenden Mietkosten und streng kalkulierenden Verwaltungsangestellten. Weil die Heizkosten kontinuierlich nach oben klettern, muss sie Jahr für Jahr mehr Geld beim Bezirksamt einfordern, das die Rechnungen für sie begleicht. Als sie das letzte Mal da war, um ihre Nebenkostenabrechnung einzureichen, hörte sie einen unheilvollen Kommentar: „Oh, das ist aber teuer“, sagte die Sachbearbeiterin. „Das heißt: Das können wir nicht mehr lange mitmachen“, übersetzt Elly Graßhoff diese fünf Worte in ihre eigentliche Bedeutung und resümiert: „Mit jeder Heizkostenabrechnung steht meine Wohnung auf Messers Schneide.“


Linktipps:
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: Zuhause" der Aktion Mensch
Mehr zum Thema barrierefreies Wohnen beim Familienratgeber
Wie in einer großen Familie. Teil 1 des Berichts von Margit Glasow über das Stadtentwicklungsprojekt "Mitte Altona"
Barrierefreies Bauen und Wohnen. Teil 2 des Berichts von Margit Glasow über das Stadtentwicklungsprojekt "Mitte Altona"
Der Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen – das Philosophicum-Projekt in Frankfurt. Ein Blogbeitrag von Eva Keller über ein inklusives Wohnprojekt in der Metropole am Main
"Unterstützung wird keine Einbahnstraße sein". Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über das Hamburger Wohnprojekt BliSS für gemeinsames Wohnen von blinden, sehbehinderten und sehenden Menschen

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